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Alle Rezensionen zu Kalevi Aho
(Genre »Klassik«, Land »Finnland«)

 

Kalevi Aho: Wind Quintets 1 & 2
Philharmonisches Bläserquintett Berlin: Michael Hasel, Flöte · Andreas Wittmann, Oboe · Walter Seyfarth, Klarinette · Fergus McWilliam, Horn · Marion Reinhard, Fagott 
( SACD, 2018, BIS 2176 | 731859992176 , Einspielung: Okt 2014, Okt 2016 )

Nachdem sie Kalevi Ahos erstes, 2006 fürs Philharmonische Orchester Turku geschriebene Bläserquintett über Jahre mit Begeisterung und Erfolg gespielt hatten, fragten die Berliner Philharmoniker im Sommer 2014 beim Komponisten an, ob er ihnen nicht ein zweites schreiben wolle. Er hatte spontan etwas Zeit übrig und legte sofort los, hatte schnell ein über 30 Minuten langes Werk fertig. Beide Werke liegen nun auf dieser hervorragenden jüngsten Folge der nach wie vor konkurrenzlosen Werkreihe des Finnen beim schwedischen Label BIS vor.

Man kennt Aho eher für sinfonische Werke und Solokonzerte, doch der überaus produktive Komponist hat längst eine beachtliche Reihe kammermusikalischer, ungewöhnlicher Werke verfasst, die den größeren in nichts nachstehen. Wohl weil Aho sich mit den einzelnen Instrumenten bereits intensiv auseinandergesetzt hat, gelingt es ihm, speziell mit dem zweiten Bläserquintett, die Komplexität und den Farbenreichtum der fünf Stimmen in einzigartiger Weise herauszukitzeln und alle gleichberechtigt in Gespräche zu verwickeln. So muss man den Musikern Glauben schenken, wenn sie sagen, dass diese Kompositionen zwar eine Herausforderung darstellen (u.a. durch alternierendes Horn und Flöte), doch zugleich hört man ihnen durchweg die große Freude und Inspiration an, die ihnen Ahos Stücke schenken. Über das 55-minütige Programm holt der demnächst 60 Jahre alt werdende Finne so viel aus diesen fünf Instrumenten – Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott – heraus, dass es auch für Hörer, die diesen sonst wenig Beachtung schenken, viele Entdeckungen und durchweg gute Unterhaltung bieten. Denn ja, anstrengend und zugeknöpft ist diese Musik gar nicht. Da passt es einerseits gut, dass sowohl der Urheber als auch Flötist Michael Hasel in ihren jeweiligen Texten im (wie immer lesenswerten) Beiheft der CD das zweite Quintett als »kleine Sinfonie« bezeichnen. Denn wenn sich nach dem Genuss dieser sorgfältigen Einspielung ein Gedanke aufdrängt, dann dieser: Schade, dass Ahos Werke so selten auf unseren Bühnen zu erleben sind. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Bläserquintett Nr. 1 (2006) · Bläserquintett Nr. 2 (2014)

Kalevi Aho: Kalevi Aho: Wind Quintets 1 & 2

 

Kalevi Aho: Timpani Concerto · Piano Concerto 1
Ari-Pekka Mäenpää, Pauken · Sonja Fräki, Klavier · Turku Philharmonic Orchestra · Erkki Lasonpalo, Dirigent [1] · Eva Ollikainen, Dirigentin [2]
( SACD, 2018, BIS 2306 | 7318599923062 , Einspielung: Januar 2017 )

Gleich die zweite Veröffentlichung mit Werken von Kalevi Aho innerhalb eines halben Jahres! Und wie die unlängst erschienene CD mit Bläserquintetten kombiniert auch dieses Album ein früheres mit einem aktuelleren Werk, in diesem Fall das 2015 für Ari-Pekka Mäenpää komponierte Paukenkonzert mit dem Ende der Achtzigerjahre entstandenen Ersten Klavierkonzert, hier in der Interpretation Sonja Fräkis, die vor wenigen Jahren mit einer Einspielung von Ahos Solo-Piano-Stücken beim selben Label in Erscheinung trat.

Anders als frühere Paukenkonzerte, mit denen sich der Komponist vorab vertraut machte, ist Ahos Werk wahrlich bestrebt, ein Solistenkonzert darzustellen; allein dies verleiht der Komposition eine herausragende, in der Orchesterliteratur vielleicht einmalige Position, die dieser CD zur nachdrücklichen Kaufempfehlung verhilft. Denn Aho erarbeitete den Solistenpart in mehreren Schritten gemeinsam mit Mäenpää vom Philharmonischen Orchester Turku. So entstand schließlich eine raffinierte, fünfsätzige Erzählung für fünf Pauken unterschiedlicher Tonhöhe, wodurch der Tonumfang zwei Oktaven erreicht, und das Orchester zum echten Dialogpartner wurde statt zum Hauptakteur. Aho schenkt dem Solisten eine Vielzahl eigenwilliger, aber nie selbstzweckhafter Auftritte, mal introspektiv und zart-poetisch, dann wieder schillernd dramatisch, hier leichtfüßig narrativ, dort verspielt jazznah – die 28 Minuten stecken voller zauberhafter Höhepunkte (wie bei diesem Komponisten üblich auch im Orchesterpart), und Mäenpää verwandelt jeden souverän, klangfarbenreich und mitreißend, so dass man nur hoffen kann, dass viele Orchester dieses Opus entdecken und in ihre Spielpläne aufnehmen. Denn es ist eines von Ahos unmittelbarsten und eingängigsten Konzerten geworden.

Wenn das Erste Klavierkonzert auch nicht in ebensolchem Maße zu begeistern vermag, so steht es der Faszination des Paukenkonzerts nur wenig nach. Aho bezeichnet das viersätzige Werk »im Hinblick auf seine strukturellen Verfahren« als eines seiner komplexesten. Damals hatte er sich intensiv mit Numerologie beschäftigt, was sich in ambitionierter Weise in diesem gut halbstündigen Konzert widerspiegelt und die Solistin vor so manche Aufgabe stellt. Um dies alles auch als Hörer zu erfassen, muss man sich erst einmal durch seine (durchaus unterhaltsamen) Erläuterungen arbeiten, aber man kann sie (erst einmal) auch links liegenlassen und sich rein emotional auf den ungestümen, knallbunten, geradezu feuerwerksartigen Charakter dieser Musik einzulassen. Gegenüber dem vergleichsweise »klassischen« Paukenkonzert erinnert das Erste Klavierkonzert schon deutlicher an die postmoderne Stilistik des späten 20. Jahrhunderts. Es geht wild, rasant und unberechenbar zur Sache, teils schräg bis grotesk, doch gelingt es Aho, Fräki und dem Orchester unter Eva Ollikainen, die expressive Dramatik bei aller Vielgestaltigkeit in ein großes, verführerisches Ganzes zusammenzuführen. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
[1] Konzert für Pauken und Orchester (2015)
[2] Konzert Nr. 1 für Klavier und Orchester (1988-89)

Kalevi Aho: Kalevi Aho: Timpani Concerto · Piano Concerto 1

 

Kalevi Aho: Concerto for Soprano Saxophone · Quintet for Winds and Piano
Anders Paulsson: Sopransaxofon · 
Väinö Jalkanen: Piano · Antal Mojzer: Fagott · Markku Moilanen: Oboe · Pekka Niskanen: Klarinette · Ilkka Puputti: Horn · 
Jaakko Kuusisto: Violine · Kammerorchester Lappland (
Lapland Chamber Orchestra) · John Storgårds
: Dirigent
( SACD, 2017, BIS 2216 , Einspielung: Nov 2015, April 2017 )

Achtundzwanzig Solistenkonzerte hat Kalevi Aho bislang verfasst, viele davon für renommierteste Interpreten ihres jeweiligen Instruments. So auch diesmal: Das im November 2015 uraufgeführte Konzert für Sopransaxophon entstand im Auftrag des Kammerorchesters Lappland, auf Anregung des schwedischen Saxophonisten Anders Paulsson, der sich an Aho wandte, nachdem er dessen Klarinettenkonzert für Martin Fröst gehört hatte. Wie bei früheren Werken (zuletzt den Konzerten für Horn und Theremin) ließ sich der Komponist im Rahmen der Vorbereitungen vom Solisten die Möglichkeiten des Instruments zeigen und erläutern; dazu gehört letztlich auch, dass ein Konzertbesuch Ahos, er hörte Paulssons Darbietung von Anders Eliassons Konzert, mit Ausschlag gebend für die Zusammenarbeit gab.

Beeindruckend ist darüber hinaus, dass Aho bei jedem Solistenkonzert stets einen individuellen Ansatz wählt; wie die beiden vorhergehenden ist dieses für ein kleines Orchester verfasst, und es bleibt zudem, von kurzen Presto-Passagen abgesehen, eher ruhig und enigmatisch. Somit wirkt es erst einmal nicht so eindrücklich, wie man von einem Virtuosenwerk erwarten würde. Aho erweist sich einmal mehr als kluger Erzähler, der sein Publikum mit interessantem Spannungsaufbau durch die drei Sätze zu führen. Paulsson als Solist hält die sich langsam steigernde Dramatik souverän zusammen, speziell da das Orchester oftmals eine zurückhaltende Rolle einnimmt.

Das folgende Quintett für Bläser und Klavier wurde etwas mehr als ein Jahr früher komponiert, um als Begleitstück in einem Programms mit Mozarts Quintett in gleicher Besetzung zu fungieren. Der Pianist Väinö Jalkanen spielt es hier mit vier Holzbläsern des Kammerorchester Lappland zu hören. Mit seinen vier Sätzen stellt Aho es in eine klassische Tradition. Auch hier komponierte er eine mehrsätzige Erzählung, die sich zum Ende hin »spitzbübisch« (so der Komponist) mit komplexen Rhythmen steigert, nachdem das Quintett eine surreale Stimmung (»Nocturno«) durchwandert hat. Damit ist das Werk etwas diffiziler und wohl nicht ganz so eingängig als das Saxofonkonzert, woran die (auch für den Orchester-Mann Aho) ungewöhnliche Besetzung vermutlich mit Anteil hat.

Zum Abschluss gibt der seit langem mit Aho verbundene Geiger Jaakko Kuusisto noch das knapp 10-minütige »Solo I« für Violine als Zugabe. Dieses erste in der Reihe der virtuosen Solostücke des Komponisten für jedes Instrument des Orchesters entstand 1975 und bietet entsprechend viel Raum für Virtuosität und Ausdruckskraft. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Konzert für Sopransaxofon und Kammerorchester (2014-15) · Quintett für Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Klavier (2013) · »Solo I« für Violine (1975)



Siehe auch:
Jaakko Kuusisto

Kalevi Aho: Kalevi Aho: Concerto for Soprano Saxophone · Quintet for Winds and Piano

 

Kalevi Aho: Theremin Concerto · Horn Concerto
Carolina Eyck: Theremin
 · Annu Salminen: Horn
 · Kammerorchester Lappland · John Storgårds: Dirigent
( SACD, 2014, BIS /Challenge Records Internationa BIS-2036 SACD , Einspielung: 2013 )

Nachdem der hoch produktive und ambitionierte Kalevi Aho Solokonzerte für alle wesentlichen Instrumente im aus der Romantik tradierten Orchesters geschrieben hatte, blieb ihm sozusagen nur noch das Horn. Er hörte 2009 Annu Salminen im südkarelischen Lappeenranta und war so hingerissen von ihrem Können, dass er sofort vorschlug, ihr ein Hornkonzert zu schreiben.

Das 26-minütige Werk verlangt von der Solistin Annu Salminen, anfangs aus der Ferne zu kommen, sich um das Orchester herumzubewegen und am Ende wieder hinter die Bühne zu verschwinden, so dass das Horn wiederum aus der Ferne erklingt. Dies ist jedoch nicht die einzige bzw. entscheidende Schwierigkeit, mit der die Widmungsträgerin dieses Einsätzers mit rituellem Charakter konfrontiert ist. Mikrointervalle und komplizierte Kombinationen aus Obertönen erfordern Interpret/innen mit hohem Können.
Der Gesamteindruck des Hornkonzerts bleibt, bei aller Virtuosität, ein erstaunlich schlichter. Einem mit zeitgenössischer Musik nicht oder wenig vertrauten Hörer dürfte es nicht schwer fallen, in die eher lyrische und getragen mysteriöse Atmosphäre einzutauchen. Spektakel sind hier nicht zu erwarten, und wer nicht genau hinhört, könnte eher eine streckenweise ereignisarme halbe Stunde beklagen. Da hilft indes die hervorragende Klangqualität der Super-Audio-CD, um zahlreiche Details entdecken und genießen zu können, die Dirigent John Storgårds aus der Partitur und dem Kammerorchester Lappland herauskitzelte.

Das anschließende, etwas längere Konzert für Theremin und Kammerorchester »Acht Jahreszeiten« schrieb Aho auf Bitte der Leipziger Musikerin Carolina Eyck, die ihn beim Besuch in ihrer Heimatstadt mit Technik und Möglichkeiten des 1919/20 von dem Russen Lev Termen entwickelten elektronischen Instruments vertraut machte. Auf der CD ist ein kurzer Videoclip zu finden, in dem Eyck eine kurze Einführung gibt.
Entsprechend spielt »Acht Jahreszeiten« mit den Möglichkeiten des Theremins, das mitunter wie eine menschliche Stimme klingt, zumal Eyck teils tatsächlich während des Spielens singt. Die acht Sätze basieren auf der Jahresaufteilung der Samen, und so gestaltete Aho das Werk, ähnlich wie das Hornkonzert und manch frühere Arbeit, mit schamanistischen Anklängen und zahlreichen naturtönigen Klangbildern. Der Finne bietet wie gewohnt faszinierende Entdeckungsreisen in die ungewohnte Möglichkeiten der Orchestermusik. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
[1] Konzert für Horn und Kammerorchester (2011)
[2] »Acht Jahreszeiten« (Eight Seasons) (2011), Konzert für Theremin und Kammerorchester
I. Ernte, II. Herbstverfärbung, III. Schwarzer Schnee, IV. Weihnachtsdunkelheit, V. Frostwinter, VI. Tragender Schnee, VII. Eisschmelze, VIII. Mitternachtssonne



Siehe auch:
Eero Hämeenniemi
John Storgårds: Pehr Henrik Nordgren

Storgårds dirigiert Hallgrímsson


Kalevi Aho: Kalevi Aho: Theremin Concerto · Horn Concerto

 

Kalevi Aho: Klavierwerke · Works for Solo Piano
Sonja Fräki: Klavier
( SACD, 2014, BIS 2106 , Einspielung: Januar 2013 )

Es ist ja kein Geheimnis, dass wir das große und umfangreiche Werk des Finnen Kalevi Aho ebenso schätzen wie die beispielhafte kuratorische Arbeit seines schwedischen »Hauslabels« BIS. Da haben sich zwei gefunden und erfreuen das Herz des an zeitgenössischer skandinavischer Komposition interessierten Hörers mit durchgehend empfehlenswerten CDs. Daher darf auch mal ein wenig kritische Verhaltenheit angebracht sein, wenn eine 73 Minuten lange Zusammenstellung von über dreißig Stücken aus vier Jahrzehnten eher wegen der Vollständigkeit des Oeuvres von Interesse ist als aufgrund der künstlerischen Prägnanz.

Doch das ist Kritik auf hohem Niveau, und die Interpretin Sonja Fräki am edlen Steinway D macht ihre Sache sehr gut. Man kann ihr die Disparatheit des Materials ja nicht zum Vorwurf machen. Aufwerfen darf man die Frage aber schon, wie man eine Zusammenstellung als Album goutiert, wenn »Drei kleine Klavierstücke« (1971) von zusammen knapp vier Minuten das komplette Pianowerk der Siebziger Jahre ausmachen, die darauf folgenden »Zwei leichte Klavierstücke für Kinder« (1983) ebenfalls ein wenig verloren wirken und überhaupt mehrere Stücke nur rund 30 Sekunden kurz sind. Das ganze wirkt ein wenig pflichtschuldig – doch genug des Lamentierens.

In lyrischen Passagen fühlt man sich bei Kalevi Ahos Solo-Klavierwerk ein wenig an zeitgenössische Kollegen wie Valentin Silvestrov erinnert, doch ansonsten scheint sich der Komponist eher an der Klassik zu orientieren, verweist aber darüber hinaus ebenso auf Bach wie auf Komponisten der Romantik. Echte Frühwerke des 1949 Geborenen sind vor allem die 1965 bis 1968 entstandenen »19 Preludes«, die er vor seiner Bekanntheit schrieb, Übungsstücke in der Tat, doch machen sie knapp die Hälfte der 73-minütigen Laufzeit aus. Zum Ende hin wird's merklich spannender, flippig etwa der Prestissimo-Satz der 1993 entstandenen »Sonatina«, natürlich keine zwei Minuten kurz. Mit den elf Minuten von »Solo II« macht man kompositorisch eine klare Zeitreise in die Stilistik der 1980er, ein forderndes Werk, aber kein großes. Ganz ähnlich klingt die abschließende, 1993 geschriebene Sonate, 14 Minuten lang und von allen Werken das spannendste, in dem sich viele spannende Kontraste und Abwege entdecken lassen. Wenn man so lange durchhält. Ansonsten unser Rat: CD von hinten hören. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
19 Preludes (1965-68) · Three small Piano Pieces (1971) · Two Easy Piano Pieces for Children (1983) · Sonatina (1993) · Solo II (1985) · Sonata (1980)

Kalevi Aho: Kalevi Aho: Klavierwerke · Works for Solo Piano

 

Kalevi Aho: Symphony No.15 · Double Bass Concerto · Minea

Lahti Symphonieorchester · 
Eero Munter: Kontrabass [2] · Osmo Vänskä: Dirigent [1]
 · Jaakko Kuusisto: Dirigent [2] · 
Dima Slobodeniouk: Dirigent [3]
( SACD, 2013, BIS /Klassik Center Kassel BIS-1866-SACD , Einspielung: 2010/2011 )

Ahos »Hauslabel« BIS schließt auf bis an die Gegenwart. Mit der jüngsten Folge gelangt die Aho-Werkreihe zu seiner 2009/10 komponierten 15. Sinfonie. Die 16. hat er wohl zwischenzeitlich bereits abgeschlossen – und (zumindest in dieser Hinsicht) damit eines seiner Vorbilder überrundet: Dmitri Schostakowitsch schaffte »nur« 15 Sinfonien, wobei man darauf hinweisen darf, dass Ahos Orchesterwerke zumeist auch nicht ganz so voluminös angelegt daherkommen. Seine Nummer 15 überzeugt mit vier Sätzen in dreißig kompakten Minuten, auf den Punkt dirigiert vom Moskau-geborenen Wahlfinnen Dima Slobodeniouk.

Superb schon die ersten Passagen des eröffnenden Satzes »Nebbia«, »Nebelmusik«, mit denen Aho alle Gewissheiten aushebelt. Doch – »meine Apotheose des Tanzes« nennt Kalevi Aho seine 15. Symphonie – steigert sich der Orchesterapparat aus den anfänglichen Nebelschwaden zu komplexen Tanzstücken (»Musica bizarra«, »Musica strana«), extravagant mit verschiedensten Schlaginstrumenten wie Bongos, Darbukas, Djembe und dem Riqq, einem arabischen Tambourin, ausgemalt.

Und auch über Osmo Vänskäs gewohnt durchdringendes Dirigat darf man sich hier wieder freuen: Er wünschte sich von Aho ein rund zwanzigminütiges Orchester-Virtuosenstück für das Minnesota Orchestra, das allen Musikern des Ensembles herausfordernde Aufgaben stellt — und das naheliegenderweise dieses sehr reiche, beeindruckende und komplexe Programm eröffnet. Aho beschreibt »Minea« als entscheidend von indischer und anderer orientalischer Musik inspiriert; auch die japanische Shakuhachi-Flöte diente ihm als Einfluss. Bestimmt hatte er eine Referenz an Ravels »Bolero« im Sinn. Das zunehmend rhythmisch effektvolle Orchesterstück endet in Höchsttempo, prestissimo, und da hört man die sich anschließenden Jubelstürme in den Philharmonien direkt mit.

Die beiden Werke rahmen das 2005 für Eero Munter geschriebene, ebenfalls halbstündige Virtuosenkonzert für Kontrabass und Orchester in fünf Sätzen, welches mit etlichen unerwarteten Klangideen und unorthodoxen Kadenzen aufwartet: einem Pizzicato-Duett mit der Harfe und einem Trio mit zwei Percussionisten. Ohne Frage: Mit dieser Folge der Aho-Reihe bekommt man Außerordentliches und ausgesprochen viel geboten, und somit gerade im Abwechslungsreichtum eine exzellente Reise quer durch das große Können des finnischen Meisters. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
[1] »Minea«, konzertante Musik für Orchester (2008)
[2] Konzert für Kontrabass und Orchester (2005)
[3] Symphonie Nr. 15 (2009-10)



Siehe auch:
Jaakko Kuusisto & Ilkka Kuusisto
Dima Slobodeniouk dirigiert Fagerlund

Osmo Vänskä & Lathi Symphony Orchestra: Sibelius

Dima Slobodeniouk: Matvejeff & Linkola


Kalevi Aho: Kalevi Aho: Symphony No.15 · Double Bass Concerto · Minea

 

Kalevi Aho: Kammermusik
Osmo Vänskä: Klarinette · Gina DiBello, Sarah Kwak: Violine · Thomas Turner: Viola · Anthony Ross: Cello · Susan Billmeyer: Piano · Veli Kujala, Susanne Kujala: Akkordeon
( 2012, BIS /Klassik Center Kassel BIS-CD-1886 , Einspielung: 2010/2011 )

Bekannt ist der 1949 geborene Kalevi Aho eher für seine Orchesterwerke, mit denen BIS vorrangig die andauernde und durchweg erfolgreiche Reihe der Aho-Werkschau bestreitet. Doch sollte das kammermusikalische Schaffen des Finnen nicht gering geschätzt werden. Drei dieser Werke, deren Entstehungszeitraum sich über gut zwanzig Jahre erstreckt, können in Form dieser mit 75 Minuten sehr langen CD kennengelernt werden.

Fast die Hälfte der CD-Laufzeit nimmt das eröffnende fünfsätzige Quintett für Klarinette und Streichquartett ein, das einen Teil von Ahos Holzbläser-Reihe bildet, die 1973 mit dem Oboenquinett begann und bis zum 2006 entstandenen Bläserquintett reicht. Wie schon bei der Premiere 1998 spielt Osmo Vänskä, ein intimer Kenner von Aho's Werk, auch hier die Klarinette. Der Zugang wird dem Hörer in diesem so klanglich fokussierten wie kompositorisch alle Ecken und Nischen abgrasenden Großwerk nicht leicht gemacht; eine extravagante Klarinette steht im Zentrum dieser Tour de Force, während die vier Streicher stets das Fundament oder den herausfordernden Part in dieser Zweisprache einnehmen. Wer mit dem Werk Ahos bislang nicht oder wenig vertraut ist, sollte eventuell den Umweg über die einnehmenderen Kammersinfonien wählen, bevor man dieses eher inkongruente und disharmonisch-sprunghafte Quinett zu durchdringen vermag.

Kaum einfacher wird man es mit der 25-minütigen Sonate für zwei Akkordeons haben, einer Variation der Sonate für Solo-Akkordeon, 1984 entstanden, was die späte CD-Veröffentlichung des Werks erklären könnte. Aho lotet alle Grenzen des Instruments aus, angelehnt an Liszts virtuoseste Pianostücke. Ähnlich neoklassizistische Färbungen schimmern durch das im überraschenden Wechsel teils skurril heitere, teils fast abgründig undurchsichtige Trio für Klarinette, Bratsche und Klavier, erst 2006 entstanden. Wenn auch nur unwesentlich weniger abstrakt als das Quintett kann das Trio doch durch die weniger ausufernd angelegte Gesamtstruktur und Länge sowie durch die Gleichbehandlung der drei Spieler viel unmittelbarer begeistern und überzeugen. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Quintett für Klarinette und Streichquartett (1998)
Trio für Klarinette, Viola und Piano (2006)
Sonate für zwei Akkordeons (1984/89)



Siehe auch:
Osmo Vänskä

Kalevi Aho: Kalevi Aho: Kammermusik



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