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Lange Rezensionen 1 - 322 von 322 im Genre »Jazz« und Land »Norwegen« (insgesamt 586)

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Masqualero: Masqualero
( 2016, Odin Records /Musikkoperatørene ODINCD9553 )

Masqualero wird längst bei Jazzfans und Musikern als »Supergruppe« des europäischen Jazz betrachtet. Doch wenn man im Beiheft dieser exzellenten Wiederveröffentlichung die Entstehungsgeschichte von Band und Debüt nachliest, – die vor den drei beliebten und preisgekrönten ECM-Klassikern »Bande à Part«, »Aero« und »Re-Enter» zwischen 1986 und 1991 liegt – erfährt man, wie spontan das ganze Projekt zustande kam. All jene, die Nils Petter Molvær, Tore Brunborg und Jon Balke seit Jahrzehnten als Kreativkräfte in Europas Jazzszene kennen und schätzen, bekommen hier die Gelegenheit, ihre Anfänge wieder oder gar neu zu entdecken.

Als das Quintett im Juli 1983 nach gemeinsamen Konzerten mit Jan Erik Kongshaug im Talent Studio in Oslo für diese Aufnahmen zusammen kam, war die Band aus einem als Trio geplanten Gig der damals längst international bekannten Norweger Arild Andersen (b) und Jon Christensen (dr) mit dem jungen Pianisten Jon Balke entstanden. Zwei jeweils 23-jährige »Shooting Stars« der Szene, der Trompeter Molvær und der Saxofonist Brunborg, kamen hinzu, und im Auto auf dem Weg zum ersten Auftritt hörte man unter anderem Wayne Shorters Stück »Masqualero« aus der Zeit mit dem Miles Davis Quinet (wohl in einer Liveaufnahme von 1969). Doch sowohl beim Auftritt als auch bei der LP-Veröffentlichung 1983 hatte das Quintett noch nicht den Namen »Masqualero« angenommen; die Platte bekam diesen Titel, und die fünf Mitglieder wurden einzeln genannt. Umso verwunderlicher, dass Andersen, der die Aufnahmen im Oktober 2015 mit Kongshaug remasterte, auf dieser Neuveröffentlichung der Odin-Reihe »Jazz out of Norway since 1981« weder auf den beiden Back-Covers noch im Beiheft im Line-Up genannt wird (auch Jon Christensen wird fälschlich als »John« geführt).

Doch dieser Seltsamkeiten ungeachtet: Hört man die neun Stücke des Originalalbums und die fünf »Bonus Tracks« – von denen vier erst zwei Jahre später aufgenommen und die bei der ersten CD-Veröffentlichung 1996 noch unpassend in eine veränderte Songreihenfolge eingefügt wurden – nach 33 Jahren wieder (oder zum ersten Mal), springt vom ersten Moment an der Funke dieser zeitlosen, genialen Jazzenergie über, und die Tradition, in die sich Masqualero mit ihrem Bandnamen stellen, wird wach wie am ersten Tag. Inspiriert von Shorters Titelstück spielte das Quintett von fast jedem Mitglied Kompositionen ein, nur von Christensen, der damals frisch aus Keith Jarretts weltweit populärem »europäischen Quartett« kam, gibt es keine. Von Andersen gibt es u.a. ein der kurz zuvor verstorbenen Radka Toneff, dessen musikalischer Leiter er gewesen war, gewidmetes Stück. Musikgeschichtlich, kompositorisch und interpretatorisch ein essenzielles Werk. (ijb)



Mehr CDs von Masqualero



Siehe auch:
Nils Petter Molvær
Jon Balke Magnetic North Orchestra

Jon Christensen mit Jarrett, Garbarek und Danielsson

Arild Andersen


 Masqualero: Masqualero

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1982: Pintura
( 2010, Hubro /Grappa HUBRO CD2510 )

Schon die Besetzung klingt ebenso skurril wie zauberhaft: Hardanger-Fiedel, Harmonium, Schlagzeug. Kommen dann noch die Namen hinzu (Nils Økland, Sigbjørn Apeland, Øyvind Skarbø) hat man eine Ahnung, was einen erwarten könnte. Das Album jedoch übertrifft diese Erwartungen nochmals.

"Improvisierte Kammermusik" nennen die drei ihre Musik, die hier unter ihrem Trio-Namen 1982 auftreten. Man könnte auch "Spontan-Folk" oder "Ambient-Jazz" dazu sagen, wirklich treffen können all diese Namen nicht. Der Sound ist tatsächlich unvergleichlich: Der ebenso zarte wie manchmal rachitisch röchelnde Sound des Harmoniums. Die ebenso vollen wie manchmal erschrocken zitternden Melodielinien der Fiedel. Raschelnde Drums, die manchmal wie Alltags-(Stör)geräusche von nebenan oder draußen vor dem Fenster klingen. Alles drei verbindet sich zu träumerischen, tastenden Improvisationen, die ebenso schnell in sich zusammenfallen wie zu plötzlicher Schönheit erblühen können.

Die Sensibilität, die diese zerbrechliche Musik von den Instrumentalisten verlangt, ist enorm. Gleichzeitig klingen die acht Tracks so ungeheuer sicher und ausgefeilt, als habe ein Komponist die Musik bis ins allerletzte zarte Detail ausformuliert. Eine wundervolle CD im Sinn des Wortes - voller kleiner Wunder. (sep)



Mehr CDs von 1982



Siehe auch:
Nils Økland
Sigbjørn Apeland

Berit Opheim Versto

Nils Økland & Sigbjørn Apeland


 1982: Pintura

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Michael Aadal Group: Abigail
( 2013, Losen Records LOS 122-2 )

Michael Aadal formierte seine Group 2008, »ABIGAIL« ist die zweite CD der Band. Der Gitarrist aus dem norwegischen Kristiansand hat klare Vorstellungen vom Klang seiner Musik: viel Luft weht durch die Kompositionen, die Inspiration durch die Natur wird immer deutlich. Stilistisch lässt sich Aadal nicht einschränken, die Musik steht Rock und Country bzw. Americana mindestens so nahe wie dem Jazz.

Vor allem die Kombination von Aadals Gitarre mit der Pedal Steel Guitar von Anders Hofstad Sørås ist ebenso ungewöhnlich im jazzigen Kontext wie reizvoll. Dazu kommt André Kassens Saxophon und die Rhythmusgruppe aus Ole-Bjørn Talstad (p), Audun Ramo (b) und Gunnar Sæter (dr). Das Titelstück setzt gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen, aber gerade die eher hymnischen Stücke wie »The Way Home« gefallen. Zum Schluss gibt es noch eine zweite Version von »Abigail« mit Gastsänger Stein Roger Sordal – diese ist fast noch besser als die erste. In jedem Fall besetzt Michael Aadal eine Nische, nennen wir es mal norwegischen Country Jazz. (tjk)



Mehr CDs von Michael Aadal & Group

Michael Aadal: Abigail

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Frøy Aagre: Cycle Of Silence
( 2009, ACT /Contraire 9491-2 )

Lyrisch und verträumt schlängelt sich das Sopran der norwegischen Saxophonistin, auf ihr Tenor verzichtet sie hier ganz. Ihren Ton kann man durchaus eigen nennen, ganz sicher ist sie kein Epigone eines bekannten norwegischen Saxophon-Weltstars. Eine feine Band hat sie beisammen, die sehr organisch und eingespielt klingt. Freddy Wike (dr) und Audun Ellingsen (b) begleiten konzentriert und aufmerksam, »Words On An Envelope« ist hierfür ein Paradebeispiel. Besonders Ellingsen überzeugt auch solistisch.

Wichtigster Mann in der Band ist jedoch Andreas Ulvo, mittlerweile einer der führenden Pianisten Norwegens – er ist der Klangarchitekt, wenn Frøy Aagre schweigt. Wenn sie spielt, spielt sie unaufgeregt und präsent, manchmal verspielt, meistens kontrolliert, wirkt hier und da etwas entrückt und fängt sich dann wieder – große emotionale Eruptionen entladen sich nicht. Kompositorisch hat Frøy Aagre auch einen persönlichen Stil: mit Köpfchen, aber nicht verkopft, melancholisch, aber nicht sentimental. (tjk)

Frøy Aagre: Cycle Of Silence

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Eivind Aarset & The Sonic Codex Orchestra: Live Extracs
( 2010, Jazzland /Universal 273 196-8 )

Wenn man das SCO schon mal live gehört hat, weiß man dieses Album erst recht zu schätzen. Denn von der Wucht und emotionalen Nähe des Bühnenauftritts geht auf der Silberscheibe kaum etwas verloren. Die meisten Aufnahmen stammen vom Moers Festival, wo Aarset und seine Kumpanen das blaue Zirkus-Festivalzelt zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Ist auch kein Wunder. Denn die Musik des bis zu achtköpfigen Ensembles wirkt wie ein »Best Of« skandinavischer zeitgenössischer Jazz-Zutaten: Experiment à la Supersilent. Pathos à la Sigur Rós. Power à la Scorch Trio, um nur mal ein paar Bezugsgrößen zu nennen.

Aarsets Gitarre (und Aarset selbst natürlich) sind das Zentrum dieses Universums, um das alles kreist und das manchmal für wilde, heavy-metal-mäßige Soli alles um sich herum stillstehen lässt. Gleichzeitig liegen eine große Leichtigkeit und eine konzentrierte Präzision in den oft komplexen, manchmal aber auch einfach nur vorwärts düsenden Stücken. Eine weitere Bezugsgröße, ohne die man da nicht auskommt, sind Jaga Jazzist. Also an alle, die ungern Live-CDs hören: Diese wirkt nicht wie ein Kunden-das-Geld-aus-der-Tasche-locken-Beiprodukt, sondern eher wie ein Konzeptalbum, trotz der Zeit- und Raumdistanzen zwischen den einzelnen Auftritten. Unbedingt anhören, verlieben und das nächste Mal dann aufs Konzert gehen! (sep)



Siehe auch:
Eivind Aarset
Supersilent

Sigur Rós

Scorch Trio



Zum Artikel über Eivind Aarset

Eivind Aarset: Live Extracs

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Ab und Zu: Spark Of Life
( 2002, Curling Legs clp cd 74 )

Einfach zauberhaft: Ole Henrik Giørtz' Piano durchmisst wie ein Ballettänzer mit weiten Sprüngen den Raum; dazu schnurrt Ole Kamfjords lässig schlendernder Kontrabass. Und Anne Marie Giørtz (offensichtlich noch immer verliebt in den Pianisten) singt mit einer seidigen Stimme, als sei sie eben erst erwacht und nun bereit, die Welt umarmen. Meint da wer, das erinnert an Kari Bremnes? Stimmt, doch Kari hat schließlich nicht das Recht gepachtet auf zartbittere Songs zwischen geschmackvollem Pop und melancholischer Jazzfärbung.

»SPARK OF LIFE« als dritte CD der Band geriet schlichtweg vollkommen mit seinen schmeichelnden Songs. Denn das zärtlich agierende Quintett mit den sich fast übertrieben zurückhaltenden Eivind Aarset (Gitarre) und Audun Kleive (Schlagzeug) garantiert 50 Minuten höchsten Balladen-Genuss. Und der eigenartige Name Ab und zu? Klingt halt gut, so wie die drei eingestreuten Instrumentals »Ab«, »Und« und »Zu« ... (lha)



Siehe auch:
Eivind Aarset
Kari Bremnes


 Ab und Zu: Spark Of Life

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Acuña • Hoff • Mathisen: Barxeta
( 2012, Losen Records LOS 118-2 )

Hier ist der Schlagwerker der bekannteste des Trios: Alex Acuña kennt man von Bands wie Weather Report, er nahm auch mit Herbie Hancock und Chick Corea auf und ist einer der renommiertesten Drummer und Percussionisten, wenn es um Latin-angehauchte Fusion geht. Auch die beiden Norweger Jan Gunnar Hoff (Piano, Keyboard) und Per Mathisen (Kontra- und E-Bass) sind keine unbeschriebenen Blätter. Ihr Projekt nennen sie Barxeta, dies ist sogar schon ihre zweite CD – kein Wunder, schließlich tourt die Band seit 2008 regelmäßig. Hier treffen sich drei Könner!

Was aber nun keineswegs heißt, dass die Musik von Barxeta sonderlich interessant oder gar spannend wäre. Die Stücke tröpfeln so dahin, mal mit mehr Latin-Rhythmen, mal mit weniger Tempo, sonderlich viel Wert auf die Qualität der Stücke oder die Arrangements haben Acuña, Hoff und Mathisen nicht gelegt. Klar, sie sind meisterliche Instrumentalisten, aber bereits nach der Hälfte möchte man ausschalten. (tjk)



Siehe auch:
Jan Gunnar Hoff
Per Mathisen

Per Mathisen, Jan Gunnar Hoff, Horacio Hernandez

Hoff Ensemble


 Acuña • Hoff • Mathisen: Barxeta

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Akmee: Neptun
( 2017, Nakama Records NKM011CD / NKM011LP )

Neptun: der äußerste Planet unseres Sonnensystems – oder der römische Wassergott? Das markante Cover der Debütscheibe dieses jungen norwegischen Quartetts lässt beide Lesarten zu. Ein schöner, da gleichermaßen prägnanter wie vielseitig auslegbarer Albumtitel. Dem Gott der Meere und des Fließenden wird großen Einfluss auf das Unterbewusste zugeschrieben, und der nach ihm benannte Planet liegt am Rande zum großen weiten All; somit scheint der Titel auf das Unbekannte, Ungreifbare zu verweisen. Für eine improvisierende Band also ein reizvoller Wegweiser, denn das Intuitive soll ja viel Raum bekommen und idealerweise die Qualität und Unverwechselbarkeit einer Gruppe auszeichnen.

Schlagzeuger Andreas Wildhagen gehört zum Kern des Nakama-Kollektivs, dessen elftes Album innerhalb von rund zwei Jahren »NEPTUNE« darstellt. Er gründete die Band Akmee bereits vorher, 2013, mit Pianist Kjetil Jerve, auch wenn sie in dieser Zeit nur wenig in Erscheinung getreten ist. Gemeinsam improvisieren die beiden auch im etwas geradlinigeren Trio Orter Eparg und im noisigen Lana Trio. Bassist Erlend O. Albertsen ist u.a. Teil der Truppe Filosofer, deren spannendes Debüt ebenfalls unlängst bei Nakama Records erschien, und Erik K. Pedersen spielt Trompete mit zahlreichen Ensembles. Wie bei der Band Nakama und anderen Projekten des Labels steht auch bei Akmee der Kollektivgedanke im Zentrum, d.h. unter anderem, dass jedes Mitglied eigenes Material in den Entwicklungsprozess bringt, und dass die Grenzen zwischen dem komponierten Umfang und den improvisierten Anteilen schnell verschwimmen. Daher geht diese freie Herangehensweise über das hinaus, was für viele Jazzhörer noch den Bereich des angenehmen Hörens ausmacht.

Auf »NEPTUNE« zeigen die vier Norweger in vier langen Stücken, dass John Coltranes Spätwerk noch 50 Jahre nach seinem frühen Tod alles andere als ein alter Hut ist. Ganz so versiert und souverän sind Akmee zwar noch nicht in ihrer Entdeckungsreise des melodischen Free Jazz, doch Stimmungen entwerfen, die ohne spielerische Knalleffekte organisch komplexe Stücke zwischen vier Stimmen ausgestalten, das gelingt ihnen schon echt gut. (ijb)



Siehe auch:
Kjetil Jerve
Andreas Wildhagen

Orter Eparg

Filosofer


 Akmee: Neptun

Video-Link Offizielle Website

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Albatrosh: Yonkers
( 2011, Rune Grammofon RCD 2117 )

Keine Schnörkel, keine Spielerei, keine Extras, nix. Einfach nur Klavier und Saxophon, Jazz in Reinform sozusagen. Und in Höchstform, was dieses junge Duo aus Eyolf Dale und André Roligheten angeht. Beide sind Mitte 20, haben aber die technische Reife und den kompositorischen Durchblick von alten, ergrauten Jazz-Hasen.

Stichwort Komposition. Die acht Tracks sind abgezirkelte Gebilde aus komplexesten Rhythmen und verqueren Harmonien, die durch die genau richtige Prise Improvisation und Spiel-Druck explodieren und sich in allen Winkeln der Gehörgänge verteilen. So entsteht eben kein Akademiker-Jazz, den man mit der Partitur in der Hand hören muss. Sondern ein Zwiegespräch, das zwar alle Aufmerksamkeit des Hörers fordert, aber ihn am Ende auch mit viel Gewinn wieder entlässt. Denn immer dann, wenn es gerade zu schwierig zu werden droht, kommt eine Klavier-Basslinie angetanzt, eine schöne, klare Saxophon-Melodie oder ein Pattern, das über eventuelle Müdigkeitserscheinungen hinwegrettet.

Das alles ist so perfekt zusammengeschraubt, dass man staunen muss - und gleichzeitig so scheinbar lässig eingespielt (in einer magischen nächtlichen Session, sagen die Musiker), dass es auch komplett aus dem Ärmel geschüttelt sein könnte. So avantagardistisch der norwegische Jazz die vergangenen Jahre manchmal war - Platz für Reinkultur bleibt immer. (sep)



Mehr CDs von Albatrosh



Siehe auch:
Hayden Powell Trio
Daniel Herskedal

Waldemar4

Hanne Kolstø


 Albatrosh: Yonkers

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Erlend Olderskog Albertsen: Rødssalg Ne En Glassdør
( 2018, Dugnad Records DUGCD 002 )

Erlend Olderskog Albertsen ist ein norwegischer Bassist, der nebenbei auch noch Mitinhaber des Labels Dugnad Records ist; Kompagnon ist der Pianist Kjetil Jerve, auch er ist auf dieser Debut-CD zu hören. Albertsen hat einen recht freigeistigen musikalischen Ansatz, wobei er die CD »RØDSSALG NE EN GLASSDØR« unter einen Science Fiction-Überbau steckt: Die »Seekers Of The Origin« reisen mit ihrem Raumschiff Rødssalg Ne mit Lichtgeschwindigkeit um die sterbende Sonne. Auf der Suche nach einer Glastür geraten sie in eine Parallelwelt, in der die Zeit gleichzeitig vorwärts und rückwärts läuft.

Das zu verstehen hilft ungemein, wenn man die Musik der Seekers hört – dann versteht man auch diese viel besser, möglicherweise. Ansonsten muss man sich eben an die Fakten halten: Neben Albertsen und Jerve sind Martin Myhre Olsen am Altsaxophon, Nils Andreas Granseth an der Posaune, Erik Kimestad Pedersen an der Trompete und Andreas Mannila Wildhagen am Schlagzeug zu hören. Letzterer ist der bekannteste der Mitmusiker.

Musikalisch bewegen sich die sechs Fictionauten in freiem Raum, mit einigen auskomponierten Passagen und viel Platz für Soli, Duette und mehrstimmige Ausflüge. Manchmal groovt es, manchmal weniger, es gibt schöne und melodische Passagen ebenso wie einigen Leerlauf – wie das bei ähnlich strukturierter Musik eben passiert. Nach 52:24 Minuten ist das Raumschiff am Ziel – und man kann die CD je nach Stimmung durch eine geschlossene Glastür werfen. Oder kann man sie vielleicht auch gleichzeitig vorwärts und rückwärts abspielen? (tjk)



Siehe auch:
Kjetil Jerve
Andreas Wildhagen

Martin Myhre Olsen

Wako


Erlend Olderskog Albertsen: Rødssalg Ne En Glassdør

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Frode Alnæs; Arild Andersen & Stian Carstensen: Julegløggen
( 2003, Kirkelig Kulturverksted FXCD 274 )

Von der »Sommerbrise« (Vorgängeralbum) zum »Weihnachtspunsch«: Alnæs, Andersen und Carstensen fühlen sich in jeder Jahreszeit zuhause. Verschmitzt, ungemein elegant und liebevoll in jedem Ton intonieren die Drei altbekannte Jul-Gassenhauer wie »Bjelleklang«, »White Christmas« oder »Stille Natt«.

Gerade weil diese Burschen so meisterhaft mit Gitarre, Kontrabass und Akkordeon umgehen, musizieren sie sehr reduziert - hier sitzt jede Note, jede Verzierung, aber auch jede Pause. Mal flott swingend bei »Rudolf Er Rød På Nesen«, dann wieder liebervoll-zärtlich in »Et Lite Barn Så Lystelig« oder lyrisch bei der Eigenkomposition »Vitae Lux«: Das Trio begegnet den Weihnachtsweisen mit Respekt und dennoch ohne Kitsch; es beweist Witz und zerstört dennoch nicht die feierliche Andacht. Dieser Spagat gelingt bei kaum einer Christmas-CD, und deswegen zählt diese Scheibe zu den besten ihrer Art. (peb)



Mehr CDs von Frode Alnæs & Arild Andersen & Stian Carstensen



Siehe auch:
Verschiedene: 30 Years' Fidelity
Jimmy Rosenberg & Stian Carstensen

Matthias Eick

Stian Carstensen & Farmers Market


Frode Alnæs: Julegløggen

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Misha Alperin: Blue Fjord
( 2004, Jaro 4249-2 )

Mitte der Achtziger Jahre, als Mikhail Alperin noch in Russland wohnte, schrieb er spontan in seinen Zeitplaner »Alperin, Misha – Oslo, Norwegen«. Warum er das tat, weiß er bis heute nicht – hatte er doch kein besonderes Interesse, nach Norwegen zu ziehen. Zehn Jahre später erhielt der Pianist dann von der Norwegischen Akademie einen Lehrauftrag und wohnt bis heute in Oslo.

Die Aufnahmen dieser CD entstanden jedoch schon 1993, als der Ukrainer vom Osloer »Blue Fjord« allenfalls ein Bild in seinem Kopf hatte. Das muss jedenfalls in den frühen Morgen- oder Abendstunden sein; es präsentiert sich still, majestätisch und doch gänzlich unpathetisch. Dabei fühlt sich der Chef des Moscow Art Trios zum lebhaften Süden ebenso hingezogen wie zur nordischen Stille, wie etwa die hektisch sich im Kreis drehende »Toccata« beweist. Ab und zu spitzen auch noch moldawische Einflüsse durch, die der Pianist bei seinen späteren ECM-Aufnahmen dann völlig aus dem Spiel ließ. (peb)



Siehe auch:
Moscow Art Trio
Verschiedene: Russian Soul


Misha Alperin: Blue Fjord

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Amherst: A Light Exists in Spring
( 2010, Norcd NORCD1092 )

Akademiker am Werk: Das Quartett Amherst hatte sich 2006 an der norwegischen Musikhochschule gefunden und ihr Können bei etlichen Auftritten vor allem in der literaturverwandten Jazzszene unter Beweis gestellt. Der Ansatz bei den Aufführungen von »LIGHT EXISTS IN SPRING« ist ein höchst intellektueller und multimedialer: Da die Texte auf Gedichten von Emily Dickinson basieren, wird die Musik bei ihren Live-Performances unterbrochen von Lesungen und begleitet von Live-Video Mixing.

Davon merken wir beim Anhören des Amherst-Debüts natürlich nichts, doch der stille, kammermusikalische Gestus von Sängerin Ingvild Koksvik Amundsen, Saxofonistin Lene Anett Killingmo, Bassistin Ellen Andrea Wang sowie Pianist Lars Jakob Rudjord fasziniert durch seine Reduktion, formale Strenge und ernste Konzentration. Ein unkontrollierter Ausbruch oder eine spontane freudige Überschwang würde der Musik aber trotzdem gut tun. (peb)



Siehe auch:
Lars Jakob Rudjord Ensemble
Ingvild Koksvik

Karl Seglem

Roger Johansen


 Amherst: A Light Exists in Spring

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Arild Andersen Group: Electra
( 2005, ECM /Universal 1908 )

Der Bassist Arild Andersen hat sich schon immer gerne mit Mythen wie klassischen Stoffen beschäftigt – sei es mit dem mysteriösen Atlantis im Norden namens Hyperborean oder Sigrid Unsets Novelle »Kristin Lavransdatter«. Nun hat er sich sowohl zeitlich wie räumlich noch weiter von seiner Heimat entfernt und widmet sich der griechischen Tragödie »Elektra« des Sophokles: eine Auftragsarbeit im Rahmen der auch kulturellen Feierlichkeiten zur Olympiade in Athen. 18 Szenen – so schlicht nennt er seine musikalische Dramatisierung, die einerseits auf Rhythmisierung setzt und zugleich der griechischen Vocalistin Savina Yannatou viel Raum lässt.

Es ist eine ernste Produktion geworden, die entsprechend Konzentration bei gleichzeitiger Gelassenheit verlangt und einen im Gegenzug im dritten oder vierten Schritt belohnt: für den Moment, in dem man den satten und ein wenig stoischen Bass Andersens mit den hellen und zuweilen fordernden Stimmen von Yannatou und ihren Mitsängerinnen zu vereinen weiß. Wobei gesagt werden darf, dass sich Andersen einen äußerst kompetenten Kreis von Unterstützern aufgebaut hat, als da wären Arve Henriksen, Eivind Aarset, Nils Petter Molvaer ... (frk)



Siehe auch:
Arild Andersen
Arve Henriksen

Eivind Aarset

Nils Petter Molvær


Arild Andersen: Electra

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Arild Andersen; Paolo Vinaccia & Tommy Smith: In-House Science
( 2018, ECM /Universal ECM 2594 | 6716897 )

Es beginnt mit einer einfachen Melodie, die Arild Andersen auf seinem Bass zupft, nachdem er sich mit seiner Loop-Station einen feinen Tieftonteppich zurecht gewoben hat. Es ist das Motiv von »Mira«, Titelstück des letzten Trio-Studioalbums. Am Ende dieser Live-CD werden wir eine Demonstration all dessen gehört haben, was Trio-Jazz zu offenbaren vermag. Schon während des Openers lässt Tommy Smith mit forschem, vollen Ton und energischen Linien erahnen, wohin die Reise zu gehen vermag, aber sowohl er als auch Paolo Vinaccia am Schlagzeug bewahren noch für einen langen Moment den romantischen Duktus, den dieses erste Stück einfordert; der italienische Wahlnorweger etwa, indem er kaum einmal Mal die Snare spielt.

Das ändert sich unmittelbar mit Beginn des zweiten Stücks, »Science«, mit dem grandiosen Finale »In-House« bildet es die titelgebende und musikalische Spange um dieses Konzert. Andersen beginnt hier mit grummelnden Basstönen, das Feuer zu schüren, wechselt später in einen Walkingbass, über den Smith sich anschickt, seine lodernden Riffs erklingen zu lassen. Vinaccia treibt das Trio wahlweise durch geradliniges Spiel an oder umgarnt die Solisten mit seiner feinen Arbeit an den Becken. All dies steigert sich über das Konzert hinweg so sehr, dass Smith seine nervösen Phrasen gegen Ende dem Publikum regelrecht vor die Füße wirft, in abseitigen Skalen, bisweilen in rettungslos überblasenem Ton – und das sprichwörtlich bis zum letzten Atemzug. Dazwischen werden die Themen übergeben und übernommen, man trifft sich für einige Takte und geht wieder solierend auseinander – und alles ist reinster Bop, noch viel energetischer und gelöster als auf der 2008er »BELLEVILLE«-Live-CD. Nur einmal, nämlich zur Mitte des Albums und damit genau zur rechten Zeit, gibt es für die Akteure und das Publikum eine Atempause, wenn Andersen, erneut am Looper, Arco-Klänge erzeugt, über die er dann das »Hyperborean«-Motiv aus der gleichnamigen Platte entwickelt.

Wenn man am Ende dieses Parforceritts noch mal den Blick auf den Albumtitel wirft, müsste man der Band eigentlich den Vorwurf machen, das Thema glatt verfehlt zu haben, denn »wissenschaftlich« ist das alles überhaupt nicht. Aber gerade das ist das Erfrischende an dieser Produktion ... und das aus dem Hause ECM, in dem der wohlgesetzte Ton gegenüber dem ungestümen Derwisch doch so oft den Vorzug erhält. Insgesamt erfreuen wir uns über eine offensichtliche »neue Leichtigkeit« bei ECM, die zuletzt schon einige der aktuellen Produktionen bei ECM auf angenehmste Weise durchzogen hat. (stv)



Mehr CDs von Arild Andersen & Paolo Vinaccia & Tommy Smith