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M.A. Numminen - Kinderhumor und Kinderintellekt

Ein Interview von Frank Keil

M.A. Numminen ist zum verabredeten Zeitpunkt nicht da. In Finnland - wird er später sagen - ist es schlimm, wenn man sich auch nur um zehn Minuten verspätet. Aber der Flieger aus Helsinki war einfach nicht pünktlich. Und: »In Deutschland sind die Taxis so verkehrspflichtig; alle halten sie bei Rot.«

Er trinkt Tee, keinen Kaffee, und wir sitzen im Restaurant des Hotels, das er immer bucht, wenn er bei uns in der Stadt ist; einfach weil es hier auf den Zimmern einen Radioapparat gibt und nicht nur einen Fernseher.

Mit Rücksicht auf Numminens charmantes Finn-Deutsch wurde das Interview nicht geglättet.

M.A. Numminen

Auge in Auge, 
Bart an Bart: 
Mauri Antero Numminen
und Pedro Hietanen 
konzentrieren sich
auf das Prinzip
der Tech-No! Musik

Wie geht's Ihnen?

Oh, gut. Ich habe gerade zwei CDs und ein Buch gemacht. Die erste CD ist dabei eine Wunsch-CD von mir. Ich habe nämlich Ludwig Wittgenstein vertont, schon in den 60er Jahren. Sein ursprünglicher Verleger in London wollte das zuerst machen, aber nach vier Jahren haben sie es nicht mehr gewollt, das Projekt fortzusetzen.

M.A. Numminen

Philosoph und Sänger

Die Philosophen allüberall in der Welt haben dann und wann nach dieser CD gefragt, und ich habe dann gesagt, dass ich keine Exemplare habe. Aber nun habe ich endlich einen neuen Verleger gefunden und ich bin sehr froh.

Und die zweite CD?

Die heißt »NUMMINEN SINGT WÜSTE WILDE WEIHNACHTSLIEDER«. Ich habe auf finnisch schon vor ca. 30 Jahren sehr eigentümliche Weihnachtslieder gemacht, und so ist es eine sehr eigenwillige Mischung aus eigenen Liedern geworden wie »Der Weihnachtsmann schlägt zurück« und anderes - z.B. ein Lied, das »Weihnachtsschweinerei« heißt. Und als Kontrast singe ich dann »White Christmas« und »Jingle Bells« auf Deutsch.

Finnische Schule

Stimmt es, dass Sie in der Schule im Fach Singen nicht besonders gut waren?

Ich war nicht allzu gut, nein. Während meiner Karriere singe ich heutzutage und nur dann und wann ein wenig falsch, um meinen Ruhm zu halten. Meine Akkordeonist hat mir gesagt, vor über zwanzig Jahren: Ich muss schon richtig singen, aber dann und wann ein wenig falsch.

M.A. Numminen

Numminen und sein »Berater«

Waren Sie ein guter Schüler?

Nicht so ganz. Ich hatte auch als Schuljunge so viele Hobbys, dass ... wie soll ich sagen: Ich habe viel gleichzeitig gemacht. Ich hatte die Musik, Jazzmusik und dann Radio- und Telefontechnik. Dazu war Literatur sehr wichtig; Kafka und Beckett ...

Im Moment finden alle deutschen Lehrer die finnische Schule so super. Alle fahren sie nach Finnland, um sich das anzuschauen ...

Ja, ich habe das gehört und in der Zeitung gelesen, dass die Deutschen so sehr die finnische Schule mögen. Wir selbst finden, dass die Schule nicht so gut ist. Wir sind sehr besorgt, dass unsere Schule nicht mehr so gut ist wie früher.

Es kommt mehr und mehr, was die Schüler und Schülerinnen machen müssen. Und man lernt schlechter, wenn man zu viel hat. Die jungen Leute müssen schon als Vierzehnjährige ihre Zukunft beschließen, und das ist sehr schwer. Ich habe selbst nicht gewusst, was ich bin und was ich werde, als ich dreißig war.

M.A. Numminen

Zehn Studien

Obwohl die Mischung Musik, Radiotechnik und dazu Literatur ...

Ja, ich studierte auch an der Universität zuviel. Ich habe etwa zehn Studien gemacht: Soziologie, Philosophie, Sprachwissenschaft - das waren meine Hauptfächer. Aber dann: Nationalökonomie, allgemeine Sprachwissenschaft, finnische Literatur, die finnisch-ungarischen Sprachen, zum Beispiel auch Estnisch und noch mehr.

Aber später habe ich bemerkt, dass alles sehr gut war; alle diese Studien sind sehr gut für mich gewesen, sehr nützlich von später her gesehen. Wenn ich zum Beispiel neue Lieder mache, gebrauche ich dann und wann wissenschaftliche Archive. Und diese zu gebrauchen, ist nicht leicht. Mann muss es wissen, wie man sie benutzen kann.

Sind Sie gerne zur Schule gegangen?

Ja, denn meine Schule war eine große Ausnahme in Finnland. Unser Direktor hatte sehr eigentümliche Prinzipien. Er nahm schon in den 30er Jahren - ich war noch nicht geboren - die so genannte Summerhill-Methode aus England, so dass die Schüler ganz frei verschiedene Fächer wählen konnten.

Das war eine große Ausnahme natürlich - und eine lustige Sache. Es gab etwa obligatorisch Esperanto. So sollte es überall sein: frei zu wählen. Aber das ist praktisch unmöglich heutzutage.

Finnische Alkoholpolitik und Moralphilosophie

Das neorustikale Jazzorchester

Das neorustikale Jazzorchester

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt?

Das war noch in der Schule, aber nicht als Sänger. Ich habe gehört, dass ich vierjährig war, als ich ein kleines Gedicht von außen abgetreten habe. Und dann in der Schule wollte mein Vater, dass ich Schauspieler werde. Und dann wollte er, weil ich ein artiges Kind war, jetzt sollst du all die Reden halten.

Das wirklich sehr nützlich für mich: Ich rede und ich halte Vorträge auch heutzutage, viel und vor verschiedenen Gebieten. Zum Beispiel über die finnische Alkoholpolitik oder über die allgemeine Moralphilosophie oder über finnische Literatur. Oder ich erzähle vom finnischen Underground.

Sie haben ihr Orchester schon früh gegründet. 1969?

Als Schulknabe hatte ich ein Jazzensemble. Während der Universitätszeit hatte ich einen Freund, und mit ihm hatte ich ein Orchester, das nur finnischen Tango und Rock'n'Roll spielte. Wir waren Jazzmusiker, aber es war musikpolitisch wichtig, Tango und Rock'n Roll zu spielen.

Weil nur dann Publikum kam ...

Genau.

M.A. Numminen

Musikpolitisch Rock'n'Roll

Sie haben mal gesagt: Ich - Beat? Nie! Beatmusik hat sie nie interessiert?

Zuerst mochte ich den Jazz, dann die klassische Musik. Die populäre Musik kam, als ich 24 war. Ich habe das mehr von der Soziologie her gesehen. Zuerst war auch mein Interesse für den finnischen Tango soziologisch. Erst später habe ich dann selbst Tangos komponiert.

Normalerweise ist es umgekehrt.

Ja, normalerweise ...

»Frauen sind besser zu tanzen«

Warum ist der finnische Tango bei uns deutschen Intellektuellen so angesagt?

Das habe ich auch bemerkt, während der drei letzten Jahre. Überall in Deutschland habe ich meine Vorträge über den Tango gegeben, und es war immer gut verkauft.

Auch die Tangofans, die meistens den argentinischen Tango als Hobby haben, sie sind auch ganz interessiert an dem Finn-Tango. Dabei ist er rhythmisch so verschieden. Er ist so viel einfacher, als der internationale Tango. Der finnische Tango ist rhythmisch wie ein deutscher Marsch und melodisch wie ein finnisches Volkslied.

M.A. Numminen

Tango statt Pop

In Finnland ist die Popularität des Tangos weiterhin ungebrochen?

Für die finnischen Männer ist es so wichtig, den Rhythmus zu hören. Sie können eigentlich nicht tanzen, aber so tanzen sie wenigstens etwas, und die Frauen sind zufrieden. Frauen sind besser zu Tanzen.

Die Situation ist sehr komisch heutzutage, weil die Schallplattenfirmen in Finnland wollen nicht Tangos auf CDs spielen, obgleich wir haben einen Wettbewerb, wo man wählt einen Tangokönig und eine Tangokönigin. Sie können nur maximalisch einen Tango auf einer CD singen. Alle anderen Lieder sind normaler Finnpop. Und das Publikum mag den Finn-Tango sehr.

Auch in Finnland ist die Lage so, dass das Publikum kauft normal viel Popmusik, aber tanzt lieber den Tango. Es geht schon ein bisschen vorbei. Das ist ein eigentümlicher Kontrast. Die Schallplattenfirmen haben keinen Geschmack. Das ist so.

Sie müssen Schränke voller CDs und Platten haben ...

Ich will sehr gerne zeigen, dass man den Finn-Tango gut spielen kann, so dass es interessant ist. Die jüngeren Orchester können gar nicht so gut Tango spielen. Ganz selten spielen wir Konzerte, aber sie sind sehr populär. Wir haben jetzt ein Konzert in Helsinki und es war gleich voll. Wir spielen den Tango als Konzertmusik und es ist nicht zum Tanzen.

Die normalen Orchester in Finnland haben keine Möglichkeit, Konzerte zu geben. Sie spielen ihn nur als Tanzmusik. Eine solche CD, die ich hier gemacht habe (»FINNISCHER TANGO« bei Trikont), wäre heutzutage unmöglich in Finnland. Ich und einige Kritiker haben in den finnischen Zeitungen gesagt, heutzutage muss man den Finn-Tango in Deutschland machen. Diese deutsche CD geht ganz gut in Finnland.

M.A. Numminen

Von Kinderfilmen zu Finn-Tango

Auch Humppa geht sehr gut bei uns ...

Ja, Humppa. Das liegt an Eläkeläiset. Ich kenne diese Gruppe sehr gut. Sie hießen einmal vor 20 Jahren: Gummikamel (lacht). Wir sind damals auf Festivals in Schweden aufgetreten. Nicht zusammen natürlich, nacheinander.

Sie haben nur auf finnisch gesungen - ich singe auch auf Schwedisch. Es ist ihre Linie, nur auf Finnisch zu singen. Und das geht gut hier in Deutschland. Es ist eine komische Kombination, dass sie sehr energisch auf der Bühne spielen und dabei trinken. Sie sind jetzt jung. Da geht das noch. Aber ob die Kräfte reichen?

Hase und Katze in Rockclubs

Sie haben viele Filme für Kinder fürs Fernsehen gemacht ...

Viele. Viele Kinderfilme. Wenn ich auch die TV-Kurzfilme zusammen rechne, so sind es etwa 60 Abenteuerfilme. Dazu fünf oder sechs Langfilme. Aber heutzutage mache ich das nicht mehr. Ich machte 25 Jahre auch sehr viel Kindermusik: zwanzig, fünfundzwanzig Platten für Kinder. Als 1995 das Fernsehen das nicht mehr so wollte, habe ich gesagt: Gut also - jetzt mache und komponiere ich Bücher und Lieder für die Älteren. Die Auftritte sind auch heute für die Kinder.

Haben Sie den Buchumschlag gesehen, hinten? Da bin ich in einem Kostüm verkleidet als Hase. Diese Figur und mein Akkordeonist als Katze, so geben wir Konzerte heute als Midnight-Show in Rockclubs. Und die jungen Leute da, sie sind einmal Kinder gewesen natürlich und haben uns als Hase und Katze gesehen, und jetzt spielen wir vor ihnen die selben Lieder.

Aber nicht als Hase und Katze ...

Doch, doch. Und es ist sehr populär. Und all diese jungen Leute hatten uns damals im Fernsehen gesehen. Von mir hat eine Firma eine Doppel-CD von meinen Kinderliedern herausgegeben, und das war ein wirklicher Erfolg. Vor allem Erwachsene haben die gekauft.

Muss man für Kinder andere Musik machen?

M.A. Numminen

»Wie waren Sie als Tier?«

Ich habe es immer ein wenig unterschiedlich gemacht. Kinder haben einen anderen Intellekt, und sie haben einen eigenen Humor und den beherrsche ich: Kinderhumor und Kinderintellekt.

Wieso haben Sie den nicht verloren wie so viele Erwachsene?

Ich habe meine eigene Kindheit nie verloren. Dann und wann kommen Erwachsene an die Bühne - Männer, die etwa 30, 40 sind, und wenn sie ein bisschen betrunken sind, dann wagen sie zu fragen: Wie waren Sie als Tier? Und können sie noch einmal so ein altes Kinderlied für mich spielen? Kein Problem, wir sind Kinder auch.

Ich war hier in Deutschland sehr oft in den 70er Jahren, in Westdeutschland. Und dann habe ich versucht, hier meine Karriere groß in Deutschland zu machen, mit Kinderliedern auf Deutsch. Aber die Zeit war nicht reif. Und jetzt habe ich vor drei Jahren diese meine Lieder wieder gefunden. Vielleicht in der Zukunft ...

Chronik der 350 Kneipen

Kommen wir noch zu Ihrem neuen Buch, »Der Kneipenmann« ...

Ich hatte ein Buch über die Geschichte des finnischen Tango geschrieben und das mit einem Roman verbunden: »Tango ist meine Leidenschaft«. Das war eine gute Lösung. Es kommt von meinem soziologischen Wesen. Auch mein Buch über die finnischen Mittelbierkneipen enthält viel Soziologisches etwa zur Alkoholpolitik, obwohl es ein Roman ist.

M.A. Numminen

»Road book« über Mittelbier

Sie waren viel unterwegs ...

185 Kommunen und dort 350 Kneipen habe ich besucht, während eines halben Jahres. Also meine Frau war natürlich meine Chauffeurin, und das war sehr wichtig: Denn dann und wann haben mich die Männer zu richtigen Restaurants genommen, und ich habe mich hinterher an nichts erinnert. Und meine Frau hat dann mir erzählt, was passiert war. Es gibt einige Kapitel, die ich von meiner Frau gehört habe.

In diesen Kneipen wird nur eine Biersorte ausgeschenkt und kein harter Alkohol.

Nur das, was wir in Finnland Mittelbier oder Dreierbier nennen. Dann haben wir noch Leichtbier und Starkbier. Die Fotos von diesen Kneipen sollten natürlich ein bisschen amateurisch sein. Das Leben in diesen Kneipen ist sehr interessant. Leider gibt es nicht mehr so viele von ihnen heutzutage.

Wenn ich dann und wann Ausländer zu Besuch habe, nehme ich meine Gäste zu diesen Dreier-Kneipen mit; man trinkt nur dieses Bier, etwas leichter als Normalbier hier in Deutschland. Das ist eine andere Art zu leben, anders wie in normalen Restaurants, wo die Eigner so modern sein wollen, stilisch und up to date. Die Kunden sind ganz arm, viele arbeitslos; auch Studenten, aber nicht so viel.

Aus Prinzip besuche ich diese Kneipen dann und wann und spiele dann und wann dort. Ich bin auch mit allen anderen Dingen immer ein bisschen volkstümlich. Mein Buch erzählt von diesen Kneipen, einer nach der anderen. Es ist ein Buch, so kann man nicht sagen, dass es ein Road Movie ist. Sondern ein Road book.

M.A. Numminen: Der Kneipenmann
Aus dem Finnischen von Eiko Fuhrmann
Haffmans bei Zweitausendeins, Frankfurt/Main
180 Seiten, 13,50 Euro

© 2003 - Frank Keil,
Fotos: M.A.N. und Frank Keil (Live-Foto)



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