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Lange Rezensionen 11 - 20 von 150 im Genre »Klassik« und Land »Norwegen« (insgesamt 152)

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Martin Rane Bauck:
Martin Rane Bauck: Through a network of illuminated streets
( 2019, LAWO Classics /New Arts International LWC1171 )

Das Werk eines bislang (weitgehend) unbekannten Komponisten zu entdecken und zu erkunden, ist nicht selten eine reizvolle Sache. So besteht auch für Produzenten und Plattenlabels die herausfordernde Aufgabe, eine sinnvolle und angemessene Präsentation zu finden, gerade auch, wenn dem Nachwuchstalent eine ganze CD gewidmet wird. Das Osloer Label LAWO Classics machte sich in den etwa 12 Jahren seines Bestehens sowohl um spannende Interpretationen bereits etablierter Komponisten aus den Händen zeitgenössischer norwegischer Künstler/innen und Ensembles verdient als auch um das Vorstellen neuer Stimmen. Für dieses Debütalbum des 1988 geborenen Osloer Komponisten Martin Rane Bauck wurden im November 2017 in der Sofienberg-Kirche fünf Werke unterschiedlichen Umfangs und vielfältiger Besetzungsgrößen eingespielt.

Die Eröffnung scheint mutig – mit einem fast konfrontativen Understatement: Bei dem 2014 komponierten »fretted with golden fire« [Kleinschreibung dient in der zeitgenössischen Musik seit ein paar Jahren als untrüglicher Hinweis auf großes Hipster-Bewusstsein, wie auch unzählige Ensemblenamen in Kleinbuchstaben belegen] handelt es sich nämlich um ein simples, ja schmuckloses Solo für Gitarre (Ole Martin Huser-Olsen) in drei Sätzen, das man ohne Vorkenntnisse von Baucks reduzierter Klangwelt leicht als ambitionslos hingeworfene Improvisation missverstehen könnte, was daher fast verhindert, dass man die CD überhaupt weiterhört. Allerdings wird man bald erkennen, dass Baucks andere Werke in ihrem spröden Minimalismus teilweise deutlich weiter gehen. Gleich das folgende Duo »sfumato« (italienisch für »verschwommen«) liebt die Stille nämlich sogar noch mehr, die Musikerinnen des Ensemble neoN sind mit derartiger Reduktion freilich bestens vertraut und wissen, wie die karge Konzeption aus Nichtgesagtem spannungsreich dargeboten werden kann, nein: muss. Violinistin Vilde Sandve Alnæs spielt Derartiges schließlich etwa meisterlich im Improv-Duo Vilde&Inga, so dass sie sich hier im stillen Duett mit der Cellistin Inga Grytås Byrkjeland quasi zu Hause fühlen dürfte. Die Beiden sind die einzigen, die in mehreren (drei) der fünf Werke dieses Programms mitwirken. Schön ist dann auch, wie »wie tau von dem frühgras« (der Titel ist ein Rilke-Zitat) sich unterbrechungslos anschließt, es steigen einfach Flöte, Klarinette, Perkussion, Klavier und Viola ein, die radikale Konzentration aufs Wesentliche bleibt, wenngleich mit vergrößerter Dynamik.

Einen sehr sprechenden Titel gab Bauck auch »kopenhagener stille«, einer 17-minütigen Komposition für Klarinette solo. Es spielt die kanadische Musikerin Heather Roche, die nach einem Studium im englischen Huddersfield lange Zeit in Köln lebte, mittlerweile in London eine Heimat fand, in den letzten Jahren großes Engagement in der Neuen Musik an den Tag gelegt und eine in diesem experimentellen Bereich ungewöhnlich große Internet-Bekanntheit erreicht hat. Der Titel verweist auf Baucks Studienjahre in Kopenhagen, während der er Roche kennenlernte, die zu jener Zeit für eine Residenz in der Stadt weilte, dem dänischen Pendant des deutschen DAAD-Aufenthalts in Berlin, und ein Solostück bei ihm anfragte. Man sollte sich seinen Essay im Beiheft zu Gemüte führen, um diesem ambitionierten und trotz Sperrigkeit und Monotonie sehr faszinierenden Werk nahe zu kommen. Neben Kopenhagen war einer der Bezugspunkte hier die monotone Autofahrt durchs futuristische Tokio in Tarkowskijs Film »Solaris«.

Die CD schließt mit dem 14-minütigen »Misantropi IV« für Sopran, Theorbe, Cello und Violine, der jüngsten Komposition der fünf. Auch sie scheint unmittelbar aus der vorhergehenden hervorzugehen, setzt aber dann teils überraschend raue und schneidende Klänge ein. Mit dieser Zusammenstellung präsentieren uns LAWO Classics und das Ensemble neoN mit Martin Rane Bauck eine durch und durch eigenwillige junge Stimme der norwegischen Neuen Musik. Seine Musik ist das extreme Gegenteil von anbiedernd, aber eben darum umso wertvoller. Denn die große Klarheit, die sehr leise Poesie und auch der Mut in Baucks Stücken verleihen diesem zeitgemäßen Werk eben jene Qualitäten, die Kunst heute und zukünftig benötigen. (ijb)



Siehe auch:
Ensemble neoN
Jan Martin Smørdal & Ensemble neoN

Susanna and Ensemble neoN

Vilde&Inga


Martin Rane Bauck: Martin Rane Bauck: Through a network of illuminated streets

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Flint Juventino Beppe aka Fred Jonny Berg:
Flint Juventino Beppe: Remote Galaxy
( 2013, 2L /Musikkoperatørene 2L-100-PABD / -LP )

2L und der Exzentriker Flint Juventino Beppe passen als kongeniale Partner perfekt zusammen. Sowohl Label als auch Komponist machen ihr gänzlich eigenes, hochambitioniertes Ding in technisch und klanglich außergewöhnlicher Klasse. So erscheint das zweite FJB-2L-Album nun erst gar nicht mehr als schnöde SACD, sondern nur noch als Blu-ray, allerdings diesmal nicht nur in 5.1 und 7.1 DTS, sondern auch gleich im zehnkanaligen 9.1 »Auro-3D«, das eine echt Rundumerfahrung für die absolut spekakuläre Musik ermöglicht. Und wem das alles zu viel und zu kompliziert ist, dem empfiehlt sich dieses zweite Porträtalbum des vormals noch unter dem Namen Fred Jonny Berg erschienen Künstlers diesmal zudem als 2-Vinyl-Set, das selbstredend mit dem gleichen Präzisions- und Qualitätsbewusstsein produziert wurde: Ja, besser und präsenter können LPs nicht klingen.

Zum Multikanal-Spektakel passt indes, dass die Werkzusammenstellung vom Themenkomplex Reisen durch Raum und Zeit sowie Distanz zusammengehalten wird, alles kraft- und effektvoll und dramatisch. Das titelgebende, knapp zwanzig Minuten lange »Remote Galaxy« legt die Messlatte sofort sehr hoch: ein mysteriöses, anachronistisches »Tone Poem« in der Tradition von Sibelius oder Holst mit märchen- und geisterhaften Zügen und unkonventionellen Auftritten von Glasharmonika und Viola da Gamba. Ähnlich mysteriös und aus der Zeit gefallen, aber weitaus leichter geht es weiter mit dem 16-minütigen »Distant Worlds«, einer Art Klarinettenkonzert in zwei Sätzen. John Williams meets Jazz, frisch und heiter, voller dramatischer Wendungen.

Hier zeigt sich auch, dass FJB die Titel (»Healed by the Wind«) wirklich vollkommen ernst meint; da gibt es keine ironische Brechung; die Musik passt wie die Faust aufs Auge zu den Überschriften. So heißen die Sätze des zweiten Flötenkonzerts »Alarm« (donnerndes Orchesterstück) oder »Deepest Woods« (verträumte Naturmystik). Dieses zweite gibt sich quasi als der dunkle Schatten des noch eher ätherischen ersten Flötenkonzerts, und überhaupt ist das ganze Programm kontrastreicher und düsterer als »Flute Mystery«. Etwa »Escaping Time Power«, der dritte Satz des Flötenkonzerts, könnte mit dem brutalen Orgel- und Schlagwerkdonner fast zum Soundtrack von »Interstellar« passen. Diese Direktheit macht es manch einem sicher schwer, die durchgehend kompromisslose Expresstour durch die klassische Orchestergeschichte von Wagner und Bruckner über Mahler und Schostakowitsch bis zu Sallinen ins Herz zu schließen. (ijb)



Siehe auch:
Camille Norment
Jean Sibelius

Aulis Sallinen


Flint Juventino Beppe aka Fred Jonny Berg: Flint Juventino Beppe: Remote Galaxy

Offizielle Website

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Flint Juventino Beppe aka Fred Jonny Berg:
Fred Jonny Berg: Flute Mystery
( SACD, 2009, 2L 2L58SABD (2 Discs) )

Heute nennt sich der Komponist Flint Juventino Beppe, 2009 auf dieser Referenzeinspielung fünf seiner Orchesterwerke hieß er noch Fred Jonny Berg, ebenfalls kein typisch norwegischer Name. Die Werke des 1973 Geborenen schwelgen mit Vorliebe in romantischen Gesten, wie schon der Titel »Flöten-Mysterium« andeutet. Ob die Nordlichter auf dem Cover da nicht zu viel des Guten sind, lassen wir mal als Frage im Raum stehen.

Da immerhin kein geringerer als Vladimir Ashkenazy die beiden »großen« Werke, zwei im Umfang ähnliche Konzerte für Flöte und Orchester (wobei nur das zweite programmatisch diese Bezeichnung als Titel trägt, wohl weil in »Flute Mystery« die Harfe als Partnerin der Flöte auftritt) als Dirigent verantwortete, liegt der Fokus dieser Veröffentlichung vorrangig auf diesen Säulen des einstündigen Programms. Das »Flötenkonzert Nr.1« schrieb Berg 2007 für Emily Beynon und Ashkenazy – und es allein lohnt die Anschaffung dieser ersten Werkschau. Trotz der schon von den Satzbezeichnungen »Memento« oder »Obituary« angedeuteten intensiven Melancholie fasziniert an dem Werk die oftmals leise Introspektion (»Reminiscence«) und eine hingebungsvolle Verträumtheit.

Konterkariert werden die beiden Flötenkonzerte durch drei kontrastreiche Tondichtungen für Orchester, die den Einfluss der großen Skandinavier Grieg und vor allem Sibelius nicht verschweigen können (und wollen). Fred Jonny Bergs kompositorische Sprache – zumindest was die hier vertretenen Werke betrifft – ist fern von modernistischen oder neutönenden Stilmitteln und liegt ganz auf emotionaler Eingängigkeit. Im mal sprunghaft leichten, mal von militärischem Rhythmus aufgepeitschten »Warning Zero« spielt er gar mit dieser Erwartungshaltung. Die volle Orchesterkraft schöpft er gerne aus, sei es in genüsslicher Opulenz, verspielten Figuren oder vorantreibendem Drama. Nur kein Stillstand! Keine Frage, mit solcher Orchesterschau kommt der (Grammy-nominierte) Surround-Klang von 2L ganz zu sich. (ijb)

Flint Juventino Beppe aka Fred Jonny Berg: Fred Jonny Berg: Flute Mystery

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Sigurd Berge:
Sigurd Berge: Early Electronic Music
( 2010, Prisma Records /Musikkoperatørene 708 / 7041881237089 )

Prisma Records wurde von Lasse Marhaug und Lars Mørch Finborud, beim renommierten Henie Onstad Kunstsenter (HOK) für die experimentelle Musik zuständig, ins Leben gerufen, vorrangig um in den HOK-Archiven auftauchende Schätze und Seltenheiten zu veröffentlichen. Die vorliegende CD mit frühen elektronischen Werken des norwegischen experimentellen Komponisten Sigurd Berge (1929–2002) ist dafür ein exemplarischer Fall: Hier wird eine Auswahl von Berges frühesten Experimenten mit Tape Machines und Synthesizern einem interessierten (Fach-)Publikum zugänglich gemacht.

Drei Bänder wurden 2009 in den HOK-Musikarchiven gefunden, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus den späten Sechziger Jahren, aus Berges Zeit am Norwegischen Studio für Elektronische Musik stammen. Darauf fanden sich drei bislang unveröffentlichte und zwei bereits bekannte Stücke sowie das Musique-Concrète-Werk »Delta«, das Berge auch 1970 in einer Zusammenarbeit mit dem Avantgardetrio von Svein Finnerud verwendete.

Berge promovierte 1952 an der Musikhochschule in Oslo. Er studierte moderne elektronische Musik in Kopenhagen und Utrecht und schrieb mehrere Bücher über kreative Nutzung von Musik. Sein Schaffen beschränkte sich nicht auf abstrakte elektronische Experimente, doch hier hören wir ausschließlich das: einiges Geblubber und geisterhafte uralt-elektronische Soundspielereien, plus einen halbstündigen Auszug aus einer Anfang 1970 angeblich wegweisenden multimedialen Installation. Wer Arne Nordheims Solo-Elektronik-Werke aus der Zeit schätzt, wird über diese Sammlung hocherfreut, zumindest aber davon fasziniert sein. Von einzelnen Höhepunkten abgesehen passiert jedoch zu wenig Ergreifendes, um mehr als ein fach(simpel)spezifisches Publikum anzusprechen. Interessant, aber auch ganz schön alt, das! (ijb)



Siehe auch:
Arne Nordheim
Lasse Marhaug

Stian Skagen

Sigurd Berge: Horntrio


Sigurd Berge: Sigurd Berge: Early Electronic Music

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Bergen Philharmonic Orchestra Andrew Litton:
Prokofiev: Symphonies Nos 4 [1947] & 7
( SACD, 2016, BIS 2134 )

Nur ein Jahr nach dem vorigen Prokofiev-Album setzt BIS die Werkreihe mit zwei weiteren Sinfonien des Russen in der Interpretation der Bergener Philharmoniker mit Andrew Litton fort. Wenn nun noch die ersten drei folgen, werden sie alle Sinfonien in (vermutlich) exzellenten »nordischen« Interpretationen veröffentlicht haben – neben einer Reihe weiterer Orchesterwerke. Das Besondere an dieser fünften Prokofiev-CD ist der Fokus auf die »zweite« Vierte Sinfonie sowie, dass hier der vierte Satz der Siebten in einer zweiten Version mit alternativem Schluss vorliegt. Über letzteres kann man streiten, denn der schöne Gesamtfluss des Albums wird durch die angehängte zusätzliche »Vivace« (15 Sekunden länger als die integrierte Ausführung) und mit eher musikhistorischem Gestus etwas aufgeweicht. Da die Super-Audio-CD somit ganz 82 Minuten lang ist, bekommt man so andererseits ein überaus reichhaltiges Prokofiev-Bergen-Paket.

Dessen ungeachtet lassen sich für diese Einspielung weitestgehend dieselben Qualitäten ins Feld führen wie für die vorhergehende – mit dem Unterschied wohl, dass speziell die Sinfonie Nr. 7 weniger »Allgemeingut« und nicht ansatzweise so politisch aufgeladen rezipiert wird wie Nr. 5. Prokofievs letztes großes Werk ist pure Musik. Der Anfang-Sechzigjährige war bereits am Ende seines Lebens, nicht mehr bei bester Gesundheit, und mit dem Tod im Blick schaute er zugleich (zurück) in die Kindheit und strebte nach einer Musik großer Einfachheit. Wer dieses persönliche Spätwerk im Schatten der bekannteren Sinfonien bislang eher links liegen gelassen hat, kann es mit dieser Interpretation ganz wunderbar in seiner vielsagenden Komplexität und subtilen Lebensweisheit entdecken. Der doppelt vorhandene vierte Satz liegt darin begründet, dass sich Prokofiev nach der Erstaufführung überreden ließ, das Ende in optimistischerer Form neuzugestalten. Dem interessierten Hörer bietet sich daher die Chance, durch Programmierung des CD-Spielers beide Versionen in ihrer unterschiedlichen Wirkung für sich zu erleben.

Die Vierte existiert in zwei komplett unterschiedlichen Fassungen; hier ist die nach knapp zwanzig Jahren von Grund auf überarbeitete und mit neuer Opuszahl versehene Version von 1947 (also nach Entstehung der Sechsten) zu erleben, die der früheren an Komplexität und Ambition überlegen ist. Auch hier punktet die SACD mit dem lebendigen Dirigat durch ein warmes, lebendiges Klangbild. Vor allem die kraftvollen, leidenschaftlichen Passagen scheinen ganz auf Littons Wellenlänge zu liegen. (ijb)

 Bergen Philharmonic Orchestra: Prokofiev: Symphonies Nos 4 [1947] & 7

Offizielle Website

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Bergen Philharmonic Orchestra Andrew Litton:
Prokofiev: Symphony No.5 · Scythian Suite
( SACD, 2015, BIS /Klassik Center Kassel BIS-2124 | SACD )

Auf Andrew Littons Einspielung von Prokofievs Sechster Sinfonie mit dem Bergen Philharmonic Orchestra folgt die SACD mit der Fünften, aufgenommen in der klanglich nicht ganz einfach zu dokumentierenden Grieghalle. Bei der Fünften denkt man an sowjetischen Durchhalte-Patriotismus zum Ende des Zweiten Weltkriegs (1944), kein Wunder war Prokofiev bis zu seinem Tod wenige Jahre später der Staatskomponist der Russen. Der Amerikaner Andrew Litton gibt diesem Ansatz wenig Futter und dirigiert das Werk schön und ausgewogen entgegen den Absichten des Komponisten; was freilich verzeihlich ist, schließlich leben wir in anderen Zeiten, und an Kriegspropaganda mangelt es sicher nicht.

Also bekommen wir Opus 100 in eleganter, ausbalancierter Frische und Herzlichkeit – wie es heutzutage vom Publikum gerne gehört wird. Litton, der vor kurzem nach 12 Jahren die Leitung des Orchesters an den Engländer Edward Gardner weitergab, führt »seine« Bergener somit versiert zu einer breiten Zuhörerschaft. Seine Fünfte ist rund und klar, ohne Dynamik vermissen zu lassen. Die hervorragende Aufnahmequalität und das SACD-Mastering bringen dies vorbildlich zum Ausdruck, weshalb diese Einspielung auch für Kenner und Liebhaber russischer Sinfonik einen Kauf wert und eine Bereicherung jeder Prokofiev-Sammlung ist, auch wenn etwas mehr Kanten wohl eher im Sinne jener und des Komponisten wären. Besonders zum Ende hin spielt das Orchester mit solcher Energie, dass man selbst zu Hause im Wohnzimmer nach dem letzten Takt aufspringen und applaudieren möchte.

Auch der folgenden, 30 Jahre älteren, 1915 während des Ersten Weltkriegs entstandenen »Skythischen Suite«, einem Extrakt aus der wenig begeistert aufgenommenen Suite aus dem Ballett in vier Szenen »Ala und Lolli«, mangelt es wahrlich nicht an Feuer. Kraftvoll und eindringlich nutzen Litton und die Bergener Philharmoniker jeden Höhepunkt für geradezu fiebrige zwanzig Minuten. (ijb)



Siehe auch:
Bergen Philharmonic Orchestra spielt Grieg
Leif Segerstam


 Bergen Philharmonic Orchestra: Prokofiev: Symphony No.5 · Scythian Suite

Video-Link Offizielle Website

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Anne-Lise Berntsen:
Kom Regn
( 2003, Kirkelig Kulturverksted FXCD 266 )

Regen kann schön sein, aber Sonne... Doch fangen wir lieber vorn an: Anne-Lise Berntsens Sopran ist glockenrein, und die Klosterorgel im süddeutschen Maihingen besitzt Dutzende Register mit warmen, satten Klängen – eigentlich zwei wunderbare Voraussetzungen für eine gelungene Einspielung von alter norwegischer Musik. Doch die »frei improvisierten Interpretationen« von mittelalterlichen norwegischen Kirchenpsalmen der beiden sind passagenweise schlicht nervtötend.

Monoton tupft Nils Henrik Asheim die immergleichen Intervalle in seinen Spieltisch, Berntsen folgt ihm in Höhen und Tiefen, aber in der Gesamtwirkung überwiegt trotz Erik Hillestads Produktion das Fragmentarische. Da hilft auch kaum das stimmungsvolle Booklet, der exquisite Klang und die hochinteressante Geschichte dieser Orgel: Napoleon versiegelte sie, weil die Kirche zuviel Macht hatte. und dieses Siegel blieb für zwei Jahrhunderte bestehen. Statt des titelgebenden Psalms »Kom Regen aus den Höhen« wünschen wir uns jedenfalls sehnsüchtig... Sonne! (mls)



Siehe auch:
Nils Henrik Asheim & Ensemble Allegria
Nils Henrik Asheim mit Maja S. K. Ratkje

Lasse Marhaug & Nils Henrik Asheim


Anne-Lise Berntsen: Kom Regn

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Anne-Lise Berntsen:
Ludo
( 1997, Kirkelig Kulturverksted FXCD 192 )

»LUDO« (aus dem Lateinischen: »Ich spiele«) suggeriert, dass hier musikalische »Spielwiesen« betreten werden. Was konzeptionell insgesamt sehr gut gedacht ist, gelingt auf dieser CD jedoch leider nur phasenweise. Der Beginn, »Pro Logo« überschrieben, geriet zweifelsohne grandios. Nach einer kurzen Klaviereinleitung wird der Hörer sodann schwungvoll ins Mittelalter katapultiert; es ertönen Klänge, die an Spielmannszüge à la »Rattenfänger von Hameln« erinnern. Dann wechselt die Stimmung: Die Sängerin Anne-Lise Berntsen tritt mit italienisch einleitenden Worten in Erscheinung. Der erfrischende Beginn verliert sich nun zusehends in langatmigen, spitzen Gesangseinlagen und penetranten Klavierfigurationen.

Man hätte sich bei »LUDO« dem Titel gemäß mehr spielerische Leichtigkeit gewünscht. Die Musik wirkt in den Arrangements von Helge Iberg sehr oft statisch, angestrengt und ausgesprochen düster, z. B. bei »An Even Whiter Shade of Pale« oder Glucks »Divintés du Styx«. Auch die Einleitungen der Bearbeitungen von Opern-Arien – z. B. Händels »Lascia ch io pianga« oder Puccinis »O mio babbino caro« – erscheinen willkürlich und reichen an die Originale nicht heran. So bleibt letztlich bei diesem Crossover-Projekt ein etwas fahler Beigeschmack zurück. Schade: gute Ideen, unglückliche Umsetzung. (ano)

Anne-Lise Berntsen: Ludo

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Ketil Bjørnstad:
Ketil Bjørnstad & Erik Hillestad (Text): Messe For En Såret Jord
( 1992, Kirkelig Kulturverksted FXCD 112 )

Mit der »Messe For En Saret Jord« knüpft Erik Hillestad (diesmal mit Ketil Bjørnstad als Partner) quasi nahtlos an sein (Vorgänger-) Album »A Mass For People On The Move« an. Als Thema wählte das Gespann das ökologisch-religiöse Thema vom Konflikt zwischen Mensch und Natur. Melancholische, hymnisch-eingängige Melodien (mal von Solo-Streichinstrumenten, mal von Solo-Stimmen eindrucksvoll in Szene gesetzt) wechseln wie gewohnt mit ausgezeichnet arrangierten, mitunter dynamischen Passagen ab.

Der gelungene Gesamteindruck ist nicht zuletzt auch ein Verdienst des stimmgewaltigen Oslo Kammerkor. Als herausragend erweist sich etwa das hochdynamische »Gloria«, das als gelungene Symbiose zwischen angenehm aufgepeppten Pop-Klängen und geistlichem Chorgesang changiert. »Befreiende« Kirchenmusik jenseits der bloßen Trivialität findet man leider nur allzu selten. Texter Hillestad und Komponist Bjørnstad beweisen, dass es dennoch möglich ist. (ano)



Siehe auch:
Jazz- & Pop-CDs von Ketil Bjørnstad
Krüger & Hillestad

Oslo Kammerkor

Kirkelig Kulturverksted



Zum Artikel über Ketil Bjørnstad

Ketil Bjørnstad: Ketil Bjørnstad & Erik Hillestad (Text): Messe For En Såret Jord

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Ketil Bjørnstad:
Ketil Bjørnstad: A passion for John Donne
( 2014, ECM /Universal ECM2394 602537959853 )

Direkt im Anschluss an seine fantasievolle Kantate »Sunrise« nach Texten von Edvard Munch schrieb Ketil Bjørnstad ein weiteres Chorwerk gleichen Umfangs, diesmal für das Internationale Kirchenmusikfestival im März 2012 und den Oslo Kammerkor, der einige Tage später, nur ein paar Straßen weiter im Rainbow Studio »Sunrise« zur CD-Veröffentlichung aufnahm. In der Sofienberg-Kirche jedoch, ebenfalls von Jan Erik Kongshaug bei der Uraufführung erstklassig aufgezeichnet, sang der Kammerchor unter Håkon Daniel Nystedts Leitung eine »Passion« nach Texten des (laut Wikipedia) bedeutendsten metaphysischen Dichters John Donne, der 1572 bis 1631 in London lebte und Predigten, religiöse Gedichte, Elegien, Lieder und Sonette verfasste.

Donne und Bjørnstad und ECM passen freilich bruchlos zusammen, sind quasi geistesverwandt: »Auch nach über zwanzig Jahren der Arbeit mit Texten von John Donne finde ich immer noch neue Zugänge zum Verständnis seiner Schriften, und ich finde darin überall Musik. Sie steckt in der Sprache, im Rhythmus, in der Stille zwischen den Sätzen – eine leidenschaftliche Suche nach Sinn und Versöhnung.« Für die Verse des Briten fand der Norweger bereits musikalische Umsetzung in Form von drei Liedalben, »The Shadow« (1990), »Grace« (1999) und »The Light« (2008). Mit »A PASSION FOR JOHN DONNE« nahm er Donnes Texte nun erstmals zur Grundlage eines großen Chorwerks, begleitet von Håkon Kornstads Saxofon und Flöte, was punktuell – und nicht ganz überraschend – ein ein wenig Jan Garbareks ätherisch-neoklassisches Oeuvre in Erinnerung ruft. Der Komponist selbst sitzt am Flügel, und Birger Mistereggen steuert zarte Percussion bei. Der besondere Auftritt indes: Dies ist nicht nur Håkon Kornstads (erstaunlich spätes) ECM-Debüt, sondern auch sein Debüt als Tenor, nach drei Jahren Opernstudiums an der staatlichen Kunsthochschule in Oslo.

Zwölf Chorlieder und drei Zwischenspiele bilden ein abendfüllendes Opus, das den metaphysischen Dimensionen auch ohne bewusstes Folgen der Texte gerecht wird. Komponist, Texter und vor allem auch die durchweg sensiblen Interpreten lassen »A PASSION FOR JOHN DONNE« zu einem eindringlichen Genuss werden, einem thematisch angemessen sphärisch-feinnervigen Werk und womöglich mehr noch als »Sunrise« ein Triumph schnörkelloser, zugleich zu Herzen gehender Eleganz. (ijb)



Siehe auch:
Håkon Kornstad
Oslo Kammerkor

Birger Mistereggen / Trio Mediæval

Jan Garbarek



Zum Artikel über Ketil Bjørnstad

Ketil Bjørnstad: Ketil Bjørnstad: A passion for John Donne

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