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Lange Rezensionen 31 - 40 von 41 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 41)

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Víkingur Ólafsson:
Philip Glass · Piano Works
( 2017, Deutsche Grammophon /Universal 479 6918 )

Mit dieser Zusammenstellung von »PIANO WORKS« des großen amerikanischen Komponisten Philip Glass, rechtzeitig zu dessen 80. Geburtstag im Januar 2017 veröffentlicht, legt der junge, vielgelobte Isländer Víkingur Ólafsson ein starkes Debütalbum vor; und zwar nicht irgendwo auf einem einem kleinen isländischen Label, sondern gleich bei der Deutschen Grammophon. Dort im Hause ist man jüngst bestrebt, verstärkt auf alte Traditionen zu bauen, weshalb der markante gelbe DG-Rahmen seit kurzem wieder knapp ein Drittel des CD-Covers füllend auf den Veröffentlichungen prangt.

Kein schlechter Start für den 32-jährigen Pianisten von der Atlantikinsel also: Mit einem Philip-Glass-Album kann man sich durchaus sehen lassen, zumal wenn die Auswahl der Stücke auf bislang weniger exzessiv zu hörende fällt. Abgesehen vom »Opening« der »Glassworks« aus dem Jahr 1981 hat sich Ólafsson auf eine eigene Auswahl von Glass' »Études« beschränkt, die zwischen 1991 und 2012 komponiert wurden (veröffentlicht in zwei Büchern à 10 Etüden). Und der Interpret traf nicht nur eine Auswahl von zehn Stücken (zuvor hatte er alle 20 in London gespielt), die er auf seine eigene Weise anordnet, obendrein bietet er in der Mitte des Programms die Étude Nr.2 sowie abschließend auch das »Opening« jeweils in einem »Rework« von Christian Badzura, d.h. in Adaptionen mit Streichquartett, hier dem Siggi String Quartet. Badzura hat, nebenbei bemerkt, in Lübeck Klaviermusik studiert und arbeitet als »Artists und Repertoire Manager« beim der Deutschen Grammophon, d.h er sucht die Künstler für das Traditionslabel und hat wohl auch Ólafsson unter Vertrag genommen.

Wie Philip Glass zu den beiden zusätzlichen Varianten steht, ist nicht verbucht, und wahrscheinlich wären sie auch nicht nötig gewesen, denn der Interpret überzeugt als Solist sehr mit seinem recht leichten, schwebenden Tonfall, fast als ob er Vorurteilen isländischer Natur- und Traummystik die Hand reichen wollte. Doch tappt er nie in die Klischeefalle, sondern beweist in dieser Lesart stets einen eigenen Blick, die gerade bei Studienwerken wie diesen gefragt ist. So gelingt es Ólafsson, sowohl seinen poetisch-nordischen Blick als auch eine selten zu erlebende Seite des Komponisten klug und unaufdringlich zur Geltung zu bringen. (ijb)



Siehe auch:
Vikingur Ólafsson spielt Jóhann Jóhannsson
Siggi String Quartet


Víkingur Ólafsson: Philip Glass · Piano Works

Offizielle Website

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Páll Ragnar Pálsson:
Atonement – The Music of Páll Ragnar Pálsson
( 2 CDs, 2020, Sono Luminus /Naxos DSL-92241 CD+BD )

»ATONEMENT« (»Sühne«, »Buße«) ist ein markanter, durchaus starker Titel für ein Album eines recht jungen Komponisten. Dass der Páll Ragnar Pálsson damit auch eine autobiografische Aussage über seine Arbeitsmethode treffen möchte, lässt sich aus den Anmerkungen im Beiheft entnehmen; der Titel ist jedoch zuerst einmal der eines Gedichts von Ásdís Sif Gunnarsdóttir und damit des ersten Werks, eines 2014 für das isländische Ensemble Nordic Affect geschriebenen für Quintett plus Sopranstimme. Hier wird »Atonement« zusammen mit vier weiteren, drei davon vom ebenfalls isländischen Caput Ensemble und einem vom Berliner Ensemble Adapter uraufgeführten Stücken für kammermusikalische Besetzungen präsentiert. Das amerikanische Label Sono Luminus hat sich in den letzten Jahren bereits mehrfach um zeitgenössische isländische Komponist/innen und Ensembles verdient gemacht und stellt hiermit Pálls Werke für Ensemble – für Flöte, Violine, Viola, Cello und Stimme, vereinzelt erweitert um Klarinette, Harfe, Klavier, Cembalo und/oder Perkussion – der internationalen Neue-Musikwelt vor; zuvor hatte Sono Luminus Stücke prominent in Programmen des Iceland Symphony Orchestra und der Cellistin Sæunn Thorsteinsdóttir veröffentlicht. Ein Orchester-Debütalbum mit dem Titel »NOSTALGIA« erschien 2017 zwar nur in Island, führte aber schon zu einer ganzen Reihe internationaler Erfolge und Aufmerksamkeit.

Er schreibt, »Atonement« bedeute für die Gedichtautorin, die auch die Vorlage von »Midsummer’s Night« lieferte, wie für ihn selbst als Komponist, sich »wieder mit sich selbst zu verbinden und inneren Frieden zu finden«. Hintergrund seiner Biografie ist – wie offenbar bei vielen Isländern – eine Jugend in einer Rockband, bevor er Komposition zuerst in seiner Heimat und dann bei Helena Tulve in Tallinn studierte. So steht er mittlerweile mit je einem Bein in der Musikszene Islands und Estlands, der Heimat seiner Frau: Die Sängerin Tui Hirv ist hier auf vier der fünf Werke zu erleben. Eine ungewöhnliche Wahl ist ein von Tui rezitierter Monolog aus Andrej Tarkowskijs Film »Stalker«, der Ende der Siebzigerjahre in Tallinn gedreht wurde und laut Páll »geschickte Verweise zu Estlands bewegter Geschichte« aufweist.

Insgesamt bietet »ATONEMENT«, das Covermotiv kündet es an, recht dunkle, gar düstere und auch etwas rätselhafte Musik. Wie Tarkowskij reflektiert Páll mit seiner Kunst die Welt in Form von spröder, teils verschlossener Poesie, die auf einzigartige Weise mit einem persönlichen, individuellen Blick das Material der Textautor/innen transformiert. Quasi autobiografisch ist das Album auch deshalb, weil die hier erzählte Geschichte 2011 mit dem ältesten Stück beginnt, als Páll und Tui als junge Eltern am Rand von Tallinn lebten. Die estnische Spiritualität, die bereits Tarkowskij und »Stalker« prägte, durch die Komponisten Pärt, Kreek und Eller internationale Aufmerksamkeit erfuhr, zieht sich somit auch als ein roter Faden durch diese Werke. Die Verzahnung von avantgardistischer Kammermusik und opernhafter Stimme wird es einigen Hörer/innen nicht leicht machen, die Tür zu Pálls Œuvre zu öffnen; daher sei als Einstieg das instrumentale »Lucidity« empfohlen, das zwischen Meditation, Traum und Naturmystik changiert und einen nicht von Sprache und Text überlagerten Blick unmittelbar in den individualistischen Kompositionsstil des 1977 geborenen Komponisten offenbart. Durch das gesamte Programm kann man eindrucksvoll erleben, wie wichtig Páll Ragnar Pálsson (und dem Label) jedes klangliche Detail ist; wie bei Sono Luminus zuletzt üblich, erscheint das Album auf zwei Discs, einer Standard-CD und einer BluRayDisc inklusive mp3 und FLAC in 9.1 Dolby Atmos, 5.1 dts-HD und 9.1 Auro-3D. (ijb)



Siehe auch:
Caput Ensemble & Anna Thorvaldsdóttir
Nordic Affect

Helena Tulve

Daníel Bjarnason


Páll Ragnar Pálsson: Atonement – The Music of Páll Ragnar Pálsson

Offizielle Website

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Schola Cantorum Reykjavicenis:
Meditatio – Musik für gemischten Chor
( SACD, 2016, BIS 2200 )

Mittlerweile zwanzig Jahre existiert der Chor Schola cantorum Reykjavicensis bereits, seit 1996 unter der Leitung des Gründers Hörður Áskelsson. In dieser Zeit entstanden und erschienen eine ganze Reihe von Alben mit Werken quer durch die Jahrhunderte; einen gewissen Schwerpunkt legt das isländische Ensemble dabei auf zeitgenössischen Komponisten aus ihrem Heimatland. »MEDITATIO« fokussiert sich vorrangig auf Musik der letzten 35 Jahre, und dass das Programm für Allerheiligen zusammengestellt wurde, bringt mit sich, dass es sich hier um Chormusik um Trauer und Abschied handelt, »im Licht von Hoffnung und Zuwendung«, wie betont wird.

Dies passt natürlich hervorragend zu Arvo Pärt, dessen »Nunc dimittis« den expressiven Höhe- und Schlusspunkt der CD bildet. Das fast zeitgleich erschiene Album des estnischen Vokalensembles Vox Clamantis und die ebenfalls kürzlich entstandene Pärt-CD der Wiltener Sängerknaben (»BABEL«, auf der sich eine weniger ätherische Darbietung von »Nunc dimittis« findet) legen die Gelegenheit nahe, die Interpretationen in Island, Estland und Österreich zu vergleichen.

Passend zu Pärt bietet »MEDITATIO« nicht-isländische Werke wie das ähnlich ergreifende Stück »The Lamb« (nach William Blakes Gedicht) von John Tavener aus England, »A Child's Prayer« des Schotten James MacMillan, 1996 als Reaktion auf ein Schulmassaker in Dunblane komponiert, und des Amerikaners Eric Whitacres »Lux Aurumque«, im Jahr 2000 über ein Gedicht über den neugeborenen Christus entstanden. Die vertretenen nationalen Komponisten zeigen eine große Spannbreite zwischen dem modernen Klassiker und vom Chor bereits häufig gesungenen Jón Leifs, dessen knapp fünfminütiges, in der isländischen Kultur verankertes »Requiem« (das einzige Werk der CD, das vor 1982 entstand) eine Reaktion auf den Ertrinkungstod seiner 17-jährigen Tochter (1947) war, über zwei Stücke des 2013 gestorbenen Þorkell Sigurbjörnsson, der als einer der Pioniere in Islands zeitgenössischer Musik bezeichnet wird und dessen Schaffen bereits einige Spuren in der Kirchen- und Chormusik hinterlassen hat, bis hin zu ganz jungen Werken, die von Mitgliedern des Chors selbst verfasst wurden: Sowohl Sigurður Sævarsson als auch Hreiðar Ingi singen Bass und schrieben (wie Pärt) ihre eigene Vertonung von »Nunc dimittis«, die jeweils hörenswert sind und neugierig auf weitere Arbeiten von ihnen machen.

Insgesamt eine eindringliche Darbietung, naturgemäß aber auch sehr andächtig bis getragen; eine dunkle Stimmung für den Herbst und für kurze Wintertage. Das Programm wurde in der berühmten Hallgrímskirkja in Reykjavík mit astreiner Technik aufgenommen, klanglich kristallklar und feinfühlig, womöglich fast etwas aseptisch. (ijb)



Siehe auch:
Vox Clamantis, Wiltener Sängerknaben / Arvo Pärt
Schola Cantorum Oslo & Nordic Voices

Anna Þorvaldsdóttir

Jón Leifs


 Schola Cantorum Reykjavicenis: Meditatio – Musik für gemischten Chor

Audio-Link Offizielle Website

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María Huld Markan Sigfúsdóttir:
Nordic Affect: Clockworking
( 2015, Sono Luminus /Naxos SLE-70001 )

Es gibt, gerade im kleinen, bevölkerungsmäßig winzigen Island, eine Vielfalt musikalischen Ausdrucks, von der wir hierzulande, so scheint es manchmal, nur träumen können. Nicht selten gelingt es isländischen Musiker/innen, zugleich Avantgarde und Pop zu sein; siehe hierzu nur die unten angegebenen Links. Auf bestechend poetische Weise schillern die Werke dieser fünf (mehr oder weniger) jungen Komponistinnen, die von den vier Musikerinnen des Ensembles Nordic Affect interpretiert werden.

Die bekannteste ist wohl die 1977 geborene Anna Thorvaldsdóttir, bereits mit dem renommierten Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) ausgezeichnet und beim Klassik-Starlabel Deutsche Grammophon (DG) vertreten. Wem ihr hochspannendes Schaffen bislang entgangen ist, wird nach dieser 2012 für Nordic Affect entstandenen Auftragsarbeit sicherlich mehr ihrer CDs hören wollen, zumal »Shades of Silence« auch auf dem exzellenten DG-Debüt »Aerial« zu finden ist. Dabei ist es weder das eingängigste, noch das markanteste unter den sechs Stücken der CD »CLOCKWORKING«. Ziel der Auftragswerke sei gewesen, die Möglichkeiten dieser vier Instrumente, Geige, Bratsche, Cello und Cembalo, in einem zeitgenössischen Kontext zu erforschen, und bei Anna Thorvaldsdóttir ist eben dieser Jahrhunderte übergreifende Gestus zwischen Alt und Neu gewissermaßen grundlegend.

María Huld Markan Sigfúsdóttirs zehnminütiges »Sleeping Pendulum« (für Violine und Elektronik) erinnert ebenfalls an Alte Musik, allerdings in minimalistischer, latent meditativer Form, die in ihrer Ruhe und Motivik eine halb sakrale, halb volkstümliche Stimmung evoziert. Die 1980 Geborene war Gründungsmitglied im Streichquartett Amiina und ist als einzige hier mit zwei Arbeiten vertreten. Und auch ihr etwas lebendigeres »Clockworking« ist von dieser Verbindung aus nordischem Folk und traumhaft-schwebender Minimal Music geprägt.

Ganz anders die übrigen drei Werke, die gewissermaßen von einer radikaleren musikalischen Sprache geprägt sind – und damit vielleicht sogar noch bewegendere und spannendere Ergebnisse bieten. Hildur Gudnadóttir kennt man von ihren hochambitionierten Cello-Soloalben zwischen Avantgarde, Klangkunst und verträumter Pop-Poesie, und ihr »2 Circles« für Violine solo (und die begleitende Stimme der Interpretin) schreibt dies nahtlos fort, in Form einer introspektiv-fragmentarischen Klangforschungskomposition. Wiederum nicht unähnlich, aber in der Durchführung mutiger und auch ei (ijb)



Siehe auch:
Hafdís Bjarnadóttir
Jóhann Jóhannsson

Hildur Guðnadóttir

Múm


María Huld Markan Sigfúsdóttir: Nordic Affect: Clockworking

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Valgeir Sigurðsson:
Nordic Affect: Raindamage – Sigurðsson, Hansson & Vilmarsson
( 2017, Sono Luminus /Naxos SLE-70005 )

Mit seinem zweiten Album öffnet das isländische Quartett Nordic Affect viele neue Türen, präsentiert ein vollkommen anders gelagertes Programm als zwei Jahre zuvor auf dem Debüt und kommt damit freilich zu einem nicht weniger Resultat. Der Titel »RAINDAMAGE« passt natürlich als schöne Fortsetzung zum vorigen »CLOCKWORKING«, und Caleb Neis Design, diesmal mit Fotografien vom südisländischen Sólheimajökull, unterstreicht die Verwandtschaft stilvoll. Die Grundbesetzung (Geige, Bratsche, Cello und Cembalo) ist gleich geblieben, nur dass bei drei Stücken allein die Besetzung »Electronics« angegeben ist, bei einem davon außerdem Nava Dunkelman mit der Uchiwa-Daiko-Trommel mitwirkte. Woher welche Klänge stammen, ist also noch schwerer zu verorten als schon beim vorigen Album.

Nordic Affect wählten für ihr 40-minütiges Programm sechs sehr aktuelle Werke von drei mehr oder weniger jungen isländischen Komponisten, je Urheber ein akustisches und ein voll elektronisches. Und gewiss entstanden alle Aufnahmen in enger Kollaboration mit der jeweiligen Komponisten. Bekanntester der drei ist sicher der 1971 geborene Valgeir Sigurðsson, der nach Zusammenarbeiten mit (Avant-)Popkünstlern in den letzten Jahren zunehmend an einer Karriere als zeitgenössischer Komponist gearbeitet hat, bereits beim letzten Album für Mix und Mastering verantwortlich zeichnete und hier auch noch die Aufnahme verantwortete. Seine beiden Werke, das Titelstück für drei Streicher und Elektronik und das rein elektronische »Antigravity«, scheinen sich mit Naturbildern zu befassen, denn Regen, Wind und Wetterphänomene klingen durchaus an. Beide zählen zweifelsfrei zum besten, was man von Sigurðsson bislang hören konnte; einige frühere Werke von ihm waren kompositorisch zu einfach gestrickt oder auch zu eng an Vorbilder angelehnt, doch wie hier akustische, klassische Komposition und elektronische Elemente verquickt werden, zeigt die lange Erfahrung und geht in seiner Eindringlichkeit und Raffinesse weit über sein voriges Schaffen hinaus. Und auch »Antigravity«, dessen Entstehungsprozess nicht beschrieben ist, aber offenbar aus Streichersamples und sehr zeitgenössischer Elektronik ausgestaltet wurde, ist ein dicht gewobenes Kleinod.

Der 29-jährige Úlfur Hansson, der bislang Alben unter den Namen Klive, Bitroid und zuletzt Úlfur veröffentlichte, in der Band Swords of Chaos Bass und viel in der Tourband von Sigur-Rós-Sänger Jónsi (Jón Þór Birgisson) Synthesizer und Elektronik spielte, ergänzt in seinem knapp zehnminütigen »Þýð« drei Streicher um eine Art Chor, den er laut Detailangaben selbst eingesungen hat. Das Stück setzt auf eine irisierende Verbindung von schwebender Dramatik und schleichenden Dissonanzen, bevor das Stück am Ende wie in sich zusammensackt. Sein elektronisches »Skin Continuum« ist gewissermaßen die sich zersetzende Fortführung davon, unter Beteiligung besagter Uchiwa-Daiko-Trommel. Das zu gleichen Teilen rasant perkussive wie drone-mäßige Stück zeigt einen überaus eigenen, sehr faszinierenden kompositorischen Blick, der sich schwer mit anderer isländischer Musik vergleichen lässt. Großartig.

»[:n:]« des 1976 geborenen Hlynur Aðils Vilmarsson, der auch mit einem Werk auf der zur gleichen Zeit beim selben Label veröffentlichten, ebenfalls empfehlenswerten Orchester-CD »RECURRENCE« des Iceland Symphony Orchestra (ISO) vertreten ist, ist das einzige Werk der CD, das die volle Besetzung der vier Nordic-Affect-Musikerinnen einsetzt. Es ist nicht nur das längste der sechs, sondern wohl auch das enigmatischste, das ein wenig Zeit braucht, um sich dem Zuhörer zu öffnen. Wie bei den übrigen Beiträgen spricht auch hier eine vollkommen eigene Stimme. Und in »noa::ems« hat er die akustische Einspielung offenbar radikal zersägt und zerfasert.

Ein herausragendes Ensemble der zeitgenössischen Musik bietet ein vollkommen unnachahmliches Programm, das in Form dieser ohne Frage mehr ein rundes, schlüssiges Album geworden ist als viele vergleichbare Projekte, die verschiedene und unterschiedliche Komponisten zusammenführen. Brillant. (ijb)



Siehe auch:
Nordic Affect: Clockworking

Valgeir Sigurðsson: Nordic Affect: Raindamage – Sigurðsson, Hansson & Vilmarsson

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Valgeir Sigurðsson:
Siggi String Quartet: South of the Circle
( 2019, Sono Luminus /Naxos DSL-92232 )

Das 2012 gegründete Siggi String Quartet hatte auf der Debüt-CD von Víkingur Ólafsson, dem 2017 bei Deutsche Grammophon veröffentlichten Philip-Glass-Album, einen viel beachteten und gelobten internationalen Auftritt. In Reykjavík sind die Vier bereits ein renommierter Teil der Musikszene, 2018 erhielten sie als Quartett den Isländischen Musikpreis als »Performer of the Year«, zahlreiche Uraufführungen junger isländischer Komponist/innen wie Valgeir Sigurðsson und Daníel Bjarnason gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie Interpretationen (moderner) Klassiker wie Morton Feldman oder Jón Leifs. So ist eigentlich erstaunlich, dass wir erst jetzt (2019) ein Debütalbum der Gruppe bekommen, und das sich bereits seit einiger Zeit um die zeitgenössische Musikszene Islands verdient machende US-Label Sono Luminus ist dafür ein naheliegender Partner (wenngleich man ihnen wirklich etwas stilvolleres Cover gewünscht hätte als diesen arg unglücklichen, nachlssäigen Design-Ausrutscher).

»SOUTH OF THE CIRCLE«, also »Südlich des Kreises«, meint natürlich die geografische Lage Islands direkt unterhalb des Polarkreises; das Programm stellt zwei kurze Streichquartette der bereits etwas bekannteren Isländer Daníel Bjarnason und Valgeir Sigurðsson vor, aber auch Werke der bislang kaum oder gar nicht über die Grenzen des Landes bekannten Komponistinnen Mamiko Dís Ragnarsdóttir und Una Sveinbjarnardóttir und des bereits rund 60-jährigen Haukur Tómasson.

Sigurðsson ist vielen Islandfreunden über seine Zusammenarbeit mit Björk bekannt geworden, doch sein Œuvre als zeitgenössischer, »Neo-Classical«- Komponist vermochte bisher leider kaum zu beeindrucken. So ist auch sein 2011 entstandenes »Nebraska Quartet« in der Schlichtheit recht banal und wirkt mit seinem musikalischen Material doch eher wie Dutzendware zu Übungszwecken. Kein Wunder, erläutert der Urheber im Beiheft, dass es um das allererste Mal war, dass er gebeten wurde, ein konzertantes Werk zu schreiben. Ragnarsdóttirs »Fair Flowers« ist mit knapp 15 Minuten das längste Werk des Albums, es scheint mit gedämpfter Grundstimmung an Sigurðssons vierten Satz geradezu schlüssig anzuknüpfen, wirkt allerdings streckenweise auch ein wenig bemüht. Dabei stecken in den unaufdringlichen Stimmungsbildern in jedem Fall mehr emotionale Ecken und Kanten, an die man sich freilich etwas heranarbeiten muss. »Fair Flowers« entzieht sich zwischendurch immer wieder wie ein schüchternes Pflänzchen.

Una Sveinbjarnardóttir, Violinistin im Ensemble, hat das Wesen des Quartetts offenbar besser verinnerlicht als die übrigen Komponistenkolleg(inn)en; ihr »Opacity« geht einen ungewöhnlichen Weg, indem es Soli zum Ausgangspunkt nimmt – und ist so ehrlich um neue Wege in der Streichquartettliteratur bemüht. Mit diesem experimentellen und texturalen Ansatz liefert sie in jedem Fall das interessanteste Werk der CD. Besonders hervorzuheben ist dann aber, wie Haukur Tómasson zum Abschluss mit seinem »Serimonia« – 2014 für das Siggi Quartet geschrieben und für diese Einspielung noch einmal überarbeitet – den markantesten Akzent setzt und die ansonsten etwas zu gedämpfte Atmosphäre des Albums mit etwas mehr Drive und Energie endlich erfreulich belebt. Tómasson weiß dabei von allen am überzeugendsten auf den Punkt zu kommen: In einem Satz von neun Minuten Länge ist »Serimonia« dicht und prägnant – wie sonst keine der fünf Kompositionen. Am Ende bleibt das Gefühl, dass man doch viel lieber eine CD nur mit Tómasson-Werken gehört hätte. (ijb)



Siehe auch:
Víkingur Ólafsson
Jóhann Jóhannsson

Nordic Affect

Ísafold Kammersveit: Haukur Tómasson


Valgeir Sigurðsson: Siggi String Quartet: South of the Circle

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Valgeir Sigurðsson:
Valgeir Sigurðsson: Draumalandið
( 2009, Bedroom Community /Kompakt HVALUR8CD )

Man kann »Draumalandið« auch ohne den gleichnamigen Film hören und annehmen, doch der Blick auf den Kontext ist nicht unwesentlich: Der Isländer Andri Snær Magnason schrieb ein engagiertes Buch über die Umweltzerstörung seiner Heimat, und drehte im Anschluss auch gleich den kämpferischen Dokumentarfilm dazu. Landsmann Valgeir Sigurðsson wurde für die Filmmusik eingespannt, Björk und Thom Yorke steuerten einen aggressiven Avantgarde-Track für den Abspann bei (»Nattura«). Der Film arbeitet mit rigoroser Überwältigung des Zuschauers: emotionalisierende Statements, berauschende Hubschrauberaufnahmen über Islands faszinierender Natur - und eindringliche Streichermusik. Im Film, der trotz bester Absichten, leider keine rechte Form und künstlerische Haltung findet, führt all dies bald zur Übermüdung. Nach spätestens einer Stunde will man nun wirklich keine Hubschrauberflüge mit Streicherkaskaden mehr sehen.

Sigurðssons Musik funktioniert auch ohne den Film gut, nein sogar besser, selbst als konzertante Aufführung mit kleinem Ensemble. Allerdings leiden seine oft allzu simplen Kompositionen dann doch unter der Methode »Schema F«: Bekannt geworden durch seine wunderbar subtil versponnen Beiträge zu Björks Alben und auch als Produzent einiger Indie-Bands aktiv, strebt Sigurðsson jüngst danach, als Komponist post-klassischer Musik ernstgenommen zu werden. Mit der Unterstützung einiger Freunde im Geschäft kann ihm das auch gelingen. Es darf freilich angemerkt werden, dass seine künstlerischen Qualitäten in kompositorischer Hinsicht, nun ja, nicht direkt überwältigend sind. (ijb)



Siehe auch:
Björk
Nordic Affect

Hildur Guðnadóttir

Jóhann Jóhannsson


Valgeir Sigurðsson: Valgeir Sigurðsson: Draumalandið

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Sveinbjörn Sveinbjörnsson:
Sveinbjörn Sveinbjörnsson: Kammermusik und Klaviermusik
( 2007, Naxos 8.570460 )

Die Biographie von Sveinbjörn Sveinbjörnsson (1847–1927) ist schon ziemlich kurios. Aufgewachsen in Kopenhagen, sollte er in jungen Jahren zunächst zum Pfarrer ausgebildet werden (der Vater war früh verstorben) – nur durch Zufall schlug er dann doch die Laufbahn als Komponist ein. Doch während man auf Island durchaus Bedarf an geistlichem Beistand hatte, konnte man ihm als Komponisten keine Heimat bieten: Im 19. Jahrhundert war die Insel im Nordatlantik aus der Perspektive bürgerlicher Kultur tiefstes Entwicklungsland. So suchte Sveinbjörnsson für Jahrzehnte in Edinburgh sein Auskommen, später zog es ihn für einige Jahre nach Kanada, bevor er seinen Lebensabend in der dänischen Metropole verbrachte.

Obwohl Schöpfer der isländischen Nationalhymne hat sich in Sveinbjörnssons Klavier- und Kammermusik kaum etwas von der archaischen Musikkultur seiner Heimat niedergeschlagen (ganz anders als später bei Jón Leifs). Nur bei genauem Zuhören mag man hie und da eine Wendung finden, die etwas andeutet. Ansonsten ist Sveinbjörnsson ganz und gar dem musikalischen Salon des britischen Empire verbunden (aber auch das kann ja ein schönes künstlerisches Zuhause sein). Avancierte Töne sucht man jedenfalls bei ihm vergebens, dafür klingt alles nach leicht unterkühltem und verspäteten Schumann. Und dennoch ist die CD eine Entdeckungsreise wert, zeigt sie doch auf höchst glückliche Weise (und dazu noch überaus klangschön), was auf der rauhen Insel im 19. Jahrhundert eben nicht möglich war. (mku)

Sveinbjörn Sveinbjörnsson: Sveinbjörn Sveinbjörnsson: Kammermusik und Klaviermusik

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Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir):
Anna Thorvaldsdóttir: Aerial
( 2015, Deutsche Grammophon /Universal 028948113545 )

Also wirklich, ein Ärgernis! Da nimmt das Traditionslabel Deutsche Grammophon, wo auch wirklich zuverlässig weit mehr auf Sicherheit gebaut und das traditionsverhaftete Publikum bedient wird, als sich um nachwachsende Käuferscharen zeitgenössischer Musik zu bemühen, tatsächlich mal eine echte Entdeckung, eine große neue Komponistin von internationaler Relevanz ins Programm – und dann wird die CD so versteckt veröffentlicht und auch noch derart lieblos ausgestattet, dass es fast schmerzt. Vor drei Jahren war Anna Thorvaldsdóttirs phänomenales Porträt-Album »Rhízōma« extrem knapp an der CD-des-Monats-Ehrung vorbeigeschrammt, bevor der Isländerin kurz darauf der renommierte Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) für das auf der CD vertretene Orchesterstück »Dreaming« zugesprochen und ihr entsprechend ein wenig breitere Wahrnehmung zuteil wurde.

»AERIAL« wurde zu unserer großen Freude beim wohl bekanntesten Klassik-Label, dem womöglich einzigen, das auch Nicht-Spezialisten ein Begriff für die populären und herausragenden Stars ist, angekündigt: die seltene Chance, dass eine Vorwärtsdenkerin, eine Komponistin zudem, die hochintelligente Musik schreibt und zugleich das Potenzial hat, ein Klassikstar zu werden, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird – statt zum 763. Mal Beethoven, Brahms, Chopin, Mozart. Doch konnte man das Album auf der Label-Webseite nicht finden (bis heute ist Anna Thorvaldsdottir in der »Komponisten«-Suchmaske auf der DG-Webseite nicht zu finden); dann erschien es laut der Komponistin nur digital (auch nur über umständliche Suche zu finden); und erst fast ein halbes Jahr später gibt es »AERIAL« dann auf CD, allerdings ohne Booklet, ohne irgendwelche Texte oder Zusatzinfos.

Gut, man kann das nun als »Es soll um nichts als die reine Musik gehen«-Understatement entschuldigen, doch, mit Verlaub, eine so unzufriedenstellende Präsentation, auch im Vergleich zu dem, was sonst stets geboten wird, hat Anna Thorvaldsdottir nicht verdient. Ja nun, so bleibt auch hier kaum mehr Platz für die Rezension der Musik. Doch was soll's: »AERIAL« erfüllt alle Versprechen, die »Rhízōma« steckte. Thorvaldsdottir kann mit der Vielzahl der Instrumente, Ensemblegrößen, Ensembles und Aufnahmeorte dieser sechs Werke aus den letzten paar Jahren brillant umgehen, schreibt superbe, klare, mal schwebend kühl-fragile, mal eindringlich emotionale Werke, die ihre isländischen Interpreten hier unter ihrer Aufsicht famos interpretieren. Großartig, reicht die Kunde dieser Kunst weiter – spielt sie, führt sie auf, hört sie, empfehlt sie weiter! (ijb)



Siehe auch:
Duo Harpverk
Iceland Symphony Orchestra

Schola Cantorum Reykjavicensis


Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): Anna Thorvaldsdóttir: Aerial

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Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir):
Anna Thorvaldsdóttir: Rhízōma
( 2011, innova /American Composers Forum innova810 )

»Don't judge a book by its cover,« heißt es. Äußerst selten jedoch erscheint eine CD mit »Neuer Klassischer Musik« in einer derart attraktiven, visuell wie haptisch einladenden Verpackung, der es gelingt, neugierig auf die Musik und die Komponistin zu machen, assoziativ und elegant in ihr Werk einzuführen und nicht zuletzt den Hörgenuss adäquat zu bereichern. In diesem Fall mag man den Inhalt kaum unabhängig von seiner Hülle beurteilen - und empfehlen. Wenn das Niveau dieser ersten Werkschau der 35jährigen Isländerin Anna Thorvaldsdóttir nur der Ausgangspunkt für viele kommende Veröffentlichungen sein sollte, wird man von dieser Frau noch vieles und lange hören (wollen).

Ähnlich ambitioniert, aber insgesamt leiser als der etwas jüngere Daníel Bjarnason, der hier mit »Dreaming« das Isländische Sinfonieorchester dirigierte, kommen Thorvaldsdóttirs vier Kompositionen daher. Zu Beginn ziehen uns die acht Minuten von »Hrím« für Kammerorchester feingliedrig, frostig und mit fragiler Schönheit in den Bann. Separiert von den fünf Sätzen des enigmatischen Solostücks »Hidden« für Percussionist auf Flügel (!) nehmen den größten Teil der CD zwei je zwanzig Minuten lange Energieexkursionen ein, in denen des Hörers Zeitempfinden nahezu vollständig von reichhaltigen Klangkomplexitäten aufgesogen wird. Man verzeihe diese verschwurbelten Beschreibungen; selten entzieht sich gelungene Musik der Kategorisierung und schnellen Greifbarmachung so sehr wie hier.

Thorvaldsdóttirs Werk ist einerseits sehr isländisch, andererseits aber weit jenseits dessen, was sich seit einiger Zeit als »typisch« und international attraktiv vermarktbar für die Musik dieses Landes eingebürgert hat. Sie macht es sich - und dem Publikum - nicht so leicht und gemütlich. Sie will mehr: an einer wirklich »Neuen« Musik mitschreiben, jedoch nicht um den Preis, dass die Hörer verschreckt auf Distanz bleiben und das Neutönen als unzugänglich und verkopft abtun. Insofern sind Ármann Agnarssons organische Texturen und Formen der CD-Verpackung in der Tat eine kongeniale künstlerische Arbeit, die ebenso prämierungswert sind wie Thorvaldsdóttirs Werke, die bereits mit etliche Male, jüngst etwa bei den Isländischen Musikpreisen, ausgezeichnet wurden. Mit unter anderem Hillborg, Hämeenniemi und Ole-Henrik Moe ist sie ganz aktuell sogar schon für den Nordic Council Music Prize nominiert. In der Tat eine herausragende neue Stimme in der zeitgenössischen Musikszene, die sich sicherlich einbrennen wird. (ijb)



Siehe auch:
Daníel Bjarnason
Eero Hämeenniemi

Anders Hillborg

Ole Henrik Moe


Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): Anna Thorvaldsdóttir: Rhízōma

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Lange Rezensionen 31 - 40 von 41 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 41)

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