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Lange Rezensionen 11 - 20 von 41 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 41)

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Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra):
Sørensen, Takemitsu, Schönberg, Tómasson
( SACD, 2006, 12 Tonar 12tk002 )

Keine Überraschung, dass das junge isländische Kammerorchester für seine erste CD eine alles andere als gewöhnliche Auswahl getroffen hat, als deren verbindendes Element sich etwas getrübte, zwielichtige Stimmungsbilder, teils mit Naturbezug, ausmachen lässt. Die beiden skandinavischen Komponisten, Bent Sørensen aus Dänemark und Haukur Tómasson aus Island, sind jeweils bereits Träger des Musikpreises des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize). Wenn Sørensens »Weeping White Room«, das hier seine Ersteinspielung erlebt wie nahtlos in »Tree line« des berühmten, früh verstorbenen Japaners Toru Takemitsu gleitet, lässt sich das kulturverbindende Moment von (auch) zeitgenössischer Musik unmittelbar erfahren.

Diese raffinierte Verbindung der beiden je rund zehnminütigen Kompositionen setzt sich dann sogar im rätselhaft dahinschwebenden von Schönbergs »sechs kleinen Klavierstücken« fort, obgleich diese aus dem Jahre 1911 rühren. Bernhard Wulffs Kammermusik-Arrangement dieser sechs Vignetten findet hier ebenfalls seine Ersteinspielung. Schrittweise wird das Programm so aus dem Ungreifbaren und Abstrakten über japanisch-exotische Naturmystik und dann zum mit heutigen Ohren fast konventionellen Ursprung der Modernen Musik geführt. Den Abschluss bildet dann das rund 25-minütige »Par« (»Paar«) schrieb Tómasson auf Anfrage des Ensembles. Es besteht aus den beiden Sätzen »Ort« und »Reise« und scheint wiederum inspiriert von isländischen Landschaften. Ein wahrlich anspruchsvolles Werk, schon allein für die Interpreten, doch bedauerlicherweise nicht ganz so schillernd und faszinierend wie die vorigen drei. (ijb)



Siehe auch:
Elfa Rún Kristinsdottír
Daníel Bjarnason

Anna Thorvaldsdóttir

Bent Sørsensen Chorwerke


 Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra): Sørensen, Takemitsu, Schönberg, Tómasson

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Jóhann Jóhannsson:
Arrival (Original Motion Picture Soundtrack) – Music by Jóhann Jóhannsson
( 2016, Deutsche Grammophon /Universal 00289 479 6782 )

In Denis Villeneuve hat Jóhann Jóhannsson offenkundig einen künstlerischen Seelenverwandten gefunden. Keine seiner Kompositionen für Filme kann es qualitativ bislang mit denen der kongenialen Partnerschaft zwischen ihm, dem Exil-Isländer, und dem Kanadier aufnehmen; scheinbar gibt es da »nordische« Gemeinsamkeiten. Und das passt, so nebenbei bemerkt, auch auf ihre neue, dritte Zusammenarbeit, den Film »Arrival«, der nicht allzu entfernt von der kanadischen Grenze, in dunkel vernebelten Landschaften Montanas spielt.

Beim Traditions-Klassiklabel Deutsche Grammophon (DG), das sich derzeit wieder mehr auf seine genuinen Tugenden besinnt, erschien erst einige Wochen zuvor Jóhannssons als »Soloalbum« bezeichnetes DG-Debüt, »ORPHÉE«, doch findet er in seiner im direkten Vergleich klassischeren »ARRIVAL«-Komposition zu größerer Stärke und Fokussierung. Während »ORPHÉE« zu viel auf einmal will und dadurch an Klarheit und Dichte verliert, gewinnt der »ARRIVAL«-Score gerade durch seine bei oberflächlicher Betrachtung einfache und konventionelle Form. Doch der Teufel steckt im Detail. Während »Sicario« Abgründe und Verstörungen auch in der Musik offen zutage treten ließ, entstehen hier durch raffinierte Verschiebungen, Dopplungen, Irritationen und andere subtile kompositorische Kniffe höchst anregende Wahrnehmungsöffnungen – bei der von Amy Adams superb verkörperten und im Science-Fiction-Film markant ungewöhnlichen Hauptfigur ebenso wie beim Zuschauer, der von der Filmerzählung auf leisen Sohlen eine kluge philosophische und letztlich auch weltpolitisch anregende Geschichte eröffnet bekommt.

Da es um Kommunikation jenseits von Worten geht, setzt Jóhannsson Stimmen ohne Text ein, was ganz entfernt an Steve Reich erinnert, laut Aussage des Komponisten allerdings (ebenso) von Joan La Barbera inspiriert ist. Dazu setzte Jóhannsson die Zusammenarbeit mit dem Vokalensemble Theater of Voices unter Paul Hillier fort, die bereits auf »ORPHÉE« einen schönen kurzen Auftritt hatten. Wie schon »Prisoners« und »Sicario« ist auch »Arrival« eine Werk mit unüblicher Filmmusikbesetzung, das aus der Verbindung von klassisch und avantgardistisch brillante Ergebnisse hervorbringt und direkt ins Unterbewusste vordringt.

[All jene, die sich nach dem Kinobesuch fragen, warum das kitschige Streicherstück von Anfang und Schluss des Films nicht auf der CD ist: Es ist »On the Nature of Daylight« von Max Richter (ebenfalls bei DG veröffentlicht), das bereits in Martin Scorseses Film »Shutter Island« zu hören war. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Villeneuve und Jóhannsson dieses stilistisch so viel unsubtilere und im direkten Vergleich mit dem Score weitaus schwächere Stück überhaupt, und dann auch noch so prominent eingesetzt haben; ein bedauerlicher Fehlgriff, der zum Glück auf der CD weg gelassen wurde.] (ijb)



Siehe auch:
Colin Stetson
Theatre Of Voices: Bent Sørensen

Theatre of Voices: Dietrich Buxtehude

Mari Samuelsen


Jóhann Jóhannsson: Arrival (Original Motion Picture Soundtrack) – Music by Jóhann Jóhannsson

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Copenhagen Dreams
( 2012, 12 Tonar 12T061 )

Nach der beeindruckend individualistischen und nachhaltig wirkenden Filmmusik zu »Miner's Hymns« freute man sich über die willkommene Erweiterung von Jóhannssons Spektrum, nachdem der Streicher-Wohlklang langsam aber sicher ausgereizt schien. Da enttäuscht es ein wenig, dass »COPENHAGEN DREAMS«, wiederum zu einem Dokumentarfilm (von Max Kestner) entstanden, eine Rückkehr (bzw. Wiederaufnahme) dieser allzu harmonischen Verträumtheit bietet; sogar Celesta-Klänge versüßlichen diesmal das Kammerensemble.

Nun ist der Entwurf mit dem Fokus auf wiedererkennbare Melodien und Filmmusik-Konventionen gar so wenig eigen ausgefallen, dass man laufend Kompositionen anderer Soundtracks zu hören glaubt. Nur vereinzelt irritiert Glitch-Elektronik oder gar ein Schweben am Abgrund wie in »There's no Harm done« oder überrascht der geisterhafte Gesang von Hildur Guðnadóttir und Sara Guðmundsdóttir im letzten Drittel. Fast eine Empfehlung für Hollywood. (ijb)



Siehe auch:
Hildur Guðnadóttir

Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: Copenhagen Dreams

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Dís
( 2005, 12 Tonar 12T04 )

Manchmal klingen die Kompositionen von Jóhann Jóhannsson wie adrette Pausenmusiken aus dem Fernsehen, die völlig aus dem Ruder laufen. Getragen von solider Gefälligkeit addieren sich lockere Tonfolgen aneinander – um dann los zu galoppieren, dass einem die Kategorien aus den Händen gleiten. Pop? Ja, gewiss. Elektronische Cluster – auch, sicher. Akustische Hübschigkeiten, die fern von allem Kitsch das Herz berühren und einen wieder jung werden lassen, ohne all den Unsinn der Jugend nachmachen zu müssen – oh ja, oh ja, oh ja.

Dabei hoppelt die elektronische Trommel eindringlich vor einem auf und ab, manierliche E-Pop-Töne schmeicheln das Ohr, und insgesamt ist alles so lupenrein garniert, dass auch eine krachige E-Gitarre einen Gastauftritt erhält. Und alsbald erheben sich wieder samtige Klanglandschaften voller schmelzender Pling-Plings und perlig-gehallter Klaviersentenzen, dass man nicht länger wissen muss, wie man solche Musik zum Kuckuck denn nun nennt. Vielleicht einfach – schöne Musik.
(Okay: Es handelt sich faktisch um die Musik für den Film »Dís« von Silja Harksdottir, aber das ist nicht wirklich wichtig, sondern nachgelesen.) (frk)

Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: Dís

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Englabörn & Variations
( 2 CDs, 2018, Deutsche Grammophon /Universal 479 9841 )

Eigentlich kann man dieses Album kaum »objektiv« rezensieren. Jeder, der sich in den letzten 15 Jahren für die zeitgenössische Komposition bzw. die Avantgarde-Musik Islands interessiert hat, und nahezu jeder mit einem auch nur groben Interesse an fantasievoller Filmmusik in diesem Jahrzehnt wird einmal mit dem Schaffen von Jóhann Jóhannsson konfrontiert worden sein. Und es ist mit einiger Sicherheit anzunehmen, dass man davon berührt wurde. Denn wenn Jóhannsson eines konnte, dann war es, seine Hörer zu berühren, sei es in Form seiner bewegenden »Solo-Alben« (»FORDLANDIA« war unsere »CD des Monats« im November 2008) oder in den letzten Jahren auch als Filmkomponist in Hollywood (»CD des Monats« Oktober 2015: die eindringliche, radikale »SICARIO«-Musik).

Dabei blieb Jóhannsson auch als gefeierter Hollywood-Komponist der Kunst verpflichtet (seine Musik für Darren Aronofskys »mother!« wurde im Prozess der künstlerischen Wahrheitsfindung komplett aus dem Film herausgenommen) und produzierte weiterhin ganz persönliche Alben wie »ORPHEE« oder »END OF SUMMER«. Nun wurde er am 9. Februar tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden. Über die Todesursache wurde bislang nichts bekannt, aber er wurde nur 48 Jahre alt; und von einer schweren Krankheit war nicht die Rede.

Zuvor stellte Jóhannsson die Neuveröffentlichung seines 2002er Debütalbums »ENGLABÖRN« fertig, eine 2001 geschriebene und aufgenommene Suite für Streichquartett, Perkussion und verschiedene von ihm selbst gespielte und verfremdete Instrumente, inklusive einer Computer-Singstimme, wie sie später auch in dem oft als seinem Meisterwerk bezeichneten »IBM 1401, A USER'S MANUAL« auftauchte. Zwar basierte das »ENGLABÖRN«-Album auf der Musik, die der damals anfang-dreißigjährige Isländer für eine Theaterinszenierung seines Landsmanns Hávar Sigurjónsson geschrieben hatte, doch legte die 48-minütige CD beim Avantgarde-Label Touch den Grundstein für eine ungeahnte Karriere, die viele hervorragende Werke für unterschiedliche Besetzungen und künstlerische Projekte zur Folge hatte, bis hin zur kongenialen Zusammenarbeit mit dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve (»Prisoners«, »Sicario«, »Arrival« und die nicht veröffentlichte Kollaboration zu »Blade Runner 2049«).

»ENGLABÖRN« besticht auch heute noch durch eine zeitlose Poesie und zarte Melancholie, und da Jóhannsson diese Wiederveröffentlichung im letzten Jahr selbst verantwortete und viel von sich auch in die »Reworks« und »Variations« einbrachte, kommt man um das Gefühl nicht herum, er könnte dieses Projekt bewusst als Abschiedswerk konzipiert haben. Denn nun ist sein erstes Album zugleich auch sein letztes. Und die persönliche Natur dieser Kompositionen wird uns umso präsenter vor Augen geführt. Die Traurigkeit der Originalsuite wird in den elf Neuinterpretationen noch einmal gesteigert, oft ins bedrückend Düstere, u.a. von Hildur Guðnadóttir, Alex Somers, Viktor Orri Árnason, A Winged Victory for the Sullen oder Ryuichi Sakamoto. In zwei Stücken hat Jóhannsson mit Francesco Donadello das alte Material neuer Bearbeitung in Form mechanischer Magnetband-Verfremdung unterzogen, zwei arrangierte Jóhannsson komplett neu für das Vokalensemble Theatre of Voices, ein weiteres für den Pianisten Víkingur Ólafsson.

Und alle sind stark, oft ganz anders als die häufig leisen, zarten Originale, doch nicht weniger gelungen; einfach andere Blickwinkel. Ohne zu viel hineinlesen zu wollen: »ENGLABÖRN & VARIATIONS« hat den Charakter eines Requiems und berührt ungemein in der Gegenüberstellung der Lesarten von 2001 und 2017. (ijb)



Siehe auch:
Víkingur Ólafsson
Evil Madness


Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: Englabörn & Variations

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Orphée
( 2016, Deutsche Grammophon /Universal 00289 479 6021 )

Everybody's Favourite Film Composer Jóhann Jóhannsson war natürlich nicht weg oder unsichtbar unhörbar in den letzten Jahren – im Gegenteil. Kaum jemandes Schaffen hat über die letzten fünf, sechs Jahre einen vergleichbaren Aufschwung erlebt, aus dem kauzigen Underground, der wunderlich-unerschlossenen Avantgarde hin zu Oscar- und Golden-Globe-Nominierung für emotionale Orchestermusik in großen Kinofilmen – Musik, auf die sich alle einigen können, selbst jene, denen die zugehörigen Filmen nicht zusagen.

»ORPHÉE« wird als Jóhannssons »erstes Soloalbum [lies: Nicht-Filmmusik] seit sechs Jahren« angepriesen, wobei Nachforschungen keine schlüssige Antwort ergaben, welche CD aus dem Jahr 2010 damit gemeint ist. Wahrscheinlich war tatsächlich »FORDLANDIA« (2008) seine bislang letzte Platte vor dem Aufstieg zum viel gefragten Filmkomponisten. Dafür spricht auch, dass Jóhannsson selbst schreibt, dass sich die Arbeit an diesem Projekt seit 2009 hinzog. So scheint sicht- und hörbar, dass das Orpheus-Thema mehr eine lose Folie darstellt als dass »ORPHÉE« nun ein rundes Werk, eine in sich geschlossene Bearbeitung der Geschichte geworden wäre. Einerseits erkennt man sehr deutlich den Komponisten von »FORDLANDIA« (will sagen: seines Frühwerks) wieder, auf der anderen Seite hört sich dieses auf dem einstigen Vorzeige-Label für Wegsteine von Romantik und Klassik, für die Interpretenstars der »Klassikszene« erschienene Opus doch sehr nach einer Filmmusik an, der unterwegs der Film abhanden gekommen ist. Das ist gut und schlecht zugleich. »ORPHÉE« fügt sich nahtlos und schlüssig in Jóhannssons filmbezogenes Œuvre um »Theory of Everything« oder »Copenhagen Dreams«; es fehlt allerdings an einer Geschlossenheit, wie es die meisten seiner Alben und Filmmusiken auszeichnet.

Wundert man sich zu Beginn noch, ob es schon wieder regnet, bevor man feststellt, dass die Geräusche Teil der Komposition sind, so folgt bald ein warm umschmeichelndes Eröffnungsstück, das man früher als »New Age« (Richard Clayderman) bezeichnet hätte und heute zwischen den schwammigen Begriffen »Modern Composition« bzw. »Modern Classical« auch alle Freunde von Yann Tiersens Alben erfreuen sollte. Doch immer wieder gibt es leicht dramatische, ein wenig triste und hin und wieder ambivalente Streicherschwelgereien, wie sie für Jóhannssons Schaffen schon zu Zeiten von »IBM 1401, A USER'S MANUAL« kennzeichnend waren. Auch erklingt mal eine Orgel wie aus dem Film »Interstellar« (Christopher Nolan / Hans Zimmer) oder ein Cello-Solo, bei dem man (natürlich) an Hildur Guðnadóttirs leicht kitschige Soloalben denkt. Immer wieder schön sind die schwebenden Ambient-Rauschpassagen und Jóhannssons gefühliges Klavier, das wiederkehrendes Stilmittel bleibt ...bis ganz zum Schluss dann noch die »Orphic Hymn« mit den Theatre Of Voices erklingt und einen ganz neuen Klangraum öffnet. Keine neuen Ideen oder gar Überraschungen (wie noch bei »Sicario«, doch ein solides Album, das alte und neue Fans des Isländers absolut zufriedenstellt mit einer Art Querschnitt seines Schaffens. (ijb)



Siehe auch:
Theatre Of Voices: Dietrich Buxtehude
Theatre Of Voices: Bent Sørensen


Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: Orphée

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: The Miner's Hymns
( 2011, Fat Cat Records CD13-13 )

Klar, dass Jóhann Jóhannsson seine Vorliebe für Pathos, simple Strukturen und Melodien auch hier nicht abgelegt hat. Doch diesmal, durch den Fokus auf ein 16-köpfiges Blasorchester, unterstützt durch eine große Kirchenorgel, an wenigen Stellen zwei Perkussionisten und quasi unhörbar auch durch Jóhannssons Elektronik, gewinnt seine anachronistische Einfachheit einen neuen Reiz, was das Abgleiten in die Banalität der Geigensüßlichkeiten früherer Veröffentlichungen vermeidet.

Anachronistisch ist auch die Dynamik, die in dem Werk und der Aufnahme (in einer schottischen Kirche) ausgelotet wird. Die vornehmlich an neue »post-klassische« Komponisten wie Arvo Pärt, Philip Glass oder Michael Nyman erinnernden »MINERS' HYMNS« gewinnen wie die Werke der genannten Kollegen einen großen Reiz aus dem Minimalismus und der Repetition, woraus sich erstaunlich schleichend und unmerklich in der Tat Hymnen entwickeln. Und erst ganz zum Schluss schwingen sich diese sich zur großen emotionalen Geste auf. Dass diese sechsteilige Suite als Filmmusik für einen Dokumentaressay des amerikanischen Experimentalfilmers Bill Morrison entstand, spielt letztlich keine Rolle; Jóhannssons Präsenz als Komponist neuer Einfachheit war zuvor nie derart klar sicht- und hörbar. (ijb)

Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: The Miner

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: The Theory of Everything
( 2014, Back Lot Music /Universal B00NOWAM7C )

Aufmerksamen Hörern war es schon länger, dem breiten Publikum spätestens seit seinem durchschlagenden Erfolg mit dem kanadischen Thriller »Prisoners« klar: Jóhann Jóhannsson ist der Mann für einfache, emotional überwältigende Filmmusik. Klare und eingängige Streicher, die man sich auch zu Hause im Wohnzimmer als schöne »Neo-Klassik« gerne immer wieder anhört, das ist Jóhannssons Welt — und das schon seit vielen Jahren. Dass sich die ungewohnt düstere, darüber hinaus ungewohnt zurückhaltende Musik zu »Prisoners« als die Eintrittskarte nach Hollywood erweist, kann man als kleine Überraschung verbuchen, spricht indes ebenso für die gewiefte Könnerschaft des Isländers wie für die vortreffliche Gesamtqualität von Denis Villeneuves beunruhigendem Film.

Nun also dies: Die Lebens- und Liebesgeschichte von Stephen Hawking, nicht zum ersten mal, aber zum ersten Mal mit solchem Brimborium verfilmt, dass man eine Fortsetzung des rührseligen, Oscar-gekrönten »Beautiful Mind« erahnt. Nächste Karrierestufe für Jóhannsson: Academy-Award-Nominierung 2015?

Und man sieht es vor sich: Die Fans der frühen Alben werden sich abwenden, da sich Jóhannsson an den Mainstream verkauft habe, oder wenigstens wird es heißen: »Ich hab's schon immer gewusst«. Gut, hätte man vorhersehen können, verliehen seine meist melancholischen, oft simplizistischen, an Philip Glass und John Adams geschulten Streicherwerke auch experimentelleren Dokumentar- und Essayfilmen seltene Eingängigkeit und Unterhaltungswert. Insofern ist Jóhannsson mit diesem Liebesfilm mit hübschem Desktop-Image als Cover gleichermaßen bei sich angekommen wie sich treu geblieben.

Wer von Jóhann Jóhannsson tatsächlich zum ersten mal hört und wissen möchte, was ihn erwartet, der findet beim Allmusic Guide (Seite noch ohne vorhandene Rezension, Wertung und Inhaltsangabe abgerufen) die passenden Schlagworte gelistet: Atmosphärisch, theatralisch, wunderlich, strebsam, weltabgewandt, reserviert, verträumt, feinfühlig, hypnotisch, nachdenklich, trübsinnig, klinisch, elegant, intim, nächtlich, benebelt (»spacey«) rätselhaft, ätherisch. Besser hat noch keine Rezension Jóhannssons Musik auf den Punkt gebracht. Klar, dass die Scheibe ein Hit wird, und wenn Hauptdarsteller Eddie Redmayne 2015 nicht wenigstens für den Oscar nominiert ist, war es auf jeden Fall nicht die Schuld des isländischen Komponisten. (ijb)

Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: The Theory of Everything

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Jóhann Jóhannsson:
Sicario (Original Motion Picture Soundtrack) - Music by Jóhann Jóhannsson
( 2015, Varèse Sarabande Records /Universal 302 067 369 8 )

Jóhann Jóhannsson ist einen weiten Weg gegangen, einen für Fans seiner frühen Arbeiten sicher auch unerwarteten. Von der frech mit dem Kitsch spielenden Schönheit seiner Frühwerke war es ein geradezu schlüssiger Weg zu Golden Globe und Oscar-Nominierung für seine Arbeit zu »Theory of Everything«. Musikalisch zwar enttäuschend und kompositorisch solide, erfüllte die Musik sicherlich funktional ihren Zweck, und der Erfolg sei dem Außenseiter aus Island absolut gegönnt.

Doch die Zusammenarbeit mit dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve erweist sich als weitaus fruchtbarer. Und spannender. Nach dem starken »Prisoners«, für beide ein Durchbruch im Hollywoodkino, ist »SICARIO« für alle Beteiligten ein ganz großer Wurf. Für Jóhannsson bot der extrem spannende, brillant inszenierte und fotografierte Thriller eine willkommene Gelegenheit, seine Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen, neue künstlerische Ansätze auszuprobieren und zugleich zu seinen experimentellsten Anfängen zurückzukehren.

Wenn Jóhannssons »SICARIO« einen entfernten Verwandten in Hollywood hat, dann ist es Elliot Goldenthals grandiose Musik zum auch schon 20 Jahre alten Meisterwerk »Heat«. Beide verbindet ein ungewöhnlicher, selten genutzter Einsatz perkussiver Elemente, die für einen großen Teil der intensiven Spannungserfahrung sorgen. Aber Jóhannsson geht weiter: Er nennt die rohe, düstere Percussion-Energie der Band Swans als wesentliche Inspiration und gestaltet eine Musik, die man erst eher fühlt als hört (und die deshalb eigentlich mindestens ein 5.1-System, am besten aber gleich einen Kinosaal erfordert). Daher fällt einem beim Sehen im Kino die Musik oft gar nicht auf (bzw. man nimmt sie hin), obgleich sie teilweise extreme Mittel einsetzt, wie man sie aus der »Noise«- und atonalen Geräuschmusik kennt. Mehrfach kommen lange, aber heftige Crescendi zum Einsatz, die die Pulverfass-Stimmung der im Film gezeigten Welt erfahrbar machen. An anderen Stellen tragen äußerst unbequeme Passagen dazu bei, den Zuschauer ebenso aus der Fassung zu bringen, wie es der von Emily Blunt glänzend dargestellten FBI-Agentin passiert oder wie die innere Zerrüttung des von Benicio del Toro verkörperten Außenseiters den Zuschauer zunehmend gefangen nimmt.

All dies – und noch einiges mehr – greift Jóhannssons bislang beste Arbeit als Filmmusik-Komponist kongenial auf. Und sie ist auch als CD-Album eine intensive Erfahrung, wozu nicht zuletzt mehrere ausgezeichnete Musiker unterschiedlicher Kreise der Experimentalszene beitragen – unter anderem Skúli Sverrisson, BJ Nilsen, Andrea Belfi und nicht zum ersten Mal Cellistin Hildur Guðnadóttir. (ijb)



Siehe auch:
BJ Nilsen
Skúli Sverrisson

Hildur Guðnadóttir

Apparat Organ Quartet


Jóhann Jóhannsson: Sicario (Original Motion Picture Soundtrack) - Music by Jóhann Jóhannsson

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Thurídur Jonsdóttir:
Iceland Symphony Orchestra: Recurrence (ISO Project Vol. 1)
( 2 CDs, 2017, Sono Luminus /Naxos DSL-92213 CD+BluRay )

Das kleine US-Label Sono Luminus hat bereits mit einer Reihe hervorragender Veröffentlichungen seine große Affinität zur Neuen Musik Islands bewiesen, nicht zuletzt mit den exzellenten CDs der Gruppen Nordic Affect und International Contemporary Ensemble (ICE). Beide Ensembles spielten auf diesen Alben u.a. Werke von Anna Thorvaldsdóttir; und mit einer Ausnahme finden sich alle der hier vertretenen Komponist(inn)en auf den beiden CDs von Nordic Affect. Mit »RECURRENCE« indes legt das ISO fünf große Orchesterstücke vor, die zwar nicht alle in gleichem Maße zu faszinieren vermögen, doch als Querschnitt und Einblick in die aktuelle Musikszene derzeit aktiver Komponistinnen ist die Veröffentlichung mit wenigen Nebenbemerkungen sehr zu empfehlen.

Die erste Einschränkung zeigt bereits der Blick auf die Werkliste: Thorvaldsdóttirs renommiertes Stück »Dreaming« aus dem Jahr 2008, das ihr entscheidend zum Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) verhalf, spielte das gleiche Orchester bereits auf ihrer überragenden Porträt-CD »RHÍZŌMA«; hier ist es eineinhalb Minuten kürzer, was die Frage aufwirft, ob es die Urheberin nun korrigiert oder anderweitig verändert hat oder ob das Ensemble und Daníel Bjarnason (in beiden Fällen Dirigent) es selbst maßgeblich variierte. Leider findet sich in dem Beiheft, das kaum substanzielle Informationen zu den Stücken enthält, dazu keine Auskunft. Dessen ungeachtet ist ihr großes, in reichen Farben- und Flächenspielen schillerndes Werk, das die CD beschließt, neben dem eröffnenden »Flow and Fusion« zweifellos der Glanzpunkt dieses Programms.

Mit Thurídur Jónsdóttir, der ältesten im Bunde der fünf Komponisten, gerade 50 geworden, beginnt die CD (bzw. BluRay). »Flow and Fusion« ist mit 11 Minuten zwar das kürzeste Werk – doch womöglich zugleich das kompakteste und das maßgebliche, warum sich der Erwerb von »RECURRENCE« sehr empfiehlt. Wie sie beispielsweise in dem unbehaglichen Stück »INNI« für Barockvioline und Samples (siehe Nordic Affect, »RAINDAMAGE«) eindringlich aufgezeigt hat, ist Jónsdóttir das Verhältnis von akustischen und elektronischen Klängen ein Anliegen. Dies spielt sie auch hier raffiniert aus, in einer so spannenden wie dichten Kurzerzählung. Die kluge Doppelbödigkeit ihrer schillernden Kompositionsweise kommt freilich erst so recht in der Surround-Version auf der BluRay-Disc zum Ausdruck.

Obwohl Hlynur Aðils Vilmarsson bereits als Mitglied isländischer Rockbands und im Komponistenkollektiv s.l.a.t.u.r. für Experimente bekannt ist, bleibt seine Komposition »bd« hinter dem Einfallsreichtum der kleineren Werke aus Nordic Affects »RAINDAMAGE« zurück, auch wenn (oder womöglich weil) er hier eine ganze Menge an Techniken und instrumentalen Kombinationen auffährt; es scheint ihn mehr das Spielen mit den Mitteln des Orchesters zu interessieren als eine klare formale Linie. Unterhaltsam und wendungsreich ist »bd« gleichwohl.

Die 1980 geborene Maria Huld Markan Sigfúsdóttir (bekannt als Musikerin in der Band Amiina) ist die jüngste Komponistin der fünf. Ihr »Aequora«, nach dem lateinischen Wort für die ruhige Oberfläche des Meeres, erinnert tatsächlich an ein vorwiegend unaufgeregtes, aber zugleich Ehrfurcht gebietendes Meer, und so fällt dem Stück im Rahmen dieses Programms dann auch die Aufgabe zu, in der Mitte für einen Ruhepol zu sorgen. Naturbilder scheinen es ihr angetan zu haben, wie die verschiedenen Phasen des 12-minütigen Werks mehrfach anklingen lassen; Licht-, Wasser- und Windassoziationen liegen hier auf der Hand. Hier sind Details wichtig, wie beim Blick aufs große, weite Meer. Und nicht zu vergessen: Wir befinden uns in Island, also auf einer vulkanisch aktiven Insel mitten im Atlantik.

Knallig, rasant und bunt liebt es hingegen Dirigent Daníel Bjarnason mit seinem eigenen, dreisätzigen Opus »Emergence«. Ihm schwebt hier offenbar eine überlebensgroße Erzählung vor, zwischen dem raunenden Dunkel und dem expressiven Spektakel hat er das Orchester fest in der Hand. Dass seine Aufsehen erregende Orchesterkomposition sich nicht so markant in der Erinnerung festsetzt, hat vor allem damit zu tun, dass die drei Werke der Komponistinnen souveräner, eindringlicher und prägnanter sind. Zugleich zeichnet seine Kunst aus, dass er diese fünf Individualist(inn)en zu einem runden Gesamtauftritt zusammenführen kann. (ijb)



Siehe auch:
Nordic Affect: Clockworking

Thurídur Jonsdóttir: Iceland Symphony Orchestra: Recurrence (ISO Project Vol. 1)

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Lange Rezensionen 11 - 20 von 41 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 41)

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