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Lange Rezensionen 21 - 40 von 106 im Genre »Klassik« und Land »Schweden« (insgesamt 106)

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Bengt Forsberg:
Bengt Forsberg: Solitaires 2
( 2005, Acoustica Grammofon ACCD-1016 )

Man kennt Bengt Forsberg vor allem als Klavierbegleiter an der Seite der Sängerin Anne Sofie von Otter – in dieser Funktion kann er eine Reihe internationaler Platten-Preise vorzeigen. Dass er auch solistisch überzeugt und zudem ein leidenschaftlicher Archivgräber in seinem Heimatland Schweden ist, beweist er mit dieser zweiten »Solitaires«-CD mit Werken eher unbekannter schwedischer Komponisten.

Dabei ist hier wunderbare Musik versammelt, die pointierten »Zehn Miniaturen« von Sigurd von Koch etwa, Lille Bror Söderlundhs melancholisch-impressionistisches »Soave«, oder auch Adolf Wiklunds schwelgerische drei Intermezzi. Gekonnt und virtuos wechselt Forsberg zwischen einem träumerisch-perlenden Stil, der vor allem an Debussy denken lässt, und zupackender Klangwucht wie aus der deutschen Romantik – auch wenn ihm in der Abstufungen der zarten Farben eindeutig die spannenderen, vielseitigeren Schattierungen gelingen. Allzu hart gerät ihm das eine oder andere wüst romantisierende Finale, ein wenig zu kühl die modernistischen Töne von Gösta Nystroems »Regret«. Trotzdem: Das für solche Aufnahmen oft bemühte Etikett »Vergessene Perlen der Literatur« trifft für diese Platte tatsächlich zu. (sep)

Bengt Forsberg: Bengt Forsberg: Solitaires 2

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Martin Fröst:
Mozart: Klarinettenkonzert, Kegelstatt-Trio
( SACD, 2013, BIS /Klassik Center Kassel BIS-1893-SACD )

Ganz einfach »Mozart« nennt Martin Fröst seine neue CD, die bald zwanzigste des Klarinetten-Weltstars. Nachdem beim selben Label vor zehn Jahren bereits eine viel gepriesene Aufnahme des beliebten Klarinettenkonzerts in A-Dur erschien, dürfte die Frage nach der Notwendigkeit einer zweiten Einspielung mit anderem Ensemble nicht wenigen Klassikfreunden in den Sinn kommen. Hier tritt Fröst zugleich in dirigierender Funktion der Deutschen Kammerphilharmonie in Erscheinung, und er kombiniert das Konzert diesmal nicht mit dem (üblichen) Klarinettenquintett, sondern mit dem seltener gespielten »Kegelstatt«-Trio.

Mittlerweile ist Fröst älter, als Mozart wurde – das Klarinettenkonzert entstand in den letzten Lebensmonaten des Komponisten – und vermutlich gab dies dem Schweden den entscheidenden Anstoß für die Neueinspielung. Sicher hat er das Werk mittlerweile hundertfach in Konzerten gespielt und wollte eine gereifte Interpretation festhalten. Was daher jedoch ein wenig verwundert, ist, dass die Darbietung recht schöngeistig und distanziert bleibt: sauber, makellos, gekonnt – aber auch überraschungsarm und letztlich, bei aller Virtuosität, etwas unnahbar. Bemerkenswert ist gleichwohl, dass Fröst die Aufnahme mit einer modernen Rekonstruktion einer Bassettklarinette einspielte, ganz im Sinne Mozarts, der dies eigentlich für den Widmungsträger Anton Stadler vorgesehen hatte, doch gilt das Originalmanuskript der Bassetthornfassung bis heute als verschollen.

Der hörenswerteste Teil der CD ist das mit dem französischen Bratscher Antoine Tamestit und dem Norweger Leif Ove Andsnes am Piano eingespielte »Kegelstatt«-Trio aus dem Jahr 1786. In dieser intimen Besetzung läuft Martin Fröst mit ebenso warm fließendem wie kantenreichem Ton zur Bestform auf und vermittelt die haargenau treffende Intensität zwischen der verspielten Leichtigkeit und der darunter liegenden Melancholie, die Mozarts beste Momente so bewegend macht. Als unterhaltsame Zugabe gibt es dann noch das »Allegro« aus dem unvollendet gebliebenen Quintett in b-Dur mit vier Streichern, von Robert Levin zur vorführbaren Partitur vollendet. Mit Stars wie Janine Jansen und Maxim Rysanov schließt die 54 Minuten lange CD mit einer heiter-abrundenden Note. (ijb)

Martin Fröst: Mozart: Klarinettenkonzert, Kegelstatt-Trio

Offizielle Website

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Martin Fröst:
Roots
( 2015, Sony Music 88875065292 )

»Die Gegenwart bei ihren Wurzeln packen« möchte der Starklarinettist auf seinem neuen Album. Seinem bisherigen schwedischen Stammlabel BIS wurde Martin Fröst jüngst mit einem Exklusivvertrag bei Sony Classical abgeworben, und so liegt hiermit die erste CD dieser Zusammenarbeit vor. So zielt »ROOTS«, anders als Frösts bisherige neun Alben, darauf ab, ein wahrhaft breites Spektrum seines interpretatorischen Schaffens darzulegen. In Form einer langen, sehr abwechslungsreichen, häufig attacca geführten Suite aus mehr als 20 Stücken unterschiedlicher Herkunft, Epochen und Stile, beginnend mit altgriechischen Melodien aus dem zweiten Jahrhundert über Hildegard von Bingen (12. Jh.) und undatierte skandinavische Volkslieder bis hin zu einigen Stücken aus dem 20. Jahrhundert und Göran Frösts »Klezmer Dance No.2« geht die ambitionierte Reise.

Thema ist also eine Reise zu den Ursprüngen unserer (mehr oder weniger) populären Musik über volksmusikalische Einflüsse, wie sie bekanntlich bereits von Komponisten wie Crusell, Brahms, Bartók und Piazzolla angeeignet wurden. Der 45-jährige Klarinettist tritt jedoch nicht vorrangig alleine auf, sondern mit einer Vielzahl von (Gast-)Musikern, mal begleitet vom Adolf-Fredriks-Mädchenchor mal vom Royal Stockholm Philharmonic Orchestra. Ein großer Teil der Werke wurde eigens für Fröst arrangiert und transkribiert, ein kleiner sind Auftragsarbeiten, etwa von Anders Hillborg und Hans Ek, der die Volkslieder arrangierte.

Das Album »ROOTS« ist also, was man gemeinhin ein Potpourri nennt, nach dem französischen Begriff für ein Eintopfgericht, was hier doch sehr passend erscheint. Dies soll den Wert der CD freilich nicht schmälern, denn es gibt wenige Platten dieser Art. Martin Fröst ist ein überaus vielseitiger und virtuoser Musiker, der das gesamte Programm geradezu spielend [sic] zum Leben erweckt und blendend zu unterhalten vermag. In diesem Sinne legt er mit seinem Sony-Debüt eine feine Pop-Scheibe vor, denn auch das Tanzbein kommt hier nicht zu kurz. Liebhaber von klassischer Musik sollten gewarnt sein, dass sie mit »ROOTS« womöglich an ihre Toleranzgrenze geführt werden. Doch kann das nicht mindestens ebenso inspirierend sein? (ijb)



Siehe auch:
Anders Hillborg
Jan Garbarek & Hilliard Ensemble


Martin Fröst: Roots

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The Gothenburg Combo:
Guitarscapes: In C | America
( 2014, Eigenverlag /Naxos ComboCD004 )

Was »SKETCHES OF THE WORLD« für Afrika, ist »GUITARSCAPES« für Amerika: In der ersten Hälfte der CD spielen die beiden Gitarrenvirtuosen ihre persönliche Interpretation von Eindrücken auf USA-Tourneen, quasi ein »sonic roadmovie«, in der zweiten Hälfte eine Hommage an Terry Rileys wegweisendes »In C« (1964), zum 50. Geburtstag des Werks und zum 80. des Komponisten.

Autobahnen spielen naturgemäß eine wesentliche Rolle in der fünfsätzigen Suite »America«, und so dürften »Highway One-Music in 3 parts« (die seltsam irritierende Schreibweise ist der Originaltitel) oder »Nebraska« eine nochmals stärkere Wirkung entfalten, wenn man die CD unterwegs durch die USA hört. Das gezupfte Spiel von David Hansson und Thomas Hansy erinnert hier nicht selten an verschiedene amerikanische Folk-Music-Traditionen des Mittleren Westens.

An Wüsten, Blues und Cajun erinnert dann auch die Interpretation von Rileys Minimal-Music-Klassiker, dessen Einflüsse selbst in »Post-Rock« und Techno zu finden waren (und wohl noch immer zu finden sind). The Gothenburg Combo spielen »In C« natürlich nicht mit 35 Instrumenten, wie vom Komponisten als »wünschenswert« angegeben, sondern als welterste Version mit akustischen Gitarren, 22 an der Zahl, mit Stahl- und Nylonsaiten. Obgleich nicht auf exakte Präzision angelegt, dürfte Riley mit der Lesart der beiden Schweden voll und ganz zufrieden sein: flirrend komplex und einfach zugleich, ambient und rhythmisch, direkt und wirr, sinnlich und intellektuell, organisch fließend und mühselig konstruiert — Hansson und Hansy gelingt ein schier nicht mehr vorstellbares Meisterstück. Dagegen verblassen (wohl selbstredend) ihre eigenen »America«-Kompositionen, doch das darf man eigentlich nicht als Kritik verstehen. Zu recht gewannen The Gothenburg Combo damit den Preis fürs beste Experimentalalbum des Jahres 2014 bei den Swedish Independent Music Awards »Manifest«. (ijb)

The Gothenburg Combo: Guitarscapes: In C | America

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The Gothenburg Combo:
Hausmusik
( 2005, Eigenverlag /Naxos ComboCD001 )

Zwei Schweden in Bayern: Wohin das führen kann, zeigt die erste CD des jungen schwedischen Gitarrenduos The Gothenburg Combo. Der Gitarrenbauer Hermann Hauser III lud Thomas Hansy und David Hansson zu sich nach Reisbach ein und stellte ihnen für die Aufnahme der CD zwei historische Instrumente zur Verfügung. Auf diesen bringt das Duo »HAUSMUSIK« aus dem Wien des 19. Jahrhunderts so frisch und unverbraucht zu Gehör, wie man es selten hört. Spielenergie, ein bisschen Improvisation, gute Ohren für Klang und Zusammenspiel, und das alles auf einer Aufnahme, die den weichen, durchaus eigenwilligen Klang der beiden Instrumente nicht glattzubügeln versucht, ebenso wenig wie Nebengeräusche und kleine Unsauberkeiten, die zum Charakter der Gitarren dazugehören.

Ein bisschen schmelzend melancholisch klingen Mertz' »Trauerlieder«, brillant strahlend und ein ironisch die skurrile Bearbeitung der Ouvertüre zum »Barbier von Sevilla« von Rossini. Das alles ist bewusst nicht bis ins musikalische Detail historisch korrekt nachgebaut, aber dafür aus der heutigen Zeit neu erforscht und gerade deshalb so lebendig. Trotz der nicht gerade breitentauglichen Besetzung ist dies eine CD, die man sich anhören sollte – und sei es, um sich wie in den guten alten Biedermeier-Zeiten eine kleine, feine Combo zur »Hausmusik« ins heimische Wohnzimmer zu holen. (sep)

The Gothenburg Combo: Hausmusik

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The Gothenburg Combo:
Seascapes – 20 000 Leagues under the Sea
( 2017, Eigenverlag /Naxos ComboCD005 )

Die beiden schwedischen Gitarristen lassen sich für jedes Album ein anderes schlagkräftiges Konzept einfallen – ohne dass es langweilig oder banal würde. Diesmal warten sie mit einer Jules-Verne-Adaption auf: In zehn Kapiteln erzählen sie die Geschichte von Kapitän Nemo 20.000 Meilen unter dem Meer, und zwar nach wie vor ausschließlich mit zwei akustischen Gitarren und sonst nichts.

Tatsächlich wirkt die Musik, die sie diesmal wieder selbst komponiert haben, wie eine unmittelbare Fortsetzung des vorigen Albums »GUITARSCAPES« (der ähnliche Titel kündigt die Verwandtschaft bereits an), welches eine eigenwillige, sehr überzeugende Interpretation von Terry Rileys »In C« war: Minimal Music auf zwölf Saiten. Ob man sich nun die Mühe macht, die Unterwasserreise des 19. Jahrhunderts aus den Kompositionen herauszuhören oder nicht, darf, auch wenn es die Musiker womöglich nicht gerne hören, getrost jedem selbst überlassen bleiben; die Musik selbst trägt vielleicht als rein abstraktes, latent trancehaftes Hörvergnügen noch viel besser. Die Atmosphäre ist homogen und dicht, souverän gespielt, wie man das von den letzten Reise-Alben des Duos gewohnt ist. So kann man hervorragend in den zehn subtil abwechslungsreichen »Meeres-Landschaften« versinken und sich davon treiben lassen. (ijb)



Siehe auch:
Kim Myhr

The Gothenburg Combo: Seascapes – 20 000 Leagues under the Sea

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The Gothenburg Combo:
Sketches of the World
( 2010, Eigenverlag /Naxos ComboCD003 )

Die beiden GothenburgCombo-Jungs nehmen den Begriff »Weltmusik« ganz wörtlich - und laden zugleich ein, ihn mal mit neuen Augen bzw. Ohren zu erleben. Im Wesentlichen besteht ihr Album »SKETCHES OF THE WORLD« aus der Suite »The Seven Continents«, die sie als Ergebnis ihrer vielen, weiten Reisen betrachten. Auch wenn sie nicht jeden persönlich bereist haben, versuchen sie sich doch an Porträts aller sieben Kontinente. Und das führt manchmal zu überraschenden Ergebnissen.

Denn Hansson und Hansy wählen den Weg persönlicher Interpretation statt stilistischer Imitation. Letzteres, also die Zusammenfassung der Musik eines ganzen Kontinents in einem Lied, wäre schließlich auch eine reichlich affige Aktion. Über die sieben Stücke entfalten die Göteborger eine abwechslungsreiche Reise durch teils faszinierende Stimmungsbilder (allein das eröffnende »Antarctica« beeindruckt gleich mit ungewohnten Gitarren-Klangmalereien), bleiben dabei aber gewohnt unterhaltsam und dynamisch, und technisch sind sie nach wie vor ohnehin unschlagbar. Allein, ihre Weltreise bleibt ein wenig zu distanziert, um wirklich begeistern zu können. Live auf der Bühne sieht das wahrscheinlich anders aus. Und die vier angehängten Stücke, darunter ein traditionelles aus China und Astor Piazzollas Gassenhauer »Milonga del Angel«, weichen das an sich reizvolle Albumkonzept unnötig auf, weil die Dramaturgie der Zusammenstellung unglücklich ins Schwanken gerät und sich die Akzente wenig nachvollziehbar verschieben. (ijb)

The Gothenburg Combo: Sketches of the World

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The Gothenburg Combo:
Soundscapes
( SACD, 2007, Northwest /Naxos NWC 611094 )

Als der amerikanische Minimal-Music-Komponist Steve Reich 2007 den schwedischen »Polar Music Prize« gewann, spielte das Gitarren-Duo Gothenburg Combo bei der Verleihung. Zwei Reich-Stücke bilden auch bei diesem Album, das »Ambient-Music« im eigentlichen Sinn sein will, das Rückgrat, ummantelt von zeitgenössischen schwedischen Kompositionen. Die sind alle wohlfühlig, asiatisch angehaucht, impressionistisch versträumt, wenn auch an Reichs wiegenden Figuren und flimmernden Effekten geschult.

Doch die berühmte »Phase« ist nunmal an kalkulierter Kälte kaum zu überbieten: das gleiche Motiv auf zwei Gitarren gespielt, von dem sich das eine, weil minimal schneller, nach und nach gegen das andere verschiebt. Das erzeugt Hör-Halluzinationen zwischen den Tönen – wie das Summen in Telegraphenleitungen, die auf dem Cover zu sehen sind. Das Duo ist perfekt, schon seit Jahren – technisch wie in der Auswahl seiner stets exquisiten Programme. Hier kommt noch die glasklare, lebensnahe SACD-Aufnahme hinzu. Für Reichs Minimalismen allein lohnt die CD schon. (sep)



Siehe auch:
Andreas Eklöf

The Gothenburg Combo: Soundscapes

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Gustav Sjökvists Kammarkör:
Minnena Ser Mig – Texte von Tomas Tranströmer
( 2007, Footprint Records FRCD027 )

Tomas Tranströmer dürfte einer der bekanntesten und einflussreichsten Dichter des 20. Jahrhunderts sein – eine schöne Idee des Kammerchores also, Vertonungen von Tranströmer-Texten auf einer CD zu versammeln. Sie stammen natürlich alle von zeitgenössischen Komponisten. Die Harmonik, so frei sie oft auch ist, bleibt jedoch meist der Tradition verhaftet, die Chorsätze sind sogar oft schwelgerisch-romantisch wie etwa bei Michael Waldenbys Vertonung von »Elegi« - seltsam, wenn man sieht, wie reduziert und verdichtet Tranströmers Sprache eigentlich ist.

Ab und an färbt das aber auch auf die Musik ab. Wenn Anna Cederberg-Orreteg mit langen Bordunen und archaisch anmutenden Akkorden arbeitet. Oder wenn bei Georg Riedel die Harmonik hier und da jazzig in die Antonalität verrutscht. Ganz aus dem Rahmen fällt Catharina Backmans »Minusgrader« - es klingt eher nach einer Klangcollage für das Radio, mit plappernder Menschenmenge, Türkpop-Einlagen vom Band, geschlagenen Wassergläsern und Geschrei, woraus sich der Chorpart mit glissandi und Klangflächen erst hervorschält.
Tranströmers Lyrik ist immer musikalisch gedacht und formuliert, und das arbeitet der Chor gut heraus: mit deutlich artikuliertem Text und einer Interpretation, die den emotionalen Gehalt der Worte immer im Blick behält, gedeckte Melancholie ebenso wie, seltener, tänzerischen Übermut. Klanglich ist der Chor perfekt ausgewogen, was die Tontechnik noch unterstützt – so soll eine Choraufnahme klingen. (sep)



Siehe auch:
Bo Holten / Hans Thomissøn
Tomas Tranströmer

Tore Johansen & Sarah Riedel / Tomas Tranströmer

Sven-David Sandström / Tomas Tranströmer: Frihetsmässa


 Gustav Sjökvists Kammarkör: Minnena Ser Mig – Texte von Tomas Tranströmer

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Johan Hammerth:
Den vilde pojkens sånger / 4 kärlekssånger
( 2008, Nosag Records NOSAG CD 154 )

Im Jahr 1800 wird in Frankreichs Wäldern ein Junge eingefangen, der wild und angeblich unter Wölfen aufgewachsen war. Die Geschichte ist bekannt, vielfach abgewandelt ist sie bearbeitet worden - unter anderem von dem schwedischen Lyriker Niklas Rådström. Er hat zwölf Gesänge aus Sicht des wilden Jungen geschrieben, seinen schmerzvollen Abschied vom Einssein mit der Natur. Diese Gesänge hat der Komponist Johan Hammerth für Bariton und Orchester vertont - in einer expressiven, modernen Tonsprache, die den Texten dennoch den Raum lässt, den sie brauchen.

Das Orchester ist zumeist ein flimmernder, brausender Urzustand, eine wirre Wildnis und deshalb immer eine Spur fremdartig. Der schlanke, klare Bariton von Olle Persson hingegen legt ruhige, unaufgeregte, leicht melancholische Linien darüber - konsistente Gedankenfäden, die eng an der Textvorlage entlang gestrickt sind. So und dank der stimm-zentrierten Aufnahme wird das ausufernde Werk nicht langweilig.

Ergänzt wird die Aufnahme noch durch Hammerths vier Liebesgesänge, dramatisch vorgetragen von Hannah Holgersson (Sopran). Der emotionalen Wucht würde man gern noch eine Spur von der Ruhe ihres Bariton-Kollegen beimischen - so wirken ihre Gesänge, ebenfalls nach Texten von Niklas Rådström, bisweilen eine Spur hysterisch. (sep)

Johan Hammerth: Den vilde pojkens sånger / 4 kärlekssånger

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Uno Helmersson:
Mari Samuelsen: Nordic Noir
( 2017, Decca Classics /Universal 00028948148790 )

Nach einer James-Horner-CD mit ihrem Bruder Håkon ist »NORDIC NOIR« Mari Samuelsens erstes eigenes Album, und es ist, für eine renommierte Solistin, ein überaus ungewöhnliches Projekt, mit einem spannenden, eigenen Konzept. Denn die Violinistin präsentiert bei Decca Classics keine Zusammenstellung von klassischer Virtuosenmusik aus der Feder der üblichen Herren von Rang und Namen, sondern eine geschickt ausgewählte Kombination weniger bekannter skandinavischer Komponisten der Gegenwart. Der Titel verweist auf das beliebte Krimigenre nordischer Bücher und Filme, das zwar häufig die Klischees düsterer Geschichten in zwielichtiger Atmosphäre ausbreitet, zugleich aber auch immer wieder für intensive dramatische Höhepunkte sorgt.

In diesem Geist möchte die Norwegerin die Klangwelt ihres Solodebüts verstanden wissen, in einer »filmischen Bilderwelt von dunklen Nächten«, in der Unbehagen und nordisch feuchte Wald- und Herbststimmungen vorherrschen. Ganz so simpel, wie man befürchten könnte, ist ihre Auswahl freilich nicht ausgefallen. Nach Filmmusik klingt »NORDIC NOIR« zwar dennoch, jedoch ohne Hits und vor allem wunderbar kontrastreich und zum Teil schön dramatisch. Dazu hat Mari Samuelsen mit Komponisten bekannter nordischer Dramaserien zusammengearbeitet und sie gleich auf dem Album mitwirken lassen, neben ihrem Bruder Håkon am Cello und dem wie immer famosen TrondheimSolisten- Kammerorchester. Uno Helmersson (*1977) etwa schrieb die Musik für den schwedisch-dänischen Serienhit »Die Brücke«, der Däne Frans Bak (*1958) für »Kommissarin Lund – Das Verbrechen« (»Forbrydelsen«) und die gleichermaßen nordische US-Version »The Killing«. Weitere Beiträge gibt es vom Schweden Johan Söderqvist (*1966, »So finster die Nacht«) und von Islands Minimal-Songwriter Ólafur Arnalds, der mit seiner Musik für die englische Serie »Broadchurch« begeisterte, von der hier allerdings nichts zu hören ist; stattdessen orchestrierte Viktor Orri Árnason zwei passende Stücke von Arnalds' Soloalben, »Near Light« vom Album »LIVING ROOM SONGS« und »Words of Amber« von »FOR NOW I AM WINTER«. Interessanterweise erinnern diese Arrangements extrem an das Werk eines anderen beliebten Filmkomponisten, Max Richter.

Die zwei ungewöhnlichsten und daher vielleicht besten Beiträge, die sich raffiniert in die Dramaturgie der CD einfügen, stammen indes von zwei älteren Herren: Von Estlands Arvo Pärt hören wir eine gelungene Interpretation seines kurzen Violinstücks »Darf ich...« (1995/99) und, als einzige Komposition aus Norwegen, »Vel komne med æra«, einen Satz aus Geirr Tveitts (1908-1981) auf traditioneller Hardangermusik basierender Suite »Hundrad hardingtonar op. 151«. Wenn auch die meisten anderen Kompositionen für sich nicht zwingend oder allzu memorabel sind, »NORDIC NOIR« ist in jedem Fall kein Sammelsurium von Klischeemelodien für den gemütlichen Leseabend, sondern ein klug gestaltetes Neo-Klassikalbum, mit dem Mari Samuelsen ihre künstlerische Individualität und eine reizvolle Sicht auf Musik fast aller nordischen Länder aufzeigt. (ijb)



Siehe auch:
Ólafur Arnalds
Jóhann Jóhannsson / Max Richter

TrondheimSolistene

Ketil Bjørnstad


Uno Helmersson: Mari Samuelsen: Nordic Noir

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Anders Hillborg:
Anders Hillborg: Eleven Gates · Dreaming River · King Tide · Exquisite Corpse
( SACD, 2011, BIS 1406 )

Wie führt man am besten in die Musik eines zeitgenössischen Komponisten ein, dessen Werk der Leser vermutlich nicht kennt? Die Vergleiche mit anderen mehr oder weniger großen und einflussreichen Kollegen der Musikgeschichte sind fast immer irreführend, weil dadurch falsche Erwartungen geweckt werden. Beim 1954 geborenen Schweden Anders Hillborg könnte man Elemente von John Adams, Strawinsky oder Ligeti heraushören (oder hineinhören, je nachdem), doch seine Werke sind spürbar extravaganter. Man könnte ebenso auf die Lehrer und Vorbilder seiner Stockholmer Studienzeit verweisen; Hillborg erhielt Unterricht und Impulse durch Mellnäs oder Ferneyhough. Jedoch legte er lange seinen Schwerpunkt auf elektronische und Popmusik, bevor er sich mit Nachdruck der großen Form zuwandte und seitdem für vielfältige Orchester- und Chorformen schreibt.

Für diese CD nahmen sich drei weltweit renommierte Dirigenten vier seiner Orchesterstücke an, die allesamt ums Jahr 2000 herum entstanden und jeweils zwischen 13 und 20 Minuten lang sind. Das eröffnende »King Tide« ist vielleicht das polarisierendste Werk der Zusammenstellung, weil die rigorose Einfachheit manch einem platt oder banal erscheinen wird. Es ist aber das stärkste und das unmittelbar emotionalste, da Hillborg hier durch besondere Fokussiertheit und Stringenz in den Bann zu ziehen vermag. Trotz dieser Schlichtheit und organisch flimmernden Nervosität erreicht das von Sakari Oramo durchdringend geführte Stück eine exzellente Dynamik. Die folgenden Werke sind dagegen collagenhafter, kaleidoskopischer, bedienen sich mehr großen Gesten und Effekten, und rhythmisch treiben verschiedene Schlaginstrumenten die Dramatik voran.

Je länger die CD läuft, desto mehr verlangen die Stücke vom Hörer Aufmerksamkeit und Konzentration. Die abschließenden elf Sätze der »Eleven Gates« (Esa-Pekka Salonen gewidmet, sehr hörbar) entfalten sich wie kleine surreale Fragmente einer nicht zustande kommen wollenden Sinfonie, mal humorvoll bis grotesk, dann wieder feingliedrig, gar ätherisch. Ihre launig-spielerischen Titel (z.B. »Confused Dialogues with Woodpecker«) erinnern ein wenig an Dalí. Zusammenfassend ließe sich Hillborgs Werk etwa als ebenso enigmatisch wie optimistisch umschreiben. Wer mit »Neuer Musik« eher nicht so recht warm wird, braucht hier keine Berührungsängste zu haben. (ijb)



Siehe auch:
Esa-Pekka Salonen
Arne Mellnäs

EMO Ensemble


Anders Hillborg: Anders Hillborg: Eleven Gates · Dreaming River · King Tide · Exquisite Corpse

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Anders Hillborg:
Anders Hillborg: Sirens
( SACD, 2015, BIS 2114 )

Fast mit der gleichen Besetzung wie beim hervorragenden Album »Eleven Gates« entstand einige Jahre später nun diese nicht weniger formidable CD mit vier Orchesterwerken Anders Hillborgs. Nur statt Alan Gilbert wirkte diesmal David Zinman mit. Fokussierte sich das frühere Programm jedoch auf reine Orchesterstücke, so gibt es auf »SIRENS« neben dem kurzen, verhaltenen Lied »O dessa ögon« (»Oh, diese Augen«) für Sopran und Streicher (nach einem Text des bekannten schwedischen Dichters Gunnar Ekelöf) vor allem die titelgebende, über dreißig Minuten lange Komposition für zwei Soprane, gemischten Chor und Orchester, dem Textpassagen um die verführerischen Sirenen aus Homers »Odyssee« als Grundlage dienen.

Die CD »SIRENS«, die im Februar 2016 mit dem schwedischen Musikpreis »Grammis« als »Klassikalbum des [vergangenen] Jahres« ausgezeichnet wurde, beginnt mit der jüngsten Arbeit, »Beast Sampler«, einem zehnminütigen Opus für das »Klang-Tier«, wie der Komponist das Orchester gern bezeichnet. Hillborgs arrivierte Kunst als zeitgenössischer Orchesterkomponist kommt hier sogleich kraftvoll zum Ausdruck. Wer das einnehmende Schaffen des finnischen Kollegen Magnus Lindberg schätzt, wird auch bei Hillborg auf seine Kosten kommen, wenngleich es beim Schweden collagehafter, in geradezu postmoderner Weise stilistisch schrankenloser zur Sache geht.

In »Sirens«, Hillborgs bislang umfangreichstem Opus, kommt das emotionale Geschichtenerzählen zu eindringlicher Blüte wie bislang wohl nicht in seinem Schaffen. Die Homer-Texte sind nur Ausgangspunkt des Chorwerks mit zwei solistischen Sopranstimmen, man muss der Handlung nicht literarisch folgen, um eingenommen zu werden – im Gegenteil: Es geht ganz um die Musik, durch die ein komplexer Gefühls-Trip provoziert wird. Vielleicht nicht das einfachste Werk, aber sehr lohnend, zumal mit dem Eric Ericson Kammerchor und dem Schwedischen Rundfunkchor zwei der besten Chöre Schwedens mitwirken, die farbenreiche, latent surreale Welt zum Leben zu erwecken. (ijb)



Siehe auch:
Eric Ericson Kammerkor
Magnus Lindberg

Ida Falk Winland & Danderyds Vokalensemble


Anders Hillborg: Anders Hillborg: Sirens

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Hjo Kyrkas Ungdomskör:
Salve Regina
( 2007, Caprice Records CAP 21751 )

Endlich ist die CD erschienen. Endlich, denn bereits 2005 wurde der Jugendchor aus der kleinen Stadt Hjo am Vätternsee als bester Chor des Jahres von Rikskonserter ausgezeichnet. Endlich, möchte man nochmals sagen, denn international hatte sich das Ensemble schon längst mit den bei den Chor-Olympiaden in Linz (2000) und Bremen (2004) erworbenen Goldmedaillen einen ausgezeichneten Ruf erworben. Das Warten aber hat sich gelohnt, weil die klaren und doch angenehm warmen Stimmen der jungen Sängerinnen und Sänger eine wahre Offenbarung sind – und einem eine ganze Stunde schönster Musik bereiten. Wohlgemerkt: Es handelt sich um ein Jugendensemble, das ohne Tenor und Bass einen nur begrenzten Ambitus aufweist und damit interpretatorisch gleich doppelt gefordert ist.

Das unglaublich weite Spektrum des Chores zeigt das Programm, bei dem ein faszinierender Spagat zwischen der Musik des ausgehenden 16. Jahrhunderts (Palestrina, Hassler) und zeitgenössischen Kompositionen gelingt. Wie dicht dabei das Gestern und das Heute beieinander liegen, das ist leicht auch für den erfahrbar, der selbst nur unter der Dusche etwas Kehlkopfgymnastik betreibt. Diese CD zeugt von einem unglaublichen stimmlichen Niveau, einer weit tragenden Musikbegeisterung und einer (noch immer) sehr lebendigen Chortradition. (mku)

 Hjo Kyrkas Ungdomskör: Salve Regina

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Elisabeth Holmertz & Fredrik Bock:
Love Songs Re-Spelled
( 2010, LAWO Classics LWC 1018 )

Wie weit kann man ein Lied der italienischen Komponistin und Sopranistin Barbara Strozzi aus dem 17. Jahrhundert verändern, bevor es alle historische Authentizität verliert? Diese Frage stellte sich Elisabeth Holmertz im Jahre 2010, als sie mit Barockmusiker Fredrik Bock die Arbeit an diesem Duoalbum aufnahm. Engstirnigkeit kann man der Schwedin, die in Oslo und Köln studierte, ohnehin nicht vorwerfen, sang sie doch bereits die Rollen leidenschaftlicher Frauenrollen in Opern, aber auch alles andere zwischen mittelalterlichen und zeitgenössischen Komponisten, sei es Barock, Volkslieder, experimentelles Musiktheater oder romantisches Liedgut, seien es Schönberg, Pärt oder Nordheim...

Entsprechend rhetorisch scheint die Frage aus ihrem Munde, ob man Arien des 17. Jahrhunderts mit gegenwärtiger Popmusik verbinden könne. Überhaupt kann man Barbara Strozzi eher als Singer-Songwriterin jener Zeit betrachten denn als gewöhnliche Komponistin (was damals ohnehin kaum eine Frau ausleben durfte), schrieb sie doch ihre Werke zuallererst für sich selbst. Natürlich ist es daher fast zwingend, die fünf (bis zu einer Viertelstunde langen) Stücke der Italienierin Lautenliedern heutiger Songautorinnen begegnen zu lassen.

Und so bat man Susanna Wallumrød und Ane Brun um entsprechende Beiträge - und gerade im Rückblick lässt sich nicht ignorieren, dass vor allem erstere den Ball liebend gerne aufnahm und nur wenige Monate später ihr wunderbares zehnminütiges »The Forester« zum Ausgangspunkt und Zentrum eines eigenen Barock-Pop-Albums (u.a. mit Harfenistin Giovanna Pessi) machte (und es kurze Zeit später ein zweites Mal einspielte, diesmal als Titelstück eines Albums mit dem Ensemble neoN). Sowohl Holmertz als auch Wallrumrød fügen Lieder von Leonard Cohen in ihr Programm ein, wobei Susanna die Erfahrung als Popmusikerin dabei weitaus mehr zugute kommt als Elisabeth, deren Interpretation von »Hallelujah« als Abschluss ihrer 66 Minuten langen CD leider auch zur einzigen Schwachstelle gerät, da sie keine rechte Haltung zu Cohens Standard findet und zwischen den Stilen ins Straucheln gerät. Davon abgesehen gelangen der Sopranistin und ihrem Begleiter (dem zwei zauberhafte Solos gegönnt sind) ein reiches Album, in dem sich wiederholte Vertiefung stets neue Entdeckungen bereit hält. Das Werk von Barbara Strozzi ist darunter nur die offensichtlichste. (ijb)