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Lange Rezensionen 31 - 38 von 38 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 38)

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Schola Cantorum Reykjavicenis:
Meditatio – Musik für gemischten Chor
( SACD, 2016, BIS 2200 )

Mittlerweile zwanzig Jahre existiert der Chor Schola cantorum Reykjavicensis bereits, seit 1996 unter der Leitung des Gründers Hörður Áskelsson. In dieser Zeit entstanden und erschienen eine ganze Reihe von Alben mit Werken quer durch die Jahrhunderte; einen gewissen Schwerpunkt legt das isländische Ensemble dabei auf zeitgenössischen Komponisten aus ihrem Heimatland. »MEDITATIO« fokussiert sich vorrangig auf Musik der letzten 35 Jahre, und dass das Programm für Allerheiligen zusammengestellt wurde, bringt mit sich, dass es sich hier um Chormusik um Trauer und Abschied handelt, »im Licht von Hoffnung und Zuwendung«, wie betont wird.

Dies passt natürlich hervorragend zu Arvo Pärt, dessen »Nunc dimittis« den expressiven Höhe- und Schlusspunkt der CD bildet. Das fast zeitgleich erschiene Album des estnischen Vokalensembles Vox Clamantis und die ebenfalls kürzlich entstandene Pärt-CD der Wiltener Sängerknaben (»BABEL«, auf der sich eine weniger ätherische Darbietung von »Nunc dimittis« findet) legen die Gelegenheit nahe, die Interpretationen in Island, Estland und Österreich zu vergleichen.

Passend zu Pärt bietet »MEDITATIO« nicht-isländische Werke wie das ähnlich ergreifende Stück »The Lamb« (nach William Blakes Gedicht) von John Tavener aus England, »A Child's Prayer« des Schotten James MacMillan, 1996 als Reaktion auf ein Schulmassaker in Dunblane komponiert, und des Amerikaners Eric Whitacres »Lux Aurumque«, im Jahr 2000 über ein Gedicht über den neugeborenen Christus entstanden. Die vertretenen nationalen Komponisten zeigen eine große Spannbreite zwischen dem modernen Klassiker und vom Chor bereits häufig gesungenen Jón Leifs, dessen knapp fünfminütiges, in der isländischen Kultur verankertes »Requiem« (das einzige Werk der CD, das vor 1982 entstand) eine Reaktion auf den Ertrinkungstod seiner 17-jährigen Tochter (1947) war, über zwei Stücke des 2013 gestorbenen Þorkell Sigurbjörnsson, der als einer der Pioniere in Islands zeitgenössischer Musik bezeichnet wird und dessen Schaffen bereits einige Spuren in der Kirchen- und Chormusik hinterlassen hat, bis hin zu ganz jungen Werken, die von Mitgliedern des Chors selbst verfasst wurden: Sowohl Sigurður Sævarsson als auch Hreiðar Ingi singen Bass und schrieben (wie Pärt) ihre eigene Vertonung von »Nunc dimittis«, die jeweils hörenswert sind und neugierig auf weitere Arbeiten von ihnen machen.

Insgesamt eine eindringliche Darbietung, naturgemäß aber auch sehr andächtig bis getragen; eine dunkle Stimmung für den Herbst und für kurze Wintertage. Das Programm wurde in der berühmten Hallgrímskirkja in Reykjavík mit astreiner Technik aufgenommen, klanglich kristallklar und feinfühlig, womöglich fast etwas aseptisch. (ijb)



Siehe auch:
Vox Clamantis, Wiltener Sängerknaben / Arvo Pärt
Schola Cantorum Oslo & Nordic Voices

Anna Þorvaldsdóttir

Jón Leifs


 Schola Cantorum Reykjavicenis: Meditatio – Musik für gemischten Chor

Audio-Link Offizielle Website

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María Huld Markan Sigfúsdóttir:
Nordic Affect: Clockworking
( 2015, Sono Luminus /Naxos SLE-70001 )

Es gibt, gerade im kleinen, bevölkerungsmäßig winzigen Island, eine Vielfalt musikalischen Ausdrucks, von der wir hierzulande, so scheint es manchmal, nur träumen können. Nicht selten gelingt es isländischen Musiker/innen, zugleich Avantgarde und Pop zu sein; siehe hierzu nur die unten angegebenen Links. Auf bestechend poetische Weise schillern die Werke dieser fünf (mehr oder weniger) jungen Komponistinnen, die von den vier Musikerinnen des Ensembles Nordic Affect interpretiert werden.

Die bekannteste ist wohl die 1977 geborene Anna Thorvaldsdóttir, bereits mit dem renommierten Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) ausgezeichnet und beim Klassik-Starlabel Deutsche Grammophon (DG) vertreten. Wem ihr hochspannendes Schaffen bislang entgangen ist, wird nach dieser 2012 für Nordic Affect entstandenen Auftragsarbeit sicherlich mehr ihrer CDs hören wollen, zumal »Shades of Silence« auch auf dem exzellenten DG-Debüt »Aerial« zu finden ist. Dabei ist es weder das eingängigste, noch das markanteste unter den sechs Stücken der CD »CLOCKWORKING«. Ziel der Auftragswerke sei gewesen, die Möglichkeiten dieser vier Instrumente, Geige, Bratsche, Cello und Cembalo, in einem zeitgenössischen Kontext zu erforschen, und bei Anna Thorvaldsdóttir ist eben dieser Jahrhunderte übergreifende Gestus zwischen Alt und Neu gewissermaßen grundlegend.

María Huld Markan Sigfúsdóttirs zehnminütiges »Sleeping Pendulum« (für Violine und Elektronik) erinnert ebenfalls an Alte Musik, allerdings in minimalistischer, latent meditativer Form, die in ihrer Ruhe und Motivik eine halb sakrale, halb volkstümliche Stimmung evoziert. Die 1980 Geborene war Gründungsmitglied im Streichquartett Amiina und ist als einzige hier mit zwei Arbeiten vertreten. Und auch ihr etwas lebendigeres »Clockworking« ist von dieser Verbindung aus nordischem Folk und traumhaft-schwebender Minimal Music geprägt.

Ganz anders die übrigen drei Werke, die gewissermaßen von einer radikaleren musikalischen Sprache geprägt sind – und damit vielleicht sogar noch bewegendere und spannendere Ergebnisse bieten. Hildur Gudnadóttir kennt man von ihren hochambitionierten Cello-Soloalben zwischen Avantgarde, Klangkunst und verträumter Pop-Poesie, und ihr »2 Circles« für Violine solo (und die begleitende Stimme der Interpretin) schreibt dies nahtlos fort, in Form einer introspektiv-fragmentarischen Klangforschungskomposition. Wiederum nicht unähnlich, aber in der Durchführung mutiger und auch ei (ijb)



Siehe auch:
Hafdís Bjarnadóttir
Jóhann Jóhannsson

Hildur Guðnadóttir

Múm


María Huld Markan Sigfúsdóttir: Nordic Affect: Clockworking

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Valgeir Sigurðsson:
Nordic Affect: Raindamage – Sigurðsson, Hansson & Vilmarsson
( 2017, Sono Luminus /Naxos SLE-70005 )

Mit seinem zweiten Album öffnet das isländische Quartett Nordic Affect viele neue Türen, präsentiert ein vollkommen anders gelagertes Programm als zwei Jahre zuvor auf dem Debüt und kommt damit freilich zu einem nicht weniger Resultat. Der Titel »RAINDAMAGE« passt natürlich als schöne Fortsetzung zum vorigen »CLOCKWORKING«, und Caleb Neis Design, diesmal mit Fotografien vom südisländischen Sólheimajökull, unterstreicht die Verwandtschaft stilvoll. Die Grundbesetzung (Geige, Bratsche, Cello und Cembalo) ist gleich geblieben, nur dass bei drei Stücken allein die Besetzung »Electronics« angegeben ist, bei einem davon außerdem Nava Dunkelman mit der Uchiwa-Daiko-Trommel mitwirkte. Woher welche Klänge stammen, ist also noch schwerer zu verorten als schon beim vorigen Album.

Nordic Affect wählten für ihr 40-minütiges Programm sechs sehr aktuelle Werke von drei mehr oder weniger jungen isländischen Komponisten, je Urheber ein akustisches und ein voll elektronisches. Und gewiss entstanden alle Aufnahmen in enger Kollaboration mit der jeweiligen Komponisten. Bekanntester der drei ist sicher der 1971 geborene Valgeir Sigurðsson, der nach Zusammenarbeiten mit (Avant-)Popkünstlern in den letzten Jahren zunehmend an einer Karriere als zeitgenössischer Komponist gearbeitet hat, bereits beim letzten Album für Mix und Mastering verantwortlich zeichnete und hier auch noch die Aufnahme verantwortete. Seine beiden Werke, das Titelstück für drei Streicher und Elektronik und das rein elektronische »Antigravity«, scheinen sich mit Naturbildern zu befassen, denn Regen, Wind und Wetterphänomene klingen durchaus an. Beide zählen zweifelsfrei zum besten, was man von Sigurðsson bislang hören konnte; einige frühere Werke von ihm waren kompositorisch zu einfach gestrickt oder auch zu eng an Vorbilder angelehnt, doch wie hier akustische, klassische Komposition und elektronische Elemente verquickt werden, zeigt die lange Erfahrung und geht in seiner Eindringlichkeit und Raffinesse weit über sein voriges Schaffen hinaus. Und auch »Antigravity«, dessen Entstehungsprozess nicht beschrieben ist, aber offenbar aus Streichersamples und sehr zeitgenössischer Elektronik ausgestaltet wurde, ist ein dicht gewobenes Kleinod.

Der 29-jährige Úlfur Hansson, der bislang Alben unter den Namen Klive, Bitroid und zuletzt Úlfur veröffentlichte, in der Band Swords of Chaos Bass und viel in der Tourband von Sigur-Rós-Sänger Jónsi (Jón Þór Birgisson) Synthesizer und Elektronik spielte, ergänzt in seinem knapp zehnminütigen »Þýð« drei Streicher um eine Art Chor, den er laut Detailangaben selbst eingesungen hat. Das Stück setzt auf eine irisierende Verbindung von schwebender Dramatik und schleichenden Dissonanzen, bevor das Stück am Ende wie in sich zusammensackt. Sein elektronisches »Skin Continuum« ist gewissermaßen die sich zersetzende Fortführung davon, unter Beteiligung besagter Uchiwa-Daiko-Trommel. Das zu gleichen Teilen rasant perkussive wie drone-mäßige Stück zeigt einen überaus eigenen, sehr faszinierenden kompositorischen Blick, der sich schwer mit anderer isländischer Musik vergleichen lässt. Großartig.

»[:n:]« des 1976 geborenen Hlynur Aðils Vilmarsson, der auch mit einem Werk auf der zur gleichen Zeit beim selben Label veröffentlichten, ebenfalls empfehlenswerten Orchester-CD »RECURRENCE« des Iceland Symphony Orchestra (ISO) vertreten ist, ist das einzige Werk der CD, das die volle Besetzung der vier Nordic-Affect-Musikerinnen einsetzt. Es ist nicht nur das längste der sechs, sondern wohl auch das enigmatischste, das ein wenig Zeit braucht, um sich dem Zuhörer zu öffnen. Wie bei den übrigen Beiträgen spricht auch hier eine vollkommen eigene Stimme. Und in »noa::ems« hat er die akustische Einspielung offenbar radikal zersägt und zerfasert.

Ein herausragendes Ensemble der zeitgenössischen Musik bietet ein vollkommen unnachahmliches Programm, das in Form dieser ohne Frage mehr ein rundes, schlüssiges Album geworden ist als viele vergleichbare Projekte, die verschiedene und unterschiedliche Komponisten zusammenführen. Brillant. (ijb)



Siehe auch:
Nordic Affect: Clockworking

Valgeir Sigurðsson: Nordic Affect: Raindamage – Sigurðsson, Hansson & Vilmarsson

Offizielle Website

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Valgeir Sigurðsson:
Valgeir Sigurðsson: Draumalandið
( 2009, Bedroom Community /Kompakt HVALUR8CD )

Man kann »Draumalandið« auch ohne den gleichnamigen Film hören und annehmen, doch der Blick auf den Kontext ist nicht unwesentlich: Der Isländer Andri Snær Magnason schrieb ein engagiertes Buch über die Umweltzerstörung seiner Heimat, und drehte im Anschluss auch gleich den kämpferischen Dokumentarfilm dazu. Landsmann Valgeir Sigurðsson wurde für die Filmmusik eingespannt, Björk und Thom Yorke steuerten einen aggressiven Avantgarde-Track für den Abspann bei (»Nattura«). Der Film arbeitet mit rigoroser Überwältigung des Zuschauers: emotionalisierende Statements, berauschende Hubschrauberaufnahmen über Islands faszinierender Natur - und eindringliche Streichermusik. Im Film, der trotz bester Absichten, leider keine rechte Form und künstlerische Haltung findet, führt all dies bald zur Übermüdung. Nach spätestens einer Stunde will man nun wirklich keine Hubschrauberflüge mit Streicherkaskaden mehr sehen.

Sigurðssons Musik funktioniert auch ohne den Film gut, nein sogar besser, selbst als konzertante Aufführung mit kleinem Ensemble. Allerdings leiden seine oft allzu simplen Kompositionen dann doch unter der Methode »Schema F«: Bekannt geworden durch seine wunderbar subtil versponnen Beiträge zu Björks Alben und auch als Produzent einiger Indie-Bands aktiv, strebt Sigurðsson jüngst danach, als Komponist post-klassischer Musik ernstgenommen zu werden. Mit der Unterstützung einiger Freunde im Geschäft kann ihm das auch gelingen. Es darf freilich angemerkt werden, dass seine künstlerischen Qualitäten in kompositorischer Hinsicht, nun ja, nicht direkt überwältigend sind. (ijb)



Siehe auch:
Björk
Nordic Affect

Hildur Guðnadóttir

Jóhann Jóhannsson


Valgeir Sigurðsson: Valgeir Sigurðsson: Draumalandið

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Sveinbjörn Sveinbjörnsson:
Sveinbjörn Sveinbjörnsson: Kammermusik und Klaviermusik
( 2007, Naxos 8.570460 )

Die Biographie von Sveinbjörn Sveinbjörnsson (1847–1927) ist schon ziemlich kurios. Aufgewachsen in Kopenhagen, sollte er in jungen Jahren zunächst zum Pfarrer ausgebildet werden (der Vater war früh verstorben) – nur durch Zufall schlug er dann doch die Laufbahn als Komponist ein. Doch während man auf Island durchaus Bedarf an geistlichem Beistand hatte, konnte man ihm als Komponisten keine Heimat bieten: Im 19. Jahrhundert war die Insel im Nordatlantik aus der Perspektive bürgerlicher Kultur tiefstes Entwicklungsland. So suchte Sveinbjörnsson für Jahrzehnte in Edinburgh sein Auskommen, später zog es ihn für einige Jahre nach Kanada, bevor er seinen Lebensabend in der dänischen Metropole verbrachte.

Obwohl Schöpfer der isländischen Nationalhymne hat sich in Sveinbjörnssons Klavier- und Kammermusik kaum etwas von der archaischen Musikkultur seiner Heimat niedergeschlagen (ganz anders als später bei Jón Leifs). Nur bei genauem Zuhören mag man hie und da eine Wendung finden, die etwas andeutet. Ansonsten ist Sveinbjörnsson ganz und gar dem musikalischen Salon des britischen Empire verbunden (aber auch das kann ja ein schönes künstlerisches Zuhause sein). Avancierte Töne sucht man jedenfalls bei ihm vergebens, dafür klingt alles nach leicht unterkühltem und verspäteten Schumann. Und dennoch ist die CD eine Entdeckungsreise wert, zeigt sie doch auf höchst glückliche Weise (und dazu noch überaus klangschön), was auf der rauhen Insel im 19. Jahrhundert eben nicht möglich war. (mku)

Sveinbjörn Sveinbjörnsson: Sveinbjörn Sveinbjörnsson: Kammermusik und Klaviermusik

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Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir):
Anna Thorvaldsdóttir: Aerial
( 2015, Deutsche Grammophon /Universal 028948113545 )

Also wirklich, ein Ärgernis! Da nimmt das Traditionslabel Deutsche Grammophon, wo auch wirklich zuverlässig weit mehr auf Sicherheit gebaut und das traditionsverhaftete Publikum bedient wird, als sich um nachwachsende Käuferscharen zeitgenössischer Musik zu bemühen, tatsächlich mal eine echte Entdeckung, eine große neue Komponistin von internationaler Relevanz ins Programm – und dann wird die CD so versteckt veröffentlicht und auch noch derart lieblos ausgestattet, dass es fast schmerzt. Vor drei Jahren war Anna Thorvaldsdóttirs phänomenales Porträt-Album »Rhízōma« extrem knapp an der CD-des-Monats-Ehrung vorbeigeschrammt, bevor der Isländerin kurz darauf der renommierte Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) für das auf der CD vertretene Orchesterstück »Dreaming« zugesprochen und ihr entsprechend ein wenig breitere Wahrnehmung zuteil wurde.

»AERIAL« wurde zu unserer großen Freude beim wohl bekanntesten Klassik-Label, dem womöglich einzigen, das auch Nicht-Spezialisten ein Begriff für die populären und herausragenden Stars ist, angekündigt: die seltene Chance, dass eine Vorwärtsdenkerin, eine Komponistin zudem, die hochintelligente Musik schreibt und zugleich das Potenzial hat, ein Klassikstar zu werden, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird – statt zum 763. Mal Beethoven, Brahms, Chopin, Mozart. Doch konnte man das Album auf der Label-Webseite nicht finden (bis heute ist Anna Thorvaldsdottir in der »Komponisten«-Suchmaske auf der DG-Webseite nicht zu finden); dann erschien es laut der Komponistin nur digital (auch nur über umständliche Suche zu finden); und erst fast ein halbes Jahr später gibt es »AERIAL« dann auf CD, allerdings ohne Booklet, ohne irgendwelche Texte oder Zusatzinfos.

Gut, man kann das nun als »Es soll um nichts als die reine Musik gehen«-Understatement entschuldigen, doch, mit Verlaub, eine so unzufriedenstellende Präsentation, auch im Vergleich zu dem, was sonst stets geboten wird, hat Anna Thorvaldsdottir nicht verdient. Ja nun, so bleibt auch hier kaum mehr Platz für die Rezension der Musik. Doch was soll's: »AERIAL« erfüllt alle Versprechen, die »Rhízōma« steckte. Thorvaldsdottir kann mit der Vielzahl der Instrumente, Ensemblegrößen, Ensembles und Aufnahmeorte dieser sechs Werke aus den letzten paar Jahren brillant umgehen, schreibt superbe, klare, mal schwebend kühl-fragile, mal eindringlich emotionale Werke, die ihre isländischen Interpreten hier unter ihrer Aufsicht famos interpretieren. Großartig, reicht die Kunde dieser Kunst weiter – spielt sie, führt sie auf, hört sie, empfehlt sie weiter! (ijb)



Siehe auch:
Duo Harpverk
Iceland Symphony Orchestra

Schola Cantorum Reykjavicensis


Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): Anna Thorvaldsdóttir: Aerial

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Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir):
Anna Thorvaldsdóttir: Rhízōma
( 2011, innova /American Composers Forum innova810 )

»Don't judge a book by its cover,« heißt es. Äußerst selten jedoch erscheint eine CD mit »Neuer Klassischer Musik« in einer derart attraktiven, visuell wie haptisch einladenden Verpackung, der es gelingt, neugierig auf die Musik und die Komponistin zu machen, assoziativ und elegant in ihr Werk einzuführen und nicht zuletzt den Hörgenuss adäquat zu bereichern. In diesem Fall mag man den Inhalt kaum unabhängig von seiner Hülle beurteilen - und empfehlen. Wenn das Niveau dieser ersten Werkschau der 35jährigen Isländerin Anna Thorvaldsdóttir nur der Ausgangspunkt für viele kommende Veröffentlichungen sein sollte, wird man von dieser Frau noch vieles und lange hören (wollen).

Ähnlich ambitioniert, aber insgesamt leiser als der etwas jüngere Daníel Bjarnason, der hier mit »Dreaming« das Isländische Sinfonieorchester dirigierte, kommen Thorvaldsdóttirs vier Kompositionen daher. Zu Beginn ziehen uns die acht Minuten von »Hrím« für Kammerorchester feingliedrig, frostig und mit fragiler Schönheit in den Bann. Separiert von den fünf Sätzen des enigmatischen Solostücks »Hidden« für Percussionist auf Flügel (!) nehmen den größten Teil der CD zwei je zwanzig Minuten lange Energieexkursionen ein, in denen des Hörers Zeitempfinden nahezu vollständig von reichhaltigen Klangkomplexitäten aufgesogen wird. Man verzeihe diese verschwurbelten Beschreibungen; selten entzieht sich gelungene Musik der Kategorisierung und schnellen Greifbarmachung so sehr wie hier.

Thorvaldsdóttirs Werk ist einerseits sehr isländisch, andererseits aber weit jenseits dessen, was sich seit einiger Zeit als »typisch« und international attraktiv vermarktbar für die Musik dieses Landes eingebürgert hat. Sie macht es sich - und dem Publikum - nicht so leicht und gemütlich. Sie will mehr: an einer wirklich »Neuen« Musik mitschreiben, jedoch nicht um den Preis, dass die Hörer verschreckt auf Distanz bleiben und das Neutönen als unzugänglich und verkopft abtun. Insofern sind Ármann Agnarssons organische Texturen und Formen der CD-Verpackung in der Tat eine kongeniale künstlerische Arbeit, die ebenso prämierungswert sind wie Thorvaldsdóttirs Werke, die bereits mit etliche Male, jüngst etwa bei den Isländischen Musikpreisen, ausgezeichnet wurden. Mit unter anderem Hillborg, Hämeenniemi und Ole-Henrik Moe ist sie ganz aktuell sogar schon für den Nordic Council Music Prize nominiert. In der Tat eine herausragende neue Stimme in der zeitgenössischen Musikszene, die sich sicherlich einbrennen wird. (ijb)



Siehe auch:
Daníel Bjarnason
Eero Hämeenniemi

Anders Hillborg

Ole Henrik Moe


Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): Anna Thorvaldsdóttir: Rhízōma

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Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir):
In the Light of Air: ICE performs Anna Thorvaldsdottir
( SACD, 2015, Sono Luminus /Naxos DSL-92192 CD+BluRay )

Auch wenn Anna Thorvaldsdóttir nicht mehr in Island lebt, scheint ihr gesamtes Werk doch durchdrungen von einer spezifisch »nordischen« bzw. isländischen Haltung und Ästhetik, die sich in vielgestaltiger Kammer- und Orchestermusik widerspiegelt. Zugleich strebt ihre Musik nicht selten zu einer radikalen Einfachheit, nicht im Sinne von (amerikanischem) Minimalismus, eher von poetischer Kargheit. Die Tetralogie »In the Light of Air« ist dafür ein sehr gutes Beispiel: Das Ensemblewerk, eine Auftragskomposition für das New Yorker, zu diversen Größen und Instrumentengruppen zusammenstellbare International Contemporary Ensemble (ICE), bleibt über weite Strecken sogar verhalten und atmosphärisch wie Ambient-Musik und erinnert in seinen nuancenreich-lyrischen Texturen tatsächlich eher an Licht und Luft isländischer Natur als etwa an die US-Amerikanischen Städte, in denen sich die Komponisten in den letzten Jahren bevorzugt aufhält.

Dabei gehört zum titelgebenden Werk dieser CD eigentlich die Raumerfahrung mit Lichtinstallation. So wurde es bei der Premiere in Reykjavík im Mai 2014 sowie im Anschluss u.a. in New York und Chicago aufgeführt, bevor ICE die Kompositionen gemeinsam mit Thorvaldsdóttir in den labeleigenen Solo Luminus Studios in Boyce, Virginia, für diesen Tonträger eingespielt haben. Entscheidend dabei ist, dass für all jene, die sich mit einer schnöden Stereomischung nicht zufriedengeben möchten, eine Pure Audio Blu-ray Disc mit den Tonformaten 5.1 DTS HD und dem unter Audiophilen derzeit angesagten Surround-Sound 9.1 Auro-3D Audio mit enthalten ist. Wer die nötigen Wiedergabegeräte dafür zur Verfügung hat, wird über diese Klangerfahrung ausgesprochen beglückt sein.

Allen anderen bleibt immerhin ein sehr guter CD-Mix, und eine weitere Etappe im exzellenten Werk einer der derzeit spannendsten jungen KomponistInnen, wenngleich sich »In the Light of Air« nicht als nachdrücklichster Einstieg in ihr Schaffen empfiehlt. Es handelt sich hierbei um eine entfernte Fortschreibung des impressionistischen Stils von etwa Erik Satie oder Morton Feldman, jedoch zeitgenössisch und innovativ gefiltert durch die Naturmystik isländischer Spleenigkeit. Hörbar verwandt sind diese rund 45 Minuten auch mit dem vom Ensemble Nordic Affect auf den CDs »Clockworking« und »Aerial« vertretenen Stück »Shades of Silence«, denn auch »In the Light of Air« greift zu ähnlichen Bildern mit Viola, Cello, Harfe und Klavier; hinzu kommen hier eigens entwickelte metallische Perkussion und elektronische Elementen der Komponistin.

Die vier, in einem »durchgehenden Fluss einer Textur von Klangmalerei und Harmonien« konstruierten Sätze tragen die Titel »Luminance«, »Serenity«, »Existence« und »Remembrance«, also in etwa »Helligkeit«, »Heiterkeit«, »Sein« und »Gedächtnis«. Als geschickte Zugabe schließt sich daran noch das knapp elfminütige, den Fokus auf den Cellisten, den Auftraggeber Michael Nicolas, lenkende »Transitions« an. »Mann und Maschine« umschreibt Anna Thorvaldsdóttir hierfür den thematischen Kreis: Der Interpret soll Teil seines Instrument werden (oder andersherum). (ijb)

Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): In the Light of Air: ICE performs Anna Thorvaldsdottir

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Lange Rezensionen 31 - 38 von 38 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 38)

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