Zur Hauptseite
Diese Seite empfehlen Neuheiten Artikel Service Suche Impressum

Alle Rezensionen zu Lars Graugaard
(Genre »Klassik«, Land »Dänemark«)

 

Lars Graugaard: 
Engage and Share
Grup Instrumental de València · Joan Cerveró
( 2018, Kairos /Naxos 0015039KAI , Einspielung: Juni 2017 )

Nach einem sinfonischen Programm beim dänischen dacapo widmet nun auch das renommierte österreichische Kairos-Label dem Komponisten Lars Graugaard ein Porträtalbum, in diesem Fall mit drei kammersinfonischen Werken der letzten Jahre. »Engage and Share« (2017) startet dramatisch – so konventionelle Töne ist man von Graugaard gar nicht gewohnt! Auch im weiteren Verlauf legt das knapp viertelstündige Werk einen erstaunlich klassizistischen Gestus an den Tag, mit Klavier und (Holz-)Bläsern treten die dunkel filmmusikalisch schimmernden Streicher in einen beständigen Dialog. Doch Graugaard wäre nicht der launige Zeitgenosse, würde er nicht stetig unerwartete Wendungen in dieses moderne Sinfonietta-Tongedicht einbauen, fast wie in einem kleinen Gruselfilm, der einem im einen Moment schmeichelt, im nächsten den Boden unter den Füßen wegzieht. So ganz in der Gegenwart ist »Engage and Share« hier indes noch nicht angekommen, hat man doch durchweg das Gefühl, hier einer impressionistischen Melange aus Sibelius-Zitaten und mancher nordischer (Landschafts-)Melancholie zu begegnen.

Mit dem nervös dahineilenden »Slonk« (2014) präsentiert die 16-köpfige Instrumentalgruppe València über gut 16 Minuten das längste dieser drei Werke, die Graugaard ihnen gewidmet hat. Man steigt erst einmal nicht so recht durch, wohin die Reise gehen soll, doch besteht gerade darin auch ein eigenartiger Reiz, wenngleich man sich ein wenig durchgerüttelt und geschüttelt fühlt von den stetigen perkussiven und sprunghaft bis stolpernden Instrumentenwechseln. Wer Graugaards elektronische DJ-nahe Musik (u.a. Lars from Mars) sowie die jüngsten Arbeiten des englischen Techno-Komponisten Darren Cunningham alias Actress mit dem London Contemporary Orchestra gehört hat, denkt bei »Slonk« garantiert auch an eine sinfonische Variante von sehr aktuellem Techno. Zunehmend zerfließt diese allerdings in alle Richtungen, was einen wunderlichen Charme ausstrahlt.

Wie die ersten beiden Stücke legt auch das zwölfminütige »Blind Lemon« (2013) erst einmal kraftvoll los, bevor sich die Musik in verschiedene Richtungen verästelt. Streckenweise geradezu erzählerisch legt auch dieses Stück wieder eine klassizistische, fast altmodische Färbung an den Tag. Insgesamt vermisst man speziell im letzten Drittel der CD doch ein wenig den für Graugaard typischen überraschenden Witz. Ein lohnenswertes, zu weiteren Hörentdeckungen einladendes Programm untypischer dänischer Gegenwartsmusik bietet diese Scheibe allemal. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
»Engage and Share« (2017) · »Slonk« (2014) · »Blind Lemon« (2013)



Siehe auch:
Susanna Mälkki

Lars Graugaard: Lars Graugaard: 
Engage and Share

 

Lars Graugaard & Thomas Hejlesen: Tears of Dionysius
Thomas Hejlesen, Film · Stina Ekblad, Erzählerin · CAPUT Ensemble · Gudni Franzson, Dirigent
( DVD, 2015, Eigenverlag /clang.cl RN002 , Einspielung: 2009 )

Zwar handelt es sich bei dieser Veröffentlichung um eine DVD mit einem rund 65 Minuten langen Experimentalfilm, doch womöglich wird man dem Werk besser gerecht, wenn man es erst einmal als Musikstück rezipiert und sich nicht gleich den Bildern aussetzt. Die Musik ist nämlich für sich ambitioniert und hypnotisch genug, um sich davon, nun ja, verzaubern zu lassen. Das isländische CAPUT Ensemble, 2011 Träger des Preises des Nordischen Komponistenverbands (Council of Nordic Composers) und für zahlreiche Veröffentlichungen von Werken verschiedenster Komponisten geschätzt, bietet eine solide Interpretation von Lars Graugaards sanft mäanderndem Stück, das über eine (relativ lange) Stunde nie so recht zur Ruhe kommt, auch wenn die – unter anderem wegen ihrer spröden englischen Aussprache leider nicht wirklich überzeugende – Erzählerin Graugaards nicht gerade zwingenden Text nach Auszügen aus Friedrich Nietzsches »Geburt der Tragödie« (bitte selbst nachlesen!) hin und wieder aus der sich schnell einstellenden Gleichförmigkeit und Unprägnanz der Komposition enthebt.

Das Werk soll in 13 Szenen Geschichte und Natur der Sexualität des modernen Mannes behandeln. Ambitioniert, sicher – doch in der Ausführung letztlich wenig bestechend. Zu beliebig und allgemein werden die Motive dann auch noch durch den Film von Thomas Hejlesen umnebelt. Der montierte »lange vergessene erotische Szenen«, was konkret bedeutet: Allerhand Material aus ungenannten pornografischen, zwischen 1920 und 1940 gedrehten Filmen, teils verfremdet mit altmodischen (aber höchstwahrscheinlich digitalen) Experimentalfilmtechniken, Wiederholungen, Verlangsamungen und Verzerrungen. Zugegeben, die Bilder masturbierender Frauen und anderer Hardcoreszenen sind nett anzuschauen. Ob »Tears of Dionysius« deshalb provokativ oder gar innovativ ist, wie auf Lars Graugaards Webseite beschrieben wird...? Eher nein. Phasenweise immer wieder von musikalischem Reiz, jedoch vor allem dann, wenn man die Aufnahme unabhängig von den Bildern genießt. (ijb)


Siehe auch:
Lars from Mars
Lars Graugaard, Moritz Baumgärtner & Keisuke Matsuno

Infernal Machines

Lars Graugaard & Jean-Michael Pilc


Lars Graugaard: Lars Graugaard & Thomas Hejlesen: Tears of Dionysius

 

Lars Graugaard: Venus
NYU Contemporary Music Ensemble · NYU Percussion Ensemble · NYU Symphony Orchestra · Ian Shafer, Oboe · Patrick Swoboda, Kontrabass · Patti Kilroy, Violine · Jens Georg Bachmann, Jonathan Haas, Dirigenten
( 2015, dacapo /Naxos 6.220628 , Einspielung: 2011-2013 )

Zählt er mittlerweile auch schon langsam zur älteren Generation, so kann man Lars Graugaard eindeutig als zeitgenössischen Komponisten par excellence bezeichnen. Das vielseitige Schaffen des 1957 geborenen Dänen bewegt sich ungezwungen zwischen improvisierter Performance und Komposition, zwischen clubnaher, programmierter Elektronik und sperriger Orchestermusik, verbindet künstlerische Ausdrucksformen, ist ebenso philosophisch und theoriebeladen wie andererseits spontan und mit offenem Ausgang experimentierend. Das macht ihm so leicht keiner nach.

Mit »VENUS« präsentiert dacapo, das ambitionierte Label für zeitgenössische Musik, vier Werke, die für unterschiedliche Ensemblegrößen der New York University Steinhardt School of Culture, Education, and Human Development in Greenwich Village geschrieben wurden. Zwar sind diese Werke nach Partituren gespielt worden, doch für Graugaard sind das Komponieren mit Computer, etwa auf der Basis von IT-Forschung, und kognitive Musikwissenschaft wichtige Einflüsse und Teil der Performance. Mit dem Stichwort »interaktive Musik« zielt er auf ein einzigartiges und radikales Klangerlebnis ab. Zum Teil lässt sich dies in den vorliegenden Stücken finden und nachvollziehen, und der ausführliche und fundierte Beitext des chilenischen Komponisten Alejandro Guarellos liefert etliche wertvolle Verständnishilfen und Anstöße dazu.

Handelt es sich bei »Book of Throws« um das Wagnis eines improvisierten Klavierkonzerts (mit Ensemble), das Jean-Michel Pilc angeblich ohne jegliches Vorwissen über die Komposition eingespielt haben soll (mit beeindruckendem Erfolg, wie man unumwunden festhalten muss), ist »Venus« eine Art Konzert für Violine und Kontrabass, mit dem NYU-Sinfonieorchester das wohl klassischste, eingängigste Stück der CD. Die Solisten, vor allem der Pianist, werden zu einer Vielzahl stilistischer Ausdrucksformen aufgefordert; sperrige Gegensätze sind unbedingt erbeten. Im etwas überdrehten »Layers of Earth« treffen 15 druckvolle Perkussionisten, ein unbequemer Oboist und ein interaktiver Computer aufeinander. Sirenengeheul scheint Graugaards Musik zudem mit einiger Freude am enervierenden Zwischenruf vor jeder Gemütlichkeit bewahren zu wollen. Alles, nur nicht konventionell, dürfte des Komponisten Motto sein. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
»Venus« (2013) für Violine solo und Kontrabass, Electronik und Orchester
»Book of Throws« (2013) für Ensemble und improvisierenden Pianist
»Layers of Earth« (2011-12) für Oboe, interaktiven Computer und 15 Perkussionisten
»Three Places« (2011) für Ensemble



Siehe auch:
Infernal Machines
Lars Graugaard & Moritz Baumgärtner


Lars Graugaard: Lars Graugaard: Venus

Offizielle Website      http://l--l.dk



Neuheiten | CD-Rezensionen | Artikel | Service | Suche | Impressum | Datenschutz

CD des Monats | Nach Genre | Nach Land | Nach Musiker | DVDs | Erweiterte Suche

              

© 2000 - 2019, Design & Programmierung: Polarpixel