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Lange Rezensionen 1 - 3 von 3 im Genre »Avantgarde« und Land »Arctic area« (insgesamt 7)

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Thomas Köner: Novaya Zemlya
( 2012, Touch TO:85 )

Wer die Arbeiten von Thomas Köner, seine Installationen, Soundscapes oder bislang rund 15 CD-Alben (solo oder mit dem Dub-Techno-Duo Porter Ricks) kennt, der weiß um Köners Jahrzehnte lange Beschäftigung mit den Klängen der Arktis. Bereits die Titel fast all seiner Tracks und CDs, wie »Permafrost«, »Nuuk« oder »Kaamos« (finnisch für Polarnacht) waren eindeutig. Fürs neue Album reiste er in Europas östlichste Ecke, überhaupt eine der entlegendsten und klimatisch extremsten Gegenden der Welt, auf Nowaja Semlja (»Neues Land«), die 900 Kilometer lange Doppelinsel, die die Barentssee begrenzt und so weit nördlich ins Polarmeer reicht wie Spitzbergen. Bekannt ist sie allenfalls dafür, dass dort Russland die größten Atombomben der Menschheitsgeschichte testete und Willem Barents drei Mal hinreiste – und schließlich dort erfror.

Die Beharrlichkeit, mit der Köner daran arbeitet, arktische Landschaften mit ihrer Isolation, Kälte, Weite und Stille nahezubringen, beeindruckt. Nun darf man sich seine Stücke freilich nicht als dokumentarisch motivierte Atmosphären vorstellen oder als Collagen aus Field Recordings wie bei Jana Winderen. Wo es ihm in Installationen darum geht, visuelle und akustische Erfahrungen zu kombinieren, evoziert »NOVAYA ZEMLYA« durch reduzierteste Mittel der Klanggestaltung Stimmungen und Bilder, wie akustische Filme. Kaum merklich schimmern Andeutungen von Melodien durch die leise atmenden, endlos weiten und eisig-schönen Welten Thomas Köners, die Lautstärke bewegt sich teils entlang der Wahrnehmungsgrenze. Insofern spielt Zeit eine entscheidende Rolle; die sollte man sich unbedingt nehmen. Meditativ – und funktioniert als Musik intellektuell ebenso wie emotional. (ijb)



Mehr CDs von Thomas Köner



Siehe auch:
Mika Vainio (Ø)
Hildur Guðnadóttir

Jana Winderen

BJ Nilsen


Thomas Köner: Novaya Zemlya

Offizielle Website

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Ivar Grydeland & Henry Kaiser: In The Arctic Dreamtime
( 2020, Rune Grammofon /Grappa RCD 2211 )

Improvisierte Musik als Filmsoundtrack ist fast immer ein Wagnis – das punkt- und szenengenaue Treffen der richtigen bzw. passenden Stimmungen, die die Musik beim Zuschauer (und -hörer) auslösen oder anstacheln soll, ist ohnehin eine (künstlerische) Wissenschaft für sich; doch es auf improvisierte Weise überzeugend hinzubekommen, verlangt einiges Können. Interessanterweise gelang den beiden Gitarristen dies bei diesem Projekt sehr gut, was mehrere Gründe hat: Erstens handelt es sich um stummes Arktis-Dokumentarfilmmaterial von 1925, d.h. die dramaturgische Verdichtung lässt sich bei weitem nicht mit dem vergleichen, was wir heute gewohnt sind; zudem war der Filmemacher kein Regisseur im eigentlichen Sinn, es wurde eher zu Dokumentationszwecken gefilmt. Dazu kommt, dass der kalifornische Fusion- und Rock-Gitarrist Henry Kaiser (geb. 1952) seit Jahren auch als wissenschaftlicher Taucher und Unterwasserfilmer tätig ist, unter anderem lassen sich seine Aufnahmen aus dem antarktischen McMurdo-Sund in Werner Herzogs Film »The Wild Blue Yonder« (2005) bestaunen; auch produzierte er Herzogs »Encounters at the End of the World« (2007, 2009 für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert) und zeichnete für die Filmmusik verantwortlich. Zahlreiche Reisen hat Kaiser in nord- und südpolare Regionen unternommen, etwa er nahm als erster Musiker ein Album in der Antarktis auf, als er vor knapp 20 Jahren zweieinhalb Monate dort auf einer Forschungsstation verbrachte.

Während Kaiser also prädestiniert dafür scheint, dokumentarisches Nordpolar-Filmmaterial des norwegischen Polarforschers Roald Amundsen angemessen zu »vertonen« bzw. zu konterkarieren, zumal er sogar im Film zu sehende Orte aus eigener (Tauch-)Erfahrung kennt, kann sein rund 25 Jahre jüngerer Duopartner Ivar Grydeland freilich nicht mit dieser arktischen Erfahrung mithalten. Beide waren indes schon auf Rune Grammofon mit Alben vertreten (Kaiser initiierte und organisierte vor ein paar Jahren etwa das Rypdal-Tributprojekt und -album »SKY MUSIC«), weshalb ihr etwas sperriges Projekt bei Runes Vorliebe für interessante Gitarrenalben sicherlich auf fruchtbaren Boden fiel. Die an einem Tag im Januar 2019 improvisierte, atmosphärische Musik bedient sich daher vielmehr eines verbindenden Charakters, hebt das schwarzweiße, historische Filmmaterial auf eine neue, künstlerische Ebene. Allerdings führt dies auch dazu, dass die teils epischen Stücke als CD nur selten eine wirklich durchschlagende, mitreißende Qualität entfalten; für Gitarrenliebhaber mag das noch angehen, aber für Jazzfans bleibt das Hörerlebnis ohne die dazugehörigen Bilder mitunter etwas dürftig, zumindest streckenweise eisig unterkühlt.

Der Film, online zu finden (siehe Link), dauert etwa 80 Minuten, für diese CD wurde die Musik auf fünf Titel einer Gesamtlänge von 65 Minuten verdichtet. (ijb)



Siehe auch:
Ivar Grydeland
Henry Kaiser & David Lindley

Sky Music – A Tribute to Terje Rypdal

Erik Friedlander


Ivar Grydeland: In The Arctic Dreamtime

Video-Link Offizielle Website

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Machinefabriek: Stillness Soundtracks II for films by Esther Kokmeijer
( 2020, Glacial Movements GM040 )

Der 1977 im niederländischen Dokkum geborenen Fotografin/Künstlerin Esther Kokmeijer wurde unter anderem für ihre beeindruckenden Fotografien und Videos vom ewigen Eis einige Aufmerksamkeit zuteil. »Ich interessiere mich dafür, wie 'Landschaften' geformt werden, wie sie interagieren und in das Leben der Menschen eingreifen und umgekehrt,« schreibt Kokmeijer auf ihrer Webseite, und dafür, »wie sich Kunst und Wissenschaft gegenseitig verstärken können, um ein visuelles Verständnis und einen Einblick in wissenschaftliche Ergebnisse zu vermitteln.« Seit 2013 ist sie regelmäßig als Fotografin in süd- und nordpolaren Regionen unterwegs, hat zudem Arktis- und Antarktis-Wissenschaften am Arktischen Zentrum der Staatlichen Universität Groningen studiert.

Gemeinsam mit dem Grafikdesigner Rutger Zuydervelt, der seit 2004 unter dem Pseudonym Machinefabriek vielfältige, meist experimentelle elektronische Musik produziert, entstand nun dieses exzellente Ambient-Album, als Fortsetzung der ersten Zusammenarbeit (veröffentlicht im April 2014), die uns hier bei Nordische Musik entgangen ist. Genau genommen handelt es sich bei der CD, die bei Alessandro Tedeschis famosem Label Glacial Movements erscheint, um den Soundtrack zu »Stillness – Brash Ice, Pack Ice, Growlers, Bergy Bits and Icebergs«, einer Reihe von »Filmlandschaften«, die Kokmeijer über mehrere Jahre hinweg auf ihren Reisen in die Antarktis gefilmt hat. Die meditativen Bilder laden, so die Künstlerin, »zum Nachdenken über die unvergleichliche Schönheit dieser Gletscherökologie ein, die sowohl verletzlich als auch widerstandsfähig erscheint.«

So finden bei diesem Album viele Elemente kongenial zu einander, denn Rutger Zuydervelt hat von Anfang an alle Veröffentlichungen des Labels für polare Musik und Ambient grafisch gestaltet; Tedeschi, der seine eigene arktische Musik unter dem Alias Netherworld veröffentlicht, rief Glacial Movements vor 15 Jahren aus einer Faszination für die arktische Welt heraus ins Leben; und die CD erscheint in einem exquisit gestalteten DigiPak mit 16-seitigem Beiheft mit zahlreichen von Kokmeijers Fotografien. Darüber vergisst man fast zu erwähnen, dass auch die Musik selbst zu den besten Veröffentlichungen in Machinefabrieks an tollen Werken gewiss nicht armer Diskografie zählt. »STILLNESS SOUNDTRACKS II« bietet dunklen, aber nie trostlosen Ambient, der sich und seine einnehmend suggestive Kraft langsam entfaltet. Die Massen von Eis und Eisbergen spiegeln sich in den Stücken ebenso wider wie die Ruhe und Weite der Polarlandschaften, ihre gefühlt unendliche Vielschichtigkeit an Farben, Schattierungen und Lichtstimmungen – und nicht zuletzt auch ein Gefühl schwebender Leichtigkeit, das diesen natürlichen Monumental-Skulpturen aus gefrorenem und flüssigem Wasser innewohnt. (ijb)



Siehe auch:
Rutger Zuydervelt
Pjusk

Thomas Köner

Netherworld


 Machinefabriek: Stillness Soundtracks II for films by Esther Kokmeijer

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

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