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Lange Rezensionen 21 - 40 von 959 im Genre »Jazz« (insgesamt 1531)

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Aloft Quartet: First Year
(2018, AMP Music & Records AT020 ) - Grenzgänger

Die vier jungen Musiker im Aloft Quartet sind zwar – individuell wie als Gruppe – bislang keine household names, das Label AMP Music & Records entschied sich dennoch, ihre Namen über den der Band auf Cover des Debütalbums zu drucken. Als da wären: Der dänische Saxofonist Simon Balvig, der die Hälfte der Stücke geschrieben hat, sein Landsmann Rasmus Sørensen am Piano, der wie sein hier in einem schönen Trompeten-Gastauftritt zu hörender Bruder Jakob bereits »Jazz Artist of the Year« in Nordjütland ausgezeichnet wurde, Kontrabassist Jon Henriksson aus Schweden und Schlagzeuger Amund Kleppan aus Norwegen.

Die Vier trafen sich 2016 an der Skurups Folkhögskola, der »Volksschule« im Städtchen Skurup ganz im Süden Schwedens, und haben seither Konzerte auf Tourneen durch Norwegen, Schweden, Dänemark und zuletzt in auch Berlin absolviert, bevor das gemeinschaftlich erarbeitete und passend »FIRST YEAR« betitelte Album im Juni 2017 in Århus eingespielt wurde. Der Osloer Labelmacher (und gebürtige Schwede) Anders Thoren war von dem Quartett so begeistert, dass er es, beginnend mit diesem erstaunlich souveränen Debüt unter Vertrag nahm. Die Musik des Aloft Quartet ist zu gleichen Teilen inspiriert von der nordischen wie von der amerikanischen Jazzszene; und auch wenn hier letztlich nichts total Neues oder Unerwartetes geboten wird, was man nicht bereits von ähnlichen Gruppen gehört hätte, ist dem panskandinavischen Quartett eine erfolgreiche Zukunft zu wünschen, denn ihre charmante Melodie-Liebe und ihre unprätentiöse, ganz im Dienst des guten Songs stehende Improvisationskunst lässt eine große Zukunft erwarten. Und nicht zuletzt hat »FIRST YEAR« eines der schönsten Covers des Jahres, ein Gemälde der Londoner Künstlerin Chelsea Davine. (ijb)



Siehe auch:
Jakob Sørensen | Bagland

 Aloft Quartet: First Year

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Misha Alperin: Blue Fjord
(2004, Jaro 4249-2 ) - Norwegen

Mitte der Achtziger Jahre, als Mikhail Alperin noch in Russland wohnte, schrieb er spontan in seinen Zeitplaner »Alperin, Misha – Oslo, Norwegen«. Warum er das tat, weiß er bis heute nicht – hatte er doch kein besonderes Interesse, nach Norwegen zu ziehen. Zehn Jahre später erhielt der Pianist dann von der Norwegischen Akademie einen Lehrauftrag und wohnt bis heute in Oslo.

Die Aufnahmen dieser CD entstanden jedoch schon 1993, als der Ukrainer vom Osloer »Blue Fjord« allenfalls ein Bild in seinem Kopf hatte. Das muss jedenfalls in den frühen Morgen- oder Abendstunden sein; es präsentiert sich still, majestätisch und doch gänzlich unpathetisch. Dabei fühlt sich der Chef des Moscow Art Trios zum lebhaften Süden ebenso hingezogen wie zur nordischen Stille, wie etwa die hektisch sich im Kreis drehende »Toccata« beweist. Ab und zu spitzen auch noch moldawische Einflüsse durch, die der Pianist bei seinen späteren ECM-Aufnahmen dann völlig aus dem Spiel ließ. (peb)



Siehe auch:
Moscow Art Trio
Verschiedene: Russian Soul


Misha Alperin: Blue Fjord

Offizielle Website

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AMC Trio & Ulf Wakenius: Soul Of The Mountain
(2008, Hevhetia HV 0030-2-331 ) - Grenzgänger

Sonderlich einfallsreich ist es ja nicht, die Band nach den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der Mitglieder zu benennen, in diesem Fall besteht zudem Verwechslungsgefahr. Einfallsreicher dagegen ist die Musik des slowakischen Trio, und: sie perlt.

Peter Adamkovič (Piano), Martin Marinčák (Bass) und Stanislav Cvanciger (Schlagzeug) bilden allein schon eine hervorragend harmonierende Einheit, man hört, dass sie schon seit einigen Jahren zusammenspielen. Die Kompositionen sind sehr griffig, haben eingängige Melodien und scheuen auch nicht vor Rock- oder osteuropäischen Einflüssen. Sie entstehen in Zusammenarbeit, das ist bei AMC so üblich. Als Stargast haben sie den schwedischen Supergitarristen Ulf Wakenius eingeladen, dadurch erfährt diese CD eine Aufmerksamkeit, die sie sonst außerhalb des Heimatlandes kaum erhalten hätte. Wakenius ist auch der große Star auf dieser Aufnahme: er spielt wunderbare Soli, mit einer schier grenzenlosen Melodik, mit immer dem richtigen Ton in der richtigen Intensität an der richtigen Stelle – eine Referenzplatte für Jazzgitarristen ist das fast. Er klingt manchmal verdächtig nach Pat Metheny: wie bei diesem perlen die Gitarrenlinien, aber auch Adamkovič kann sein Piano perlen lassen. Eine kleine Jazz-Perle also, diese CD! (tjk)



Siehe auch:
Ulf Wakenius

 AMC Trio: Soul Of The Mountain

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Amherst: A Light Exists in Spring
(2010, Norcd NORCD1092 ) - Norwegen

Akademiker am Werk: Das Quartett Amherst hatte sich 2006 an der norwegischen Musikhochschule gefunden und ihr Können bei etlichen Auftritten vor allem in der literaturverwandten Jazzszene unter Beweis gestellt. Der Ansatz bei den Aufführungen von »LIGHT EXISTS IN SPRING« ist ein höchst intellektueller und multimedialer: Da die Texte auf Gedichten von Emily Dickinson basieren, wird die Musik bei ihren Live-Performances unterbrochen von Lesungen und begleitet von Live-Video Mixing.

Davon merken wir beim Anhören des Amherst-Debüts natürlich nichts, doch der stille, kammermusikalische Gestus von Sängerin Ingvild Koksvik Amundsen, Saxofonistin Lene Anett Killingmo, Bassistin Ellen Andrea Wang sowie Pianist Lars Jakob Rudjord fasziniert durch seine Reduktion, formale Strenge und ernste Konzentration. Ein unkontrollierter Ausbruch oder eine spontane freudige Überschwang würde der Musik aber trotzdem gut tun. (peb)



Siehe auch:
Lars Jakob Rudjord Ensemble
Ingvild Koksvik

Karl Seglem

Roger Johansen


 Amherst: A Light Exists in Spring

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Arild Andersen & Group: Electra
(2005, ECM /Universal 1908 ) - Norwegen

Der Bassist Arild Andersen hat sich schon immer gerne mit Mythen wie klassischen Stoffen beschäftigt – sei es mit dem mysteriösen Atlantis im Norden namens Hyperborean oder Sigrid Unsets Novelle »Kristin Lavransdatter«. Nun hat er sich sowohl zeitlich wie räumlich noch weiter von seiner Heimat entfernt und widmet sich der griechischen Tragödie »Elektra« des Sophokles: eine Auftragsarbeit im Rahmen der auch kulturellen Feierlichkeiten zur Olympiade in Athen. 18 Szenen – so schlicht nennt er seine musikalische Dramatisierung, die einerseits auf Rhythmisierung setzt und zugleich der griechischen Vocalistin Savina Yannatou viel Raum lässt.

Es ist eine ernste Produktion geworden, die entsprechend Konzentration bei gleichzeitiger Gelassenheit verlangt und einen im Gegenzug im dritten oder vierten Schritt belohnt: für den Moment, in dem man den satten und ein wenig stoischen Bass Andersens mit den hellen und zuweilen fordernden Stimmen von Yannatou und ihren Mitsängerinnen zu vereinen weiß. Wobei gesagt werden darf, dass sich Andersen einen äußerst kompetenten Kreis von Unterstützern aufgebaut hat, als da wären Arve Henriksen, Eivind Aarset, Nils Petter Molvaer ... (frk)



Siehe auch:
Arild Andersen
Arve Henriksen

Eivind Aarset

Nils Petter Molvær


Arild Andersen: Electra

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Arild Andersen & Paolo Vinaccia & Tommy Smith: In-House Science
(2018, ECM /Universal ECM 2594 | 6716897 ) - Norwegen

Es beginnt mit einer einfachen Melodie, die Arild Andersen auf seinem Bass zupft, nachdem er sich mit seiner Loop-Station einen feinen Tieftonteppich zurecht gewoben hat. Es ist das Motiv von »Mira«, Titelstück des letzten Trio-Studioalbums. Am Ende dieser Live-CD werden wir eine Demonstration all dessen gehört haben, was Trio-Jazz zu offenbaren vermag. Schon während des Openers lässt Tommy Smith mit forschem, vollen Ton und energischen Linien erahnen, wohin die Reise zu gehen vermag, aber sowohl er als auch Paolo Vinaccia am Schlagzeug bewahren noch für einen langen Moment den romantischen Duktus, den dieses erste Stück einfordert; der italienische Wahlnorweger etwa, indem er kaum einmal Mal die Snare spielt.

Das ändert sich unmittelbar mit Beginn des zweiten Stücks, »Science«, mit dem grandiosen Finale »In-House« bildet es die titelgebende und musikalische Spange um dieses Konzert. Andersen beginnt hier mit grummelnden Basstönen, das Feuer zu schüren, wechselt später in einen Walkingbass, über den Smith sich anschickt, seine lodernden Riffs erklingen zu lassen. Vinaccia treibt das Trio wahlweise durch geradliniges Spiel an oder umgarnt die Solisten mit seiner feinen Arbeit an den Becken. All dies steigert sich über das Konzert hinweg so sehr, dass Smith seine nervösen Phrasen gegen Ende dem Publikum regelrecht vor die Füße wirft, in abseitigen Skalen, bisweilen in rettungslos überblasenem Ton – und das sprichwörtlich bis zum letzten Atemzug. Dazwischen werden die Themen übergeben und übernommen, man trifft sich für einige Takte und geht wieder solierend auseinander – und alles ist reinster Bop, noch viel energetischer und gelöster als auf der 2008er »BELLEVILLE«-Live-CD. Nur einmal, nämlich zur Mitte des Albums und damit genau zur rechten Zeit, gibt es für die Akteure und das Publikum eine Atempause, wenn Andersen, erneut am Looper, Arco-Klänge erzeugt, über die er dann das »Hyperborean«-Motiv aus der gleichnamigen Platte entwickelt.

Wenn man am Ende dieses Parforceritts noch mal den Blick auf den Albumtitel wirft, müsste man der Band eigentlich den Vorwurf machen, das Thema glatt verfehlt zu haben, denn »wissenschaftlich« ist das alles überhaupt nicht. Aber gerade das ist das Erfrischende an dieser Produktion ... und das aus dem Hause ECM, in dem der wohlgesetzte Ton gegenüber dem ungestümen Derwisch doch so oft den Vorzug erhält. Insgesamt erfreuen wir uns über eine offensichtliche »neue Leichtigkeit« bei ECM, die zuletzt schon einige der aktuellen Produktionen bei ECM auf angenehmste Weise durchzogen hat. (stv)



Mehr CDs von Arild Andersen & Paolo Vinaccia & Tommy Smith



Siehe auch:
Arild Andersen
Arild Andersen Group

Andersen im Trio mit Vassilis Tsabropulos und John Marshall

Radka Toneff


Arild Andersen: In-House Science

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Arild Andersen: Sagn
(1991, ECM /Universal 849.647-2 ) - Norwegen

Arild Andersen genießt den Status einer grauen Eminenz: Als Kontrabassist hat er auf unzähligen Einspielungen mitgewirkt, und solo ebnete er den Weg für die mittlerweile in Norwegen etablierte Verschmelzung von Folklore und Jazz. Aus diesem Grund setzte »SAGN« damals Maßstäbe, aber auch wegen des brillanten Zusammenspiels von Saxofonist Bendik Hofseth, Pianist Bugge Wesseltoft und Gitarrist Frode Alnæs, mit dem Andersen einige Jahre zuvor schon eine verführerische »Sommerbrise« zu Gehör brachte.

Trotz beachtlicher Alben auf hohem Niveau reichten jedoch spätere Aufnahmen des norwegischen Bassisten nicht mehr an die jazz-folkloristische Tragweite von »SAGN« heran. Zu einzigartig war die ergreifende Leistung von Sängerin Kirsten Bråten Berg, zu fantasievoll-einfühlsam die niemals aufdringliche Begleitung von Percussionist Nana Vasconcelos, als dass Andersen so ein Album noch einmal hätte wiederholen können. (peb)



Mehr CDs von Arild Andersen



Siehe auch:
Arild Andersen Group
Andersen / Vinaccia / Smith

Bertine Zetlitz

Radka Toneff


Arild Andersen: Sagn

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Arild Andersen & Vassilis Tsabropulos, John Marshall: The Triangle
(2004, ECM /Universal 038.121.2 ) - Norwegen

Mit dem griechischen Pianisten Vassilis Tsabropoulos und dem Engländer John Marshall am Schlagzeug führt der große norwegische Bassist das Konzept von »ACHIRANA« fort und fügt dem Klaviertrio tatsächlich ein paar neue Aspekte hinzu. Aus kleinen, einfachen Motiven vom Piano oder einem Bass-Ostinato entwickeln sich größere Bögen, die sich verändern und wiederholen, komplexe Strukturen bilden.

Tsabropoulos kommt hörbar aus der Klassik (das Arrangement von Ravels »Pavane« stammt von ihm). Was ihm an »Swing« abgeht, macht er mit melodischem Einfallsreichtum wett; zudem stammt ein Großteil der Kompositionen aus seiner Feder. John Marshall erweist sich einmal mehr als eigenwilliger Drummer: Er scheint ziemlich hinter dem Beat, vor allem seine Snare macht ihn einzigartig. Andersen selbst soliert formidabel, und es gibt kaum einen Bassisten, der so phantastisch klingt. Nicht nur die sehr schöne Ballade »Cinderella Song« beweist, dass in dieser anspruchsvollen Musik auch viel Emotion steckt. (tjk)



Siehe auch:
Arild Andersen
Andersen im Trio mit Paolo Vinaccia und Tommy Smith

Arild Andersen Group

Terje Rypdal


Arild Andersen: The Triangle

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Jacob Anderskov & Agnostic Revelations: Granular Alchemy
(2012, ILK /Challenge Records Internationa ILK195CD ) - Dänemark

»Eine neue CD von Jacob Anderskov - das kann ja spannend werden,« denkt sich der Rezensent beim Betrachten des wieder einmal reizvollen Covers und erwartet sogleich sprunghafte, gleichwohl fantasievolle Musik, die bestimmt keinen Raum zum Entspannen bieten wird. Vier Stücke über 39 Minuten, vom US-amerikanisch geprägten »Agnostic Revelations«-Quartett, dessen Debütalbum knapp drei Jahre zuvor bereits durch halluzinogene Farbexplosionen in Aug und Ohr sprang. Doch lassen wir die Musik sprechen: Wie gehabt spielt sich Anderskov nicht in dem Vordergrund, sondern erzeugt mit seiner Band eine beachtlich gleichberechtigte Musik, in der Saxofonist Chris Speed, Bassist Michael Formanek, Schlagzeuger Gerald Cleaver und der Pianist und Komponist selbst sich oftmals so eng miteinander verzahnen, dass man sich schon sehr bemühen muss, will man den einzelnen Musikern folgen.

Dass Cleaver vorher mit Roscoe Mitchell oder auch Miroslav Vitous gespielt hat, - und nicht zu vergessen auf den beiden jüngsten, hervorragenden Quartettalben mit Formanek - (allesamt zu genießen via ECM), passt natürlich perfekt zu einem ruhelosen Geist wie Anderskov. Woher nimmt der Mann nur all seine Ideen? Offenkundig aus dem höchst inspirierenden Dialog mit exzellenten, in diesem Fall auch erfahreneren Musikern. Diese Neugier und Unvoreingenommenheit führt ihn regelmäßig in neue Höhen. Und wir freuen uns schon jetzt auf das, was er uns als nächstes zu bieten haben wird. Ja, entspannen kann man bei »GRANULAR ALCHEMY« in der Tat nicht, doch zum Ende hin wird es zumindest auch mal etwas leiser und solistischer. (ijb)



Siehe auch:
Anderskov Accident
Andersson / Anderskov / Nilsson

Tranberg/Davidsen

Jacob Anderskov with Strings, Percussion & Piano


Jacob Anderskov: Granular Alchemy

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Jacob Anderskov: Habitable Exomusics - The Trilogy
( 3 CDs, 2015, ILK /New Arts International ILK244/245/246CD ) - Dänemark

Nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei komplette Alben veröffentlicht der für seine Produktivität und Vielseitigkeit bekannte Pianist im Sommer 2015, und jede der drei CDs in einer anderen Besetzung, Spielart und Stimmung. Alles ist Jazz, wie gehabt, und diesmal erstaunlich »straight« für Anderskovs progressiven Geist. Doch ebenfalls wie gewohnt ist »Habitable Exomusics - The Trilogy« ein äußerst ambitioniertes Projekt, nur diesmal mit etlichen Verweisen und philosophischen Bezügen geworden, die wir hier bei weitem nicht angemessen zur Sprache bringen können, zumal Anderskov die CDs um Gedanken und Reflexionen via Blog und Videos erweitert. Doch das Gute: Die Musik stimmt auch ohne Wissen um all diese Hintergründe!

»KINETICS (The Path)«, mit 36 Minuten die kürzeste CD der drei, präsentiert ein weitgehend »klassisches« Jazztrio, mit Adam Pultz Melbye am Bass und Anders Vestergaard am Schlagzeug. Der Sound, aufgenommen im Kopenhagener Studio The Village, ist ein etwas direkterer, sozusagen frischerer als auf den übrigen beiden CDs. Das Trio legt acht feine, charmante Nummern vor.

Auf CD2, »STATICS«, hören wir Anderskov 46 Minuten lang solo am Flügel des Osler Rainbow Studio. Der Untertitel »The Map« deutet darauf hin, dass er diese Trilogie als eine »künstlerisch radikalisierte Zusammenfassung« seiner musikalischen Sprache und Landschaft »bis jetzt« betrachtet. Die »Statics Part I - XII« sind zumeist weniger schwebend als vielmehr im stetigen, assoziativen Springen und Changieren zwischen Melodie und Abstraktion begriffen.

Dies setzt sich in Vol. III, »DYNAMICS (The Terrain)«, auf eine im Grunde noch abstraktere Weise fort. Die als letzte, ebenfalls mit Jan Erik Kongshaug im Rainbow Studio eingespielte CD macht den Bogen vom eingängigen ersten, über den introspektiv-individualistischen zweiten Teil hin zu einer in der Tat dynamischen, gänzlich anders gelagerten Trio-CD, nun mit Schlagzeuger Gerald Cleaver (Mitglied bei Jacobs Agnostic Revelations) und Bassist Nils Davidsen. Anders als die »Kinetics«-Stücke sind hier alle Musiker gleichrangig als Urheber angegeben, und die bis zu 17 Minuten langen Improvisationen »The Terrain Part I - IV« gehen weit »Ins Offene«. Da sich Anderskov hier offenbar aufmacht, innovative Wege für das Jazztrio-Genre zu finden und zu begehen, ist »DYNAMICS« die wohl schwierigste, herausforderndste CD der Trilogie geworden — zugleich aber auch die beste; und auch klanglich eine komplexe Angelegenheit. (ijb)



Mehr CDs von Jacob Anderskov



Siehe auch:
Adam Pultz Melbye
Anders Vestergaard

Nils Davidsen

Jacob Anderskov & Agnostic Revelations


Jacob Anderskov: Habitable Exomusics - The Trilogy

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Jacob Anderskov & with Strings, Percussion & Piano: Strings, Percussion & Piano
(2013, ILK /VME ILK206CD/ILK206LP ) - Dänemark

Er macht es uns (und sich) wirklich nicht einfach, dieser Anderskov. Nachdem er in bereits 15 teils superben Alben als Bandleader das Feld des »contemporary Jazz« recht gut abgegrast und ausgelotet hat, ist die Kreuzung mit der »Neuen Klassik« bzw. Kammermusik freilich der konsequente nächste Schritt im Œuvre des Tausendsassas. Ob man den Titel »Streicher, Perkussion und Piano« als Understatement oder Albernheit einordnen soll, lässt sich auch nach mehrfachem Hören der siebenteiligen Suite nicht so recht entscheiden.

Jacob Anderskovs Quintett, dessen Darbietung unablässig und nahezu frech zwischen halb sperrig, halb romantisch komponierter Kammermusik und lasziv improvisierter Jazzimpro changiert, setzt sich neben seinem Piano und Peter Bruuns Schlaginstrumenten zusammen aus drei Streicherinnen an Violine, Viola und Cello. Manche Passage weckt gar Assoziationen zu (osteuropäischer?) Folklore. Virtuose Schönheit, ja, aber mit Sicherheit nichts für zwischendurch. Wo Anderskov draufsteht, weiß man mittlerweile blind, dass interpretatorische Qualität drinsteckt. Aber wo er all diese Ideen hernimmt...? Schon sind wir gespannt, was er als nächstes aus dem Hut zaubern wird. Die LP verzichtet übrigens erstaunlicher Weise und leider auf das fünfminütige (und sehr gelungene) »Diamonds Are For Unreal People III«. (ijb)



Mehr CDs von Jacob Anderskov & with Strings, Percussion & Piano



Siehe auch:
Anderskov Accident
Jacob Anderskov

Peter Bruun

Simon Toldam Orkester


Jacob Anderskov: Strings, Percussion & Piano

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Anderskov Accident: Full Circle
(2011, ILK /Challenge Records Internationa ILK178CD / ILK178LP ) - Dänemark

Jacob Anderskov ist alles andere als ein beschränkter Genosse. Das zeigen seine bislang 15 teils sehr unterschiedlichen Alben in verschiedenster Besetzung, aber das wird auch sofort klar, wenn man die vierte CD seines wechselnden Ensembles Accident hört. Nach drei Studioalben ist »FULL CIRCLE« eine reine Live- bzw. Konzertplatte, im Februar 2011 in Kopenhagen aufgenommen. Pianist Anderskov leitet am Wurlitzer ein fusion-inspiriertes Sextett mit drei Bläsern, darunter die faszinierende Saxofonistin Laura Toxværd.

Mit Trompeter Kasper Tranberg (Delirium) und Posaunist Mads Hyhne setzt sie im Blechtrio die markantesten Akzente in diesem streckenweise sehr energisch improvisierten Konzert. Und gerade dadurch rettet sich der Siebziger- bis Achtziger-Jahre-Ansatz des Fusion-Jazz immer wieder souverän in die Gegenwart herüber. Die Rhythmusbasis mit Nils Davidsen am Bass und Tom Rainey am Schlagzeug groovt unablässig, darf sich gerade zum Ende hin auch mal alleine austoben. So bringen Anderskov Accident ältere Zeiten etwa der Dave Holland Band in gute Erinnerung, wo in ganz ähnlicher Weise die Spannung von Ensemble-Impro und dem starken Charakter des Leaders überzeugten. (ijb)



Siehe auch:
Jacob Anderskov
Simon Toldam Orkester

The Living Room

Kasper Tranberg & Nils Davidsen


 Anderskov Accident: Full Circle

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Gine Gaustad Anderssen: Heim
(2016, Losen Records LOS 165-2 ) - Norwegen

Gine Gaustad Anderssen kommt aus dem kleinen Örtchen Tennfjord, unweit von Ålesund im Bundesland More og Romsdal. Obwohl sie bereits als Kind Lieder schrieb und aufnahm, in Trondheim und Göteborg (bei Prof. Anders Jormin) jeweils einen Abschluss machte und mit zahlreichen Bands unterwegs war, ist »HEIM«, im Alter von 36 Jahren, das Debütalbum der Sängerin und Pianistin. Dafür versammelte sie eine norwegisch-schwedische Band mit Gitarrist Carl Emil Svensson, den Bassisten Fredrik Nilsson und Johannes Lundberg (der das Album mit Gine koproduzierte) und Schlagzeuger Hermund Nygård. Hinzu stießen drei Gäste, darunter Trompeter Arve Henriksen und Saxofonist Thomas Gustafsson (Jahrgang 1948) aus Värmland.

Von den acht Songs schrieb Gine sechs selbst, zu einem Stück von Astor Piazzolla schrieb sie norwegische Texte, und ein Lied borgte sie sich von Kari Bremnes. Stilistisch lässt sich »HEIM« als lyrische, unprätentiöse Mischung aus Jazz(tunes) und Pop(songs) beschreiben, ein wenig introvertiert und melancholisch, aber häufig auch zart tänzelnd in seiner Beschwingtheit. Nicht aufregend, aber durchaus charmant. (ijb)



Siehe auch:
Fredrik Nilsson
Kari Bremnes

Joakim Milder, Tobias Sjögren & Johannes Lundgren

Arve Henriksen


Gine Gaustad Anderssen: Heim

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Thommy Andersson & Peter Nilsson, Jacob Anderskov: Triofolded
(2010, Kopasetic Productions KOPACD033 ) - Grenzgänger

Schon das Cover macht unmissverständlich klar: Hier agieren drei Musiker als komplett gleichberechtigte, gleichrangige Partner. Selten genug ist es ja, dass ein Jazztrio ohne Leader und entsprechend ohne denjenigen als Namensgeber der Band auskommt. Zumeist ist »TRIOFOLDED« eine recht unaufgeregte Angelegenheit, jedoch keineswegs leise oder gemütlich. Der Einstieg ist noch sehr melodisch, fast eingängig, doch über die elf Stücke hin wird das Set immer rhythmusbetonter.

Ein absolutes Highlight ist gleich an zweiter Stelle das mit achteinhalb Minuten längste Stück, »Välesehe«, zersprengt raffinierte Improvisation, die sich in alle Richtungen öffnet und doch ausgesprochen klar und einem roten Faden folgend bleibt. Keine leichte Unterhaltung, aber für jazz-liebende Ohren ein absoluter Genuss. Das Trio liegt genau auf der Grenze zwischen Dänemark und Schweden: Schlagzeuger Peter Nilsson stammt aus Schweden, ebenso Bassist Thommy Andersson, der allerdings in Dänemark lebt und arbeitet, dem Heimatland des hyperaktiven, mit etlichen Alben begeisternden Pianisten Jacob Anderskov. »TRIOFOLDED« wurde zu hundert Prozent improvisiert, an einem Nachmittag im Juni 2009 in Kopenhagen. Jeder der drei bekommt zudem ein Solo. Toll, wie Anderskov hier in die Stille tupft, impressionistisch wie Debussy, während Andersson eine minimalistische Studie liefert, die besonders in tiefen Tönen forscht. (ijb)



Siehe auch:
Koppel/Gunnarsson/Andersson/Riel
Koppel/Andersson/Riel

Jacob Anderskov & Agnostic Revelations

Thommy Andersson mit Josefine Cronholm


Thommy Andersson: Triofolded

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Andrés Thor & Nordic Quartet: Nordic Quartet
(2014, Dimma /Nordic Notes NN059 ) - Grenzgänger

Beim Bestreben, den internationalen Jazzmarkt zu erobern, hat der isländische Gitarrist seinen Nachnamen vor fünf Jahren mit dem Album »Blik« abgelegt und tritt seitdem unter seinen beiden Vornamen Andrés Thor (auf Isländisch Þór, aber auch dies für internationale Griffigkeit vereinfacht) in Erscheinung. Seiner bislang besten Platte »Mónókróm« folgend wechselte er jüngst die komplette Band aus, weshalb der Albumtitel »Nordic Quartet« (im deutschsprachigen Raum passend bei »Nordic Notes« VÖ-Programm) zugleich auch das Ensemble bezeichnet. Obgleich der im Dezember 40 Jahre werdende als alleiniger Komponist vermerkt ist und die neun Stücke mit seinen verschiedenen Gitarren maßgeblich prägt, lebt »NORDIC QUARTET« von einem klar panskandinavischen Geist: Saxofonist Anders Lønne Grønseth (Sphinx) kommt aus Norwegen und Kontrabassist Andreas Dreier aus Dänemark. Gemeinsam spielten die drei bereits Dreiers Debüt »Stew« (2009) ein. Mit dem Schweden Erik Nylander (Kobert, Monoswezi, Magic Pocket, Peloton u.v.a.) am Schlagzeug ist das Nordic Quartet vorllständig. Alle sind quer durch Skandinavien aktiv, vor allem in Norwegen, wo auch diese CD im Sommer 2013 eingespielt wurde.

Doch zur Musik: Anders als beim Gros norwegischer Jazzplatten und auch ein wenig überraschend nach dem raffiniert schillernden »Mónókróm« bleiben die »NORDIC QUARTET«-Stücke insgesamt reichlich konventionell, und, ja, über die Gesamtlänge recht gleichförmig. Auch wenn »Fjarðarmáni« durch Pedalsteel-Gitarre oder »Stuttlega« durch einen fesch-flotten Rhythmus punktet, die gesamte Platte zeigt keinerlei Interesse, einen unerwarteten Schritt zu tun. Der Teufel (= die Variation) steckt im Detail, will also festgehalten werden. Und da sind alle vier ohne Frage topp. Sie beherrschen ihr Fach. Aber ach, vielleicht verstehen sie sich auch ein wenig zu gut... (ijb)