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Lange Rezensionen 1 - 38 von 38 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 38)

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Ólafur Arnalds & Alice Sara Ott:
The Chopin Project
( 2015, Mercury /Universal )

Auf Pianosuche in Reykjavík: Der isländische Neoklassik-Grenzgänger Ólafur Arnalds und die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott wollen auf ihrem gemeinsamen »CHOPIN PROJECT« gerade nicht den hochkulturigen, perfekten Wohlklang erzeugen, sondern den polnischen Komponisten in einen ungewohnten Kontext stellen. So finden die beiden musikalischen Kollaborateure schließlich Instrumtente mit Charakter: Alte, ungewöhnliche Klaviere, deren Saiten zum Teil noch mit Filz umwickelt werden, um einen Klang zarter Entfremdung zu erzeugen. Chopin nicht makellos auf dem teuren Bechstein-Flügel, sondern Chopin in der Kneipe, auf einem leicht verstimmten Instrument. Chopin, mit leisen elektronischen Störgeräuschen kontrastiert und mit von gefühligen Synthies eingerahmt. Geht das? Und wie!

Denn Arnalds und Ott holen Chopin von seinem hohen Sockel herunter, auf den die etablierte Klassikszene den sensiblen Musiker gestellt hat. So klingen das »Regentropfen-Prélude« oder der langsame Walzer des »Nocturne« hier vertraut und trotzdem anders. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich hier dann, wenn Arnalds die Chopin´schen Klänge mit seinen eigenen, eigenwilligen neoklassischen Gefühlswelten kontrastiert. Der junge Isländer hat eigens für das Projekt Intermezzi für Streicherquintett, Klavier und Synthesizer komponiert, die in ihrer tastenden Sensibilität dem Chopin´schen Geist doch sehr nahe stehen. Einen charmant unvollkommenen Sound wollen Arnalds und Ott entwickeln: Und wenn hier vernehmbares Quietschen, Atemgeräusche oder Papierrascheln zu hören sind, dann bringt uns das nur zum aufmerksameren Lauschen. (emv)



Siehe auch:
Ólafur Arnalds
Ólafur Arnalds & Nils Frahm


Ólafur Arnalds: The Chopin Project

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Duo Harpverk:
The Greenhouse Sessions
( 2012, /Bandcamp / iTunes Eigenverlag&Download )

Als Mitglieder des Iceland Symphony Orchestra verspürten Harfenistin Katie Buckley und Schlagwerker Frank Aarnink das Bedürfnis, in einem intimen Rahmen zu musizieren und gezielt für ihre beiden Instrumente Aufträge an bestimmte, vorwiegend isländische, Komponisten zu vergeben. So war mit Beginn des Jahres 2007 das Duo Harpverk geboren, und gleich als erstes Auftragswerk schuf Óliver Kentish im Januar jenen Jahres das großartig intime, fein ausgefeilte und mysteriöse »Leyndir Dansar« (»Hidden Dances«), eine Art Kreuzung aus Nocturne und Poesie.

Auch alle weiteren hier vertretenen Stücke gehen in solch fragile, schattenreiche Richtung, genannt seien Jenny Hettnes »verformte Schlaflieder« oder Úlfar Ingi Haraldssons »Schatten und Silhouetten«. So fragmentarisch, dass man beim nicht voll aufmerksamen Hören kaum mitbekommt, was man gehört hat, sind Anna S. Þorvaldsdóttirs vier »Particles«. Trotz der Vielzahl und Vielseitigkeit der hierfür aufgenommenen Komponisten erscheint die CD »THE GREENHOUSE SESSIONS« aus einem Guss, ergeben die Werke ein reichhaltiges, in seiner verhaltenen Stimmung gleichwohl eindringliches Gesamtbild. Und doch bietet die Zusammenstellung allenfalls einen kleinen, aber ungemein starken und faszinierenden Eindruck in das Schaffen des Duo Harpverk, aufgenommen während der Jahre 2009 bis 2012. (ijb)



Siehe auch:
Anna S. Þorvaldsdóttir
Valgeir Sigurðsson

Daníel Bjarnason


 Duo Harpverk: The Greenhouse Sessions

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Ensemble Adapter:
Sarah Nemtsov: A Long Way Away. Passagen
( 2012, Wergo /Note1 WER 6582 2 )

Adapter ist ein junges und tatkräfties Ensemble für Neue Musik, dessen Kern ein zu drei Vierteln isländisches Quartett bildet: Gunnhildur Einarsdóttir (Harfe), Kristjana Helgadóttir (Flöte), Ingólfur Vilhjálmsson (Klarinette) und Matthias Engler (Schlagzeug). Je nach Werk und Konzert erweitern die vier ihre Gruppe entsprechend zu Besetzungen mit bis zu 10 Spielern. Die Wahl der Instrumente deutet es schon stark an: Leichtverdauliche und klassische Musik dürfen Sie hier nicht erwarten. Adapter ergänzt den Kreis ihrer Aktivitäten zudem über Uraufführungen und CD-Einspielungen zeitgenössischer Werke bis hin zu internationalen Workshops, gattungsübergreifenden Projekten und Koproduktionen und engagiert sich so intensiv in der Gegenwartsmusik.

Mit Komponistin Sarah Nemtsov pflegt das Ensemble bereits eine längere Beziehung, und so kam der Wunsch auf, endlich mal einen ganzen Abend zusammen zu bestreiten. Für alle Beteiligten war es daher ein großes Glück, dass Wergo und der Deutsche Musikrat dieses einstündige Werk, »A Long Way Away. Passagen«, direkt in ihrer viel gerühmten Reihe mit Werken junger Komponisten veröffentlichte. Fast jede/r dort präsentierte Komponist/in kann ohne große Vorbehalte als Entdeckung verbucht werden - und der gewünschte Effekte stellt sich zuverlässig ein: Man möchte sofort mehr hören und erfahren.

Nun bleibt bei dieser CD einzuschränken, dass der »Inszenierte Zyklus für Ensemble«, über den Nemtsov in ambitionierten, aber auch etwas unspezifischen und banalisierenden Worten verkündet: »jede Note ist sehr, sehr persönlich für mich", ohne die visuell-szenische Seite, von der man im Promo-Video einen kleinen Eindruck bekommen kann, nicht recht in die Gänge kommt. Sicher, es soll nicht ungerecht verallgemeinert werden, und bestimmt gibt es Liebhaber, die diese komplexen Geflechte gut zu durchdringen vermögen, doch der Einstieg in Nemtsovs durchaus entdeckungswürdiges Schaffen wird einem durch diesen einstündigen Zyklus mehr erschwert als erleichtert.

Was schade ist, denn ihr Ziel, einige Spannung zwischen dem, was wir erinnern und was wir vergessen, auszuloten, hat für die 1980 geborene Komponistin eine existenzielle Bedeutung; sie verweist explizit auf ihre jüdische Herkunft. Dabei bezieht sie sich auf Texte und andere Referenzen, gestaltet zudem mit viel Geräuschmaterial in ihrer Musik. Unmittelbarer, ohne anbiedernder zu sein, überzeugt, auch auf CD, ihr 2011 in Donaueschingen uraufgeführtes »Hoqueti« für 6 Solo-Stimmen. (ijb)

 Ensemble Adapter: Sarah Nemtsov: A Long Way Away. Passagen

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

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Davíð Brynjar Franzson:
Davíð Brynjar Franzson: The Negotiation of Context
( 2014, Wergo /Note1 WER 7313 2 )

Diplom in Reyjavík, Master in Stanford, dann auch noch einen Doktortitel unter Brian Ferneyhough, Auftragswerke fürs Arditti Quartet, die Internationalen Ferienkurse Darmstadt und das Ensemble Adapter... der 1978 geborene Isländer Davíð Brynjar Franzson lebt mittlerweile in New York — und startet durch auf dem internationalen Parkett der kompositorischen Avantgarde. Nun auch auf dem Qualitätslabel Wergo, das seiner sperrigen Trilogie »The Negotiation of Context« (2009-2011) eine eigene CD widmet. Das New Yorker Quartett Yarn|Wire hat sich der Erweiterung des Repertoires für Percussion und Piano verschrieben und soll für »fesselnde Virtuosität« und »rastlos eigentümliche Programmgestaltung« (TimeOut NY) bekannt sein. Vor allem letzteres kann man anhand dieser zweifellos eigentümlichen kleinen Werkreihe wunderbar überprüfen.

Inwieweit Franzsons Musik noch Verbindungen zu Island pflegt, darf —wertfrei— in Frage gestellt werden. An Sigur Rós oder Amiina scheint sich der Komponist jedenfalls nicht zu orientieren. Eher schon an Herlmut Lachenmann. Gleichwohl frappiert eine gewisse schwebende Atmosphäre, die man landläufig mit isländischer Klangmalerei assoziiert; nur dass Franzson diesen Eindruck durch nahezu ausschließlich perkussive Elemente erzielt, wenngleich er dazu nahezu keine im Schlaginstrumente im gewohnten Sinn einsetzt. Zum größten Teil übernehmen die Flügel diese Rolle. Die Geräusche wandern anfangs, im kontrastreichen ersten Teil, zwischen Piano und Harmonium hin und her, im zweiten Teil dann entsteht trotz Ausweitung der Besetzung auf zwei Pianos und zwei Basstrommeln ein karges, impressionistisches, oft rohes, sogar grobes Aktionsquartett, fast befreit von assoziativen Qualitäten jenseits der Instrumente. Im dritten Teil schließlich müssen zwei Musiker einen Flügel bedienen, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.

Eine bizarre Faszination geht von Franzsons radikaler, blutleerer Tonsprache aus. Grundsätzlich jedoch ist »The Negotiation of Context«, wie der Titel bereits andeutet, eine recht intellektuelle Angelegenheit, und in dieser spröden, aufgesplitterten Klanginstallation kommt jedem Einzelton eine riesige Bedeutung zu, die man als Zuhörer erst einmal »füllen« bzw. finden muss. (ijb)



Siehe auch:
Ensemble Adapter
Kallio Slaaki

Sigur Rós

Amiina


Davíð Brynjar Franzson: Davíð Brynjar Franzson: The Negotiation of Context

Audio-Link Offizielle Website

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Björk Guðmundsdóttir:
Björk Guðmundsdóttir: Vespertine – A Pop Album as an Opera
( 2019, Oehms Classics /Naxos OC 978 )

»VESPERTINE«, das Album, mit dem Björk 2001 das neue Jahrtausend begann, markiert(e) den – 1997 in »HOMOGENIC« bereits angelegten – entscheidenden Schritt weg von Popsong und Eingängigkeit hin zu komplexeren Projekten mit Chor- und Streicherarrangements und ausgeklügelten Songstrukturen. Dabei war das Album ihr bis dato wohl persönlichstes, reflektierte es doch sehr offen und ungeschminkt die Genesis ihrer Liebesbeziehung mit dem Künstler Matthew Barney, speziell in der Reflexion zwischenmenschlicher und körperlicher Empfindungen, Hoffnungen und Unsicherheiten.

Jan Dvořák, der mit Roman Vinuesa und Peter Häublein die Komponisten- und Arrangeur-Gruppe »Himmelfahrt Scores« bildet, setzt sich als Chefdramaturg am Nationaltheater Mannheim (NTM) für eine verstärkte Auseinandersetzung mit Popmusik ein, und »VESPERTINE« bot da einen sowohl herausfordernden als auch naheliegenden Ansatzpunkt. Nach langer Feinarbeit wurde die entwickelte Partitur, die Björks Gesang auf zwei Frauen- und zwei Männerstimmen sowie einen Frauen- und einen Kinderchor verteilt, in Zusammenarbeit mit dem dänischen Künstlerkollektiv »Hotel Pro Forma« als Oper am NTM realisiert.

Ob es überhaupt sinnvoll ist, ein persönliches Album, das trotz so orchestraler Note ein absolut intimes Werk seiner Urheberin ist, mit Hilfe weiterer Stimmen und Orchesterarrangements als opernhaftes Bühnenspektaktel neu zu erfinden, muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Allerdings darf man gerade bei einer Künstlerin wie Björk, deren Schaffen sich über die Jahre hinweg mehr und mehr in multimediale und »aufgeblasene« Musikprojekt-Formen entwickelte, dabei aber stets einem experimentellen Grundgestus treu blieb, ein solches Experiment zweifelsfrei und unbedingt wagen.

Schwerer wiegt wohl, dass der in der Oper so vorherrschende Gesangsstil, der gegenüber der Popmusik eher das Kunstgewerbliche und technisch kleinteilige Können betont, Björks Liedern das Individualistische, Kennzeichnende, Eigene und letztlich auch den emotionalen Gehalt abspenstig macht. So ist dieses »Pop Album as an Opera« (über die visuelle Inszenierung auf der Mannheimer Nationaltheaterbühne soll hier ausdrücklich, mangels Kenntnis, nicht geurteilt werden) zwar ein faszinierend ambitioniertes und durchaus hörenswertes Unterfangen, wird andererseits aber leider auch zum unnahbaren und perfektionierten Hochkulturgenuss-Programm, das niemals Staunen, Zauber oder intensive Emotionen hervorruft, geschweige denn Kontroverse, Irritation und wahre, fragile Poesie, wie es Björks Gesamtwerk durchweg auszeichnet. (ijb)



Siehe auch:
Valgeir Sigurðsson
Björk


Björk Guðmundsdóttir: Björk Guðmundsdóttir: Vespertine – A Pop Album as an Opera

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Hildur Guðnadóttir:
Hildur Guðnadóttir: Leyfðu Ljósinu
( 2012, Touch TO:90 / TO:90USB )

Kann die Meinung von einem, der schon die bisherigen (Solo-)Alben von Hildur Guðnadóttir als zu simpel und überschätzt beurteilt, wohl rechtes Gewicht haben, wenn es nun um ihr neues, noch viel einfacher angelegtes Werk geht? Dieses schlägt, das ist schon mal positiv, einen neuen Weg ein, und die Überraschung kommt gleich zu Beginn: Guðnadóttir hat György Ligetis irrlichterndes »Lux Aeterna« neu aufgenommen, als Interpretation mit Cello und Drones. (Für die Nicht-Spezialisten sei erläutert: »Lux Aeterna« erlangte große popularkulturelle Berühmtheit in der Szene in Stanley Kubricks »2001«, wenn der Moon Bus geräuschlos dahinschwebt.) Und in der Tat: »LEYFÐU LJÓSINU« heißt übersetzt so viel wie »Lass das Licht zu«; der Bezug zu Ligeti kommt also nicht von ungefähr.

Die mittlerweile Dreißigjährige wagt weitere Schritte ins »ernste neoklassische Fach«. In dieser Hinsicht schreibt ihr neues Album, das nicht nur als Stereo-CD, sondern auch als Multikanal-Version auf einem 2GB-USB-Stick in von der Künstlerin handgefertigem Papiercover erhältlich ist, das Duo mit Hauschka fort. Doch »LEYFÐU LJÓSINU« ist sperriger, ein vierzigminütiges Avantgarde-Stück für Cello, Stimme und Elektronik, das Guðnadóttir im Januar 2012 im Music Research Centre der Universität New York aufgenommen hat; allein und ohne Overdubs, muss betont werden. In ihrem Minimalismus und der Melodieführung näher an Ambient als an »Neoklassik«, erinnert das Werk an Akustik&Drone-Musik von Nico Muhly oder Machinefabriek mit Aaron Martin. Oder aber an den ebenfalls eher dronig ambienten Impro-Minimalismus des Trios »Microtub«.

Hildur Guðnadóttir will es offenbar niemandem recht machen, sondern Music Research betreiben. Wem soll man »LEYFÐU LJÓSINU« also empfehlen? Sicher weniger jenen, die bei »MOUNT A«, »WITHOUT SINKING« oder bei Wohlfühlambient leuchtende Augen bekommen, als Freunden anspruchsvoller Grenzgänge. (ijb)



Siehe auch:
Angel
Hildur Guðnadóttir & Hauschka

Jana Winderen


Hildur Guðnadóttir: Hildur Guðnadóttir: Leyfðu Ljósinu

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Hildur Guðnadóttir:
Hildur Guðnadóttir: Without Sinking
( 2010, Touch /Morr Music / Anost TO:70CD )

Man muss nur zum Beispiel das frühe Album »MOUNT A« gehört haben und ein bisschen über Hildur Ingveldardóttir Guðnadóttir lesen – dann wird klar, dass auch »WITHOUT SINKING« wohl kein lichtdurchflutetes Sommeralbum sein wird. Mit Jóhann Jóhansson hat die Cellistin schon zusammengearbeitet – mit dessen ganz ähnlichem Faible für melancholisch wuchernde Streichersymphonik. Oder mit Throbbing Gristle, den britischen Industrial-Veteranen – daher der Wille zur Avantgarde. Eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis »Fountain«-Regisseur Darren Aronofsky für den nächsten tiefschwarzen Soundtrack das Kronos-Quartett gegen Hildur tauscht.

Denn »WITHOUT SINKING« ist, im Vergleich zu »MOUNT A«, noch fokussierter, noch präziser dunkel getüncht – gleichzeitig sind die Trennlinien zwischen den Dunkel-Stufen noch schärfer gezogen. Über rauen Flächen im Bassregister schichtet die Musikerin schluchzende Melodien und manisch pochende Pulse – harmonisch ausgesucht, blitzsauber intoniert und mit einem untrüglichen Gefühl für Dramaturgie und Timing. Konnte man in »MOUNT A« noch grübelnd abtauchen, so muss man hier zuhören und sich sehenden Auges runterziehen lassen. Sicherlich kein Album für laue Sommernächte, wie gesagt, und zu häufiges Hören wäre für die seelische Balance sicher auch nicht ratsam. Aber solche dunklen Alben-Perlen warten geduldig im CD-Regal – irgendwann braucht man sie. (sep)



Siehe auch:
Jóhann Jóhannsson
Nordic Affect


Hildur Guðnadóttir: Hildur Guðnadóttir: Without Sinking

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Hafliði Hallgrímsson:
Truls Mørk plays Hallgrímsson – Cello Concerto · Herma
( 2010, Ondine /Naxos 1133-2 )

Hallgrímsson begann selbst als Cellist, und so geht man sicher nicht zu weit, wenn man seine beiden Cellokonzerte (auch) autobiografisch liest. Die lebenslange Kenntnis des Instruments ist in diesen Werken exzellent herauszuhören. In den dreißig Minuten des Truls Mørk gewidmeten und 2003 beim Ultima Festival in Oslo uraufgeführten Cellokonzerts schöpft der Komponist effektvoll den gesamten Orchesterkörper aus, während er, angeregt von Griegs »Berceuse«, ein Wiegenlied in sinfonischer Form schrieb. Eine surreale Qualität, vom Melancholischen ins Düstere wandelnd, reich an komplexen Stimmungen und sensiblen Schattierungen, immer wieder alptraumhaft und beruhigend im Wechsel. Schlagzeug und Percussion sind ein wesentliches Element in diesem grandios detailreichen Klangrausch.

»Herma« dagegen, eine knappe halbe Stunde lang und 1994/95 entstanden, ist ruhiger, introspektiver, das Cello viel mehr in den Vordergrund gestellt als im verschlungenen Dialog zwischen Solist und Orchester des neuen Werks. Cello und Ensemble bleiben vorwiegend im lyrischen Tonfall. In beiden Fällen handelt es sich um erstklassige Referenzeinspielungen mit Musikern in Bestform und um wertvolle Beiträge zur zeitgenössichen Celloliteratur, die man sehr gerne häufiger auf den Spielplänen der Konzerthäuser wiederfinden dürfte. (ijb)



Siehe auch:
John Storgårds, Lapland-Kammerorchester: Nordgren u.a.
Storgårds dirigiert Nørgård

Storgårds & Avanti!: Hämeenniemi


Hafliði Hallgrímsson: Truls Mørk plays Hallgrímsson – Cello Concerto · Herma

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Guðrún Ingimars:
Norðúrljus - Lieder aus dem Norden
( 2008, Eigenverlag ITM 911 )

»Lieder aus dem Norden«, das sagt eigentlich in schlichter Weise alles über dieses Album der isländischen Sopranistin Guðrún Ingimars. In 22 Tracks singt sie sich durch alle skandinavischen Länder - mit einem Schwerpunkt auf Island, versteht sich. Das könnte man abhaken, allzu oft schon dagewesen. Wären da nicht die Stimme und die Arrangements, die aufhorchen lassen.

Zwar hat Guðrún Ingimars eine klassische Ausbildung, die sie quer durch Europa und auch nach Deutschland führte. Trotzdem ist ihre Stimme nicht verbildet wie bei vielen Bühnen-Diven. Der schlanke, glatte, aber doch so ungeheuer energiereiche Klang nordischer Naturstimmen schimmert immer wieder durch, besonders, wenn sie in ihrer Muttersprache singt, und noch mehr bei Volksliedern wie dem schwermütigen »Sofðu unga Ástin mín«. Doch auch dem klassischen, oft durchgenudelten Repertoire wie zwei Solveig-Nummern aus Edvard Griegs »Peer Gynt« vermag sie interessante, erfrischende Tönungen zu geben.

Zweitens die Arrangements. Schon die ersten Töne des Albums machen stutzig – hier klingt zwar der klassische Konzertflügel, aber auch eine Solo-Querflöte. Mal lässt sich Guðrún Ingimars nur von einem betrübt-rauchigen Cello begleiten, mal von einer Gitarre. Und auch das ist ein erfreulich ungewohnter Musik-Zugang, den sich viele andere Opern-Soprane durch interpretatorische Fantasielosigkeit verbauen. Ein schönes Album ist so entstanden – kein Meilenstein, aber eine Wegmarke. Und das ist schon nicht wenig. (sep)

Guðrún Ingimars: Norðúrljus - Lieder aus dem Norden

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Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra):
all sounds to silence come
( SACD, 2008, 12 Tonar 12tk003 )

Die Musiker des hinreißenden Ísafold Kammerorchesters haben sich neben der Arbeit im Ensemble größtenteils auch als Solisten oder zumindest in anderen kleineren Gruppen ein Renommee erspielt. Ihr zweites gemeinsames Album (und das bislang wohl letzte) macht es dem Publikum nur unwesentlich leichter als das Debüt. Während die Auswahl der Komponisten diesmal einen Schwerpunkt auf Russland bzw. den sowjetischen Staatenbund im weiteren Sinne (Schnittke, Denisov, Pärt, Smirnov, Strawinsky) legt, entschieden sich Ísafold (wie sie sich hier auf dem Cover nennen) vorwiegend für eher kürzere Werke. Dazu gibt es einen Höhepunkt ausgerechnet mit einem gerade mal vier Minuten kurzen Stück eines deutschen Komponisten: Wolfgang Rihms »Cantus firmus - in memoriam Luigi Nono« aus dem Jahre 1990 wird eingerahmt von Schnittkes angemessen sperrigem »Canon in memoriam Igor Stravinsky« (1971) und Edison Denisovs »Epitaph« (1983), ebenfalls ein »in memoriam«, hier zum zehnten Jahrestag des Mords an dem chilenischen Präsidenten Allende.

Ein weiteres Werk, das Zeit thematisiert, Arvo Pärts »Fratres« aus dem Jahre 1977, ist von allen hier vertretenen Stücken sicherlich das allseits bekannteste und dürfte am ehesten als Attraktionspunkt der CD fungieren. Die Interpretation ist ein wenig verhuscht und vielleicht zu romantisch, schenkt dem bis dahin düsteren Programm allerdings eine schöne beruhigende Note. Die Stimmung bleibt getragen, wird indes wieder ein wenig spröder mit Denisovs Schüler Dimitri Smirnov und dessen geisterhafter »Elegy in memory of Edison Denisov« (1997), bevor Ísafold-Mitgründer und -Leiter Daníel Bjarnason seine eigene, der CD den Titel gebende Komposition »all sounds to silence come« dirigiert, welche rund ein Drittel der Gesamtspielzeit füllt und sichtlich als Kulminationspunkt anlgelegt ist. Bjarnason pflegt hier seinen etwas epigonalen postmodernen Stil, und so gelingt es dieser an sich recht interessanten Arbeit nicht wirklich, aus dem großen Schatten der Russen (und Wolfgang Rihms) zu treten. Weitaus stärker wurde Bjarnasons Œuvre mit seinem etwa später ebenfalls mit dem Ísafold Kammerorchester entstandenen Porträtalbum »Processions«.

Das Ensemble ist hervorragend und ihre beiden ambitionierten CDs auch nach Jahren noch eine (Wieder-)Entdeckung wert. (ijb)

 Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra): all sounds to silence come

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Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra):
Sørensen, Takemitsu, Schönberg, Tómasson
( SACD, 2006, 12 Tonar 12tk002 )

Keine Überraschung, dass das junge isländische Kammerorchester für seine erste CD eine alles andere als gewöhnliche Auswahl getroffen hat, als deren verbindendes Element sich etwas getrübte, zwielichtige Stimmungsbilder, teils mit Naturbezug, ausmachen lässt. Die beiden skandinavischen Komponisten, Bent Sørensen aus Dänemark und Haukur Tómasson aus Island, sind jeweils bereits Träger des Musikpreises des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize). Wenn Sørensens »Weeping White Room«, das hier seine Ersteinspielung erlebt wie nahtlos in »Tree line« des berühmten, früh verstorbenen Japaners Toru Takemitsu gleitet, lässt sich das kulturverbindende Moment von (auch) zeitgenössischer Musik unmittelbar erfahren.

Diese raffinierte Verbindung der beiden je rund zehnminütigen Kompositionen setzt sich dann sogar im rätselhaft dahinschwebenden von Schönbergs »sechs kleinen Klavierstücken« fort, obgleich diese aus dem Jahre 1911 rühren. Bernhard Wulffs Kammermusik-Arrangement dieser sechs Vignetten findet hier ebenfalls seine Ersteinspielung. Schrittweise wird das Programm so aus dem Ungreifbaren und Abstrakten über japanisch-exotische Naturmystik und dann zum mit heutigen Ohren fast konventionellen Ursprung der Modernen Musik geführt. Den Abschluss bildet dann das rund 25-minütige »Par« (»Paar«) schrieb Tómasson auf Anfrage des Ensembles. Es besteht aus den beiden Sätzen »Ort« und »Reise« und scheint wiederum inspiriert von isländischen Landschaften. Ein wahrlich anspruchsvolles Werk, schon allein für die Interpreten, doch bedauerlicherweise nicht ganz so schillernd und faszinierend wie die vorigen drei. (ijb)



Siehe auch:
Elfa Rún Kristinsdottír
Daníel Bjarnason

Anna Thorvaldsdóttir

Bent Sørsensen Chorwerke


 Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra): Sørensen, Takemitsu, Schönberg, Tómasson

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Jóhann Jóhannsson:
Arrival (Original Motion Picture Soundtrack) – Music by Jóhann Jóhannsson
( 2016, Deutsche Grammophon /Universal 00289 479 6782 )

In Denis Villeneuve hat Jóhann Jóhannsson offenkundig einen künstlerischen Seelenverwandten gefunden. Keine seiner Kompositionen für Filme kann es qualitativ bislang mit denen der kongenialen Partnerschaft zwischen ihm, dem Exil-Isländer, und dem Kanadier aufnehmen; scheinbar gibt es da »nordische« Gemeinsamkeiten. Und das passt, so nebenbei bemerkt, auch auf ihre neue, dritte Zusammenarbeit, den Film »Arrival«, der nicht allzu entfernt von der kanadischen Grenze, in dunkel vernebelten Landschaften Montanas spielt.

Beim Traditions-Klassiklabel Deutsche Grammophon (DG), das sich derzeit wieder mehr auf seine genuinen Tugenden besinnt, erschien erst einige Wochen zuvor Jóhannssons als »Soloalbum« bezeichnetes DG-Debüt, »ORPHÉE«, doch findet er in seiner im direkten Vergleich klassischeren »ARRIVAL«-Komposition zu größerer Stärke und Fokussierung. Während »ORPHÉE« zu viel auf einmal will und dadurch an Klarheit und Dichte verliert, gewinnt der »ARRIVAL«-Score gerade durch seine bei oberflächlicher Betrachtung einfache und konventionelle Form. Doch der Teufel steckt im Detail. Während »Sicario« Abgründe und Verstörungen auch in der Musik offen zutage treten ließ, entstehen hier durch raffinierte Verschiebungen, Dopplungen, Irritationen und andere subtile kompositorische Kniffe höchst anregende Wahrnehmungsöffnungen – bei der von Amy Adams superb verkörperten und im Science-Fiction-Film markant ungewöhnlichen Hauptfigur ebenso wie beim Zuschauer, der von der Filmerzählung auf leisen Sohlen eine kluge philosophische und letztlich auch weltpolitisch anregende Geschichte eröffnet bekommt.

Da es um Kommunikation jenseits von Worten geht, setzt Jóhannsson Stimmen ohne Text ein, was ganz entfernt an Steve Reich erinnert, laut Aussage des Komponisten allerdings (ebenso) von Joan La Barbera inspiriert ist. Dazu setzte Jóhannsson die Zusammenarbeit mit dem Vokalensemble Theater of Voices unter Paul Hillier fort, die bereits auf »ORPHÉE« einen schönen kurzen Auftritt hatten. Wie schon »Prisoners« und »Sicario« ist auch »Arrival« eine Werk mit unüblicher Filmmusikbesetzung, das aus der Verbindung von klassisch und avantgardistisch brillante Ergebnisse hervorbringt und direkt ins Unterbewusste vordringt.

[All jene, die sich nach dem Kinobesuch fragen, warum das kitschige Streicherstück von Anfang und Schluss des Films nicht auf der CD ist: Es ist »On the Nature of Daylight« von Max Richter (ebenfalls bei DG veröffentlicht), das bereits in Martin Scorseses Film »Shutter Island« zu hören war. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Villeneuve und Jóhannsson dieses stilistisch so viel unsubtilere und im direkten Vergleich mit dem Score weitaus schwächere Stück überhaupt, und dann auch noch so prominent eingesetzt haben; ein bedauerlicher Fehlgriff, der zum Glück auf der CD weg gelassen wurde.] (ijb)



Siehe auch:
Colin Stetson
Theatre Of Voices: Bent Sørensen

Theatre of Voices: Dietrich Buxtehude

Mari Samuelsen


Jóhann Jóhannsson: Arrival (Original Motion Picture Soundtrack) – Music by Jóhann Jóhannsson

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Copenhagen Dreams
( 2012, 12 Tonar 12T061 )

Nach der beeindruckend individualistischen und nachhaltig wirkenden Filmmusik zu »Miner's Hymns« freute man sich über die willkommene Erweiterung von Jóhannssons Spektrum, nachdem der Streicher-Wohlklang langsam aber sicher ausgereizt schien. Da enttäuscht es ein wenig, dass »COPENHAGEN DREAMS«, wiederum zu einem Dokumentarfilm (von Max Kestner) entstanden, eine Rückkehr (bzw. Wiederaufnahme) dieser allzu harmonischen Verträumtheit bietet; sogar Celesta-Klänge versüßlichen diesmal das Kammerensemble.

Nun ist der Entwurf mit dem Fokus auf wiedererkennbare Melodien und Filmmusik-Konventionen gar so wenig eigen ausgefallen, dass man laufend Kompositionen anderer Soundtracks zu hören glaubt. Nur vereinzelt irritiert Glitch-Elektronik oder gar ein Schweben am Abgrund wie in »There's no Harm done« oder überrascht der geisterhafte Gesang von Hildur Guðnadóttir und Sara Guðmundsdóttir im letzten Drittel. Fast eine Empfehlung für Hollywood. (ijb)



Siehe auch:
Hildur Guðnadóttir

Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: Copenhagen Dreams

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Dís
( 2005, 12 Tonar 12T04 )

Manchmal klingen die Kompositionen von Jóhann Jóhannsson wie adrette Pausenmusiken aus dem Fernsehen, die völlig aus dem Ruder laufen. Getragen von solider Gefälligkeit addieren sich lockere Tonfolgen aneinander – um dann los zu galoppieren, dass einem die Kategorien aus den Händen gleiten. Pop? Ja, gewiss. Elektronische Cluster – auch, sicher. Akustische Hübschigkeiten, die fern von allem Kitsch das Herz berühren und einen wieder jung werden lassen, ohne all den Unsinn der Jugend nachmachen zu müssen – oh ja, oh ja, oh ja.

Dabei hoppelt die elektronische Trommel eindringlich vor einem auf und ab, manierliche E-Pop-Töne schmeicheln das Ohr, und insgesamt ist alles so lupenrein garniert, dass auch eine krachige E-Gitarre einen Gastauftritt erhält. Und alsbald erheben sich wieder samtige Klanglandschaften voller schmelzender Pling-Plings und perlig-gehallter Klaviersentenzen, dass man nicht länger wissen muss, wie man solche Musik zum Kuckuck denn nun nennt. Vielleicht einfach – schöne Musik.
(Okay: Es handelt sich faktisch um die Musik für den Film »Dís« von Silja Harksdottir, aber das ist nicht wirklich wichtig, sondern nachgelesen.) (frk)

Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: Dís

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Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Englabörn & Variations
( 2 CDs, 2018, Deutsche Grammophon /Universal 479 9841 )

Eigentlich kann man dieses Album kaum »objektiv« rezensieren. Jeder, der sich in den letzten 15 Jahren für die zeitgenössische Komposition bzw. die Avantgarde-Musik Islands interessiert hat, und nahezu jeder mit einem auch nur groben Interesse an fantasievoller Filmmusik in diesem Jahrzehnt wird einmal mit dem Schaffen von Jóhann Jóhannsson konfrontiert worden sein. Und es ist mit einiger Sicherheit anzunehmen, dass man davon berührt wurde. Denn wenn Jóhannsson eines konnte, dann war es, seine Hörer zu berühren, sei es in Form seiner bewegenden »Solo-Alben« (»FORDLANDIA« war unsere »CD des Monats« im November 2008) oder in den letzten Jahren auch als Filmkomponist in Hollywood (»CD des Monats« Oktober 2015: die eindringliche, radikale »SICARIO«-Musik).

Dabei blieb Jóhannsson auch als gefeierter Hollywood-Komponist der Kunst verpflichtet (seine Musik für Darren Aronofskys »mother!« wurde im Prozess der künstlerischen Wahrheitsfindung komplett aus dem Film herausgenommen) und produzierte weiterhin ganz persönliche Alben wie »ORPHEE« oder »END OF SUMMER«. Nun wurde er am 9. Februar tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden. Über die Todesursache wurde bislang nichts bekannt, aber er wurde nur 48 Jahre alt; und von einer schweren Krankheit war nicht die Rede.

Zuvor stellte Jóhannsson die Neuveröffentlichung seines 2002er Debütalbums »ENGLABÖRN« fertig, eine 2001 geschriebene und aufgenommene Suite für Streichquartett, Perkussion und verschiedene von ihm selbst gespielte und verfremdete Instrumente, inklusive einer Computer-Singstimme, wie sie später auch in dem oft als seinem Meisterwerk bezeichneten »IBM 1401, A USER'S MANUAL« auftauchte. Zwar basierte das »ENGLABÖRN«-Album auf der Musik, die der damals anfang-dreißigjährige Isländer für eine Theaterinszenierung seines Landsmanns Hávar Sigurjónsson geschrieben hatte, doch legte die 48-minütige CD beim Avantgarde-Label Touch den Grundstein für eine ungeahnte Karriere, die viele hervorragende Werke für unterschiedliche Besetzungen und künstlerische Projekte zur Folge hatte, bis hin zur kongenialen Zusammenarbeit mit dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve (»Prisoners«, »Sicario«, »Arrival« und die nicht veröffentlichte Kollaboration zu »Blade Runner 2049«).

»ENGLABÖRN« besticht auch heute noch durch eine zeitlose Poesie und zarte Melancholie, und da Jóhannsson diese Wiederveröffentlichung im letzten Jahr selbst verantwortete und viel von sich auch in die »Reworks« und »Variations« einbrachte, kommt man um das Gefühl nicht herum, er könnte dieses Projekt bewusst als Abschiedswerk konzipiert haben. Denn nun ist sein erstes Album zugleich auch sein letztes. Und die persönliche Natur dieser Kompositionen wird uns umso präsenter vor Augen geführt. Die Traurigkeit der Originalsuite wird in den elf Neuinterpretationen noch einmal gesteigert, oft ins bedrückend Düstere, u.a. von Hildur Guðnadóttir, Alex Somers, Viktor Orri Árnason, A Winged Victory for the Sullen oder Ryuichi Sakamoto. In zwei Stücken hat Jóhannsson mit Francesco Donadello das alte Material neuer Bearbeitung in Form mechanischer Magnetband-Verfremdung unterzogen, zwei arrangierte Jóhannsson komplett neu für das Vokalensemble Theatre of Voices, ein weiteres für den Pianisten Víkingur Ólafsson.

Und alle sind stark, oft ganz anders als die häufig leisen, zarten Originale, doch nicht weniger gelungen; einfach andere Blickwinkel. Ohne zu viel hineinlesen zu wollen: »ENGLABÖRN & VARIATIONS« hat den Charakter eines Requiems und berührt ungemein in der Gegenüberstellung der Lesarten von 2001 und 2017. (ijb)