Zur Hauptseite
Diese Seite empfehlen Neuheiten Artikel Service Suche Impressum

Alle Rezensionen zu Vikingur Ólafsson
(Genre »Klassik«, Land »Island«)

 

Bach Reworks
( LP, 2019, Deutsche Grammophon 28948358311 )

Die alte Tante Deutsche Grammophon, das Referenzlabel für Besser-Hörer im Klassikbereich, machte sich schon vor Jahren auf, neue Hörerkreise zu erschließen. So wurde unter anderem eine »RECOMPOSED«-Reihe lanciert und mit Remixaufträgen experimentiert – teils zum Schrecken der traditionsbewussten Stammhörerschaft, die um die musikalische Substanz des Labels zu bangen begann.

Nun wagt DG erneut einen großen Schritt in diese Richtung, und das ausgerechnet mit einem Künstler, der zwar zur jungen Garde des Labels zählt, bisher aber als musikalisch hochseriös durchging: Víkingur Ólafsson hat einer ganzen Reihe von in unterschiedlichsten Gefilden tätigen Musikern Material aus seinem jüngst eingespielten Bach-Album zur Überarbeitung überlassen, wobei die meisten das Präludium BWV 855a aus dem »Wohltemperierten Klavier« in der Bearbeitung Alexander Silotis wählten. Ólafsson selbst hat für dieses Album einige Themen Bachs aufgegriffen, um daraus seine eigenen Gedanken weiterzuspinnen. So entsteht aus dem bachschen Klang-Kosmos heraus ein vielfältiger und abwechslungsreicher Genre-Mix, bei dem sich akustische und elektronische Tracks zu einem wunderbar homogenen Album fügen.

Es beginnt akustisch mit Ólafssons Komposition »For Jóhann«, die er allerdings nicht dem titelgebenden Protagonisten des Albums widmet, sondern seinem 2018 verstorbenen Komponisten-Landsmann und Labelkollegen Jóhann Jóhannsson, dem er sich sehr verbunden fühlte. Die akustischen Klavieraufnahmen sind übrigens in einer ähnlichen Weise aufgenommen, wie wir das etwa von Nils Frahm kennen oder auch von Hans-Joachim Roedelius' jüngster Arbeit für DG (»EINFLUSS«): Sehr direkt und nah dran an der Mechanik des Instruments, so dass man das Arbeiten der Hämmer sehr deutlich hört. Dies erzeugt selbst bei den akustischen Stücken einen etwas artifiziellen Sound, der dann aber eine gute Verbindung zu den elektronischen Remix-Arbeiten schafft. Valgeir Sigurðsson wirft als erster seinen Hut in den Ring und kontrastiert Bachs feine Präludium-Linien mit wuchtigen Synth-Bass-Sounds und gluckernden Arpeggien. Auch Cellist Peter Gregson arbeitet mit diesen elektronischen Stilmitteln und fügt seinem Präludium noch eine Cello-Stimme hinzu. Ben Frost liefert die wohl aufregendste Version ab: Unter flirrende Orgeltöne setzt er flächige Bass-Sounds, aus denen er nach und nach den Tieftonanteil herausfiltert, bis das Stück zu Klangfetzen zu zerreißen droht.

Mehr als wohltuende Kontrastierung, denn als harten Bruch empfindet man stets die Wechsel zurück zu Olafsson – hier nun zu seiner Klavierbearbeitung der Arie »Widerstehe doch der Sünde« BWV 54. Doch sofort geht es wieder in elektronische Klanglandschaften. Diesmal mit tiefdräuenden Sounds von keinem Geringeren als Ryuichi Sakamoto, der das Adagio aus dem Konzert d-Moll BWV 974 kurzerhand in ein Zwei-Akkorde-Stück verwandelt. Und so geht es über das ganze weitere Album auf höchst abwechslungsreiche Weise dahin. Der bereits erwähnte Roedelius setzt das Präludium eher zurückhaltend mit Ambient- und Fieldsounds in einen Dialog, der isländische Bassist Skúli Sverisson nimmt das Tempo raus und entwickelt Streichersounds um das Thema. Von der Komponistin Hildur Guðnadóttir hören wir dann sogar ein reines Cellostück, das von einem C-moll-Motiv Bachs lediglich inspiriert ist.

Allen Arbeiten ist gemein, dass sie einen sehr angemessenen und kreativen Zugang zum bachschen Material finden. Keiner der Beiträge tappt in die Klischeefalle, etwa indem der gute Johann Sebastian nur die Hintergrundtapete für irgendwelche Soundspielereien hergeben muss. Nein, hier verschränken sich alte und neue Musik auf wunderbare, kreative Weise und bilden sehr interessante neue Werke. »RE-WORKS« ist im besten Sinne und wahrlich kein Re-Murks, wie das bei solcherlei Projekten leider oft der Fall ist. Grandios. (stv)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Die Tracks werden als Download oder als LP angeboten. Die Downloads erschienen in einem Abstand von etwa einem halben Jahr in zwei Tranchen (Pt.1/ Pt.2) mit jeweils sechs Titeln als EP. Zeitgleich zum Erscheinungstermin des zweiten Teils erschien die LP, die alle 12 Titel enthält, allerdings in einer veränderten Reihenfolge. Wir empfehlen jenen Hörern, die sich für den Download entscheiden, sich eine Playlist anzulegen, die der Kopplung der Titel gemäß der LP folgt, da dies die wesentlich schlüssigere Reihung der Titel ist.



Siehe auch:
Valgeir Sigurðsson
Ben Frost

Skúli Sverrisson

Hildur Guðnadóttir


Vikingur Ólafsson: Bach Reworks

Der »Senf« unserer Autoren ...
Nicht immer sind wir alle einer Meinung. Zur »CD des Monats« wählen wir deshalb gern eine CD, die Meinungen polarisiert.
Dazu geben - neben dem Rezensenten selbst - immer vier unserer Autoren ihren Senf dazu ab.

Ich finde auch, das ist eine wunderbar kuratierte und dramaturgisch gestaltete Platte, die zeigt, wie zeitgemäß DG sein kann. Vor allem die Zusammenarbeiten mit dem Wahlisländer Ben Frost und mit Skúli Sverrison sind famos. Fragwürdig und nicht nachvollziehbar ist, dass das Album nicht als CD erscheint. Eine Produktion, die so von elektronischen Sounds geprägt ist, verliert auf Vinyl ja doch auch etwas von ihrer klanglichen Komplexität. Nichtsdestoweniger: Tolle LP!
Ingo J. Biermann

Für dieses ebenso auf- wie anregende Klangabenteuer sollte man sich viel Zeit lassen! Was der wunderbare Johann Sebastian Bach wohl dazu sagen würde?
Eva-Maria Vochazer

Absolute Zustimmung! Selten hat sich jemand so kreativ, so sehr mit offenem Geist mit Bach beschäftigt. Ólafssons reine Klavierstücke klingen tatsächlich ganz anders, aber die eigentliche Überraschung sind die Arbeiten der Kollegen aus der Elektro-Werkstatt. Beides zusammen ist absolut grandios!
Tim Jonathan Kleinecke


Peter Bickel

 

Johann Sebastian Bach
( 2018, Deutsche Grammophon /Universal 483 5022 )

Im Jahr 2017 debütierte der isländische Pianist Vikingur Ólafsson bei der Deutschen Grammophon und man ließ ihn dort, vielleicht um sich aus der Masse der klassischen Klavierinterpretationen herauszuheben, die »Études« des oftmals der Trivialität gescholtenen Minimal-Musikers Philip Glass interpretieren. Ausgerechnet! Und diese führte der junge Mann, der auf den Covern aussieht wie ein grundsolider Sparkassen-Filialleiter, bei dem man nur zu gerne einen Bausparvertrag abschließen würde, mit einer solchen Vitalität bei gleichzeitiger Detailtreue auf, dass Glass ihn kurzerhand dazu einlud, seine »Études« bei einer gemeinsamen Konzertreise zu interpretieren.
 
Um es vorweg zu nehmen: Die Anerkennung, die ihm für dieses Debüt entgegenschwang, dürfte ihm auch für seine aktuelle Bach-Interpretation zuteil werden. Sprichwörtlich im Mittelpunkt der 35 Tracks auf dem Album steht die Aria variata BWV 989, das neben den Goldberg-Variationen einzige Variationenwerk Bachs für Klavier. Einen weiteren Schwerpunkt bilden einige Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier. Um diese Werke gruppiert sich eine klug ausgewählte Sammlung von Inventionen, Phantasien, aber auch Chorälen und Orgelkonzerten. Stücken also, die von Bach ursprünglich nicht für Klavier komponiert und erst später transkribiert wurden.

Klug ist die Auswahl deshalb, weil sie nicht nur den christlich-pastoralen Bach präsentiert, sondern auch den den weltlich-verspielten, den überschwänglichen, ja den provokanten. Und weil sie dem Pianisten alle Möglichkeiten zur Interpretation ermöglicht. Ólafsson erweist sich hier als Kenner der Materie, er hat die wesentlichen Schulen der Bach-Interpretationen studiert. Als »Glenn Gould der Geysire« (New York Times) macht er sich bisweilen tatsächlich die rhythmische Strenge des Kanadiers zu eigen, wirft aber dessen verschrobene Introvertiertheit über Bord und präsentiert uns auch einen farbigen, einen mächtigen und auf jeden Fall modern interpretieren Bach. Er kann sich somit von den Vorbildern befreien und macht sein ganz eigenes Ding daraus – typisch skandinavisch eben. Ein wunderbares Album, bei dem eigentlich nur eine Frage offen bleibt: Was halten die Skandinavier eigentlich von Bausparverträgen? (stv)


Siehe auch:
Jóhann Jóhannsson

Vikingur Ólafsson: Johann Sebastian Bach

 

Philip Glass · Piano Works
( 2017, Deutsche Grammophon /Universal 479 6918 , Einspielung: Oktober 2016 )

Mit dieser Zusammenstellung von »PIANO WORKS« des großen amerikanischen Komponisten Philip Glass, rechtzeitig zu dessen 80. Geburtstag im Januar 2017 veröffentlicht, legt der junge, vielgelobte Isländer Vikingur Ólafsson ein starkes Debütalbum vor; und zwar nicht irgendwo auf einem einem kleinen isländischen Label, sondern gleich bei der Deutschen Grammophon. Dort im Hause ist man jüngst bestrebt, verstärkt auf alte Traditionen zu bauen, weshalb der markante gelbe DG-Rahmen seit kurzem wieder knapp ein Drittel des CD-Covers füllend auf den Veröffentlichungen prangt.

Kein schlechter Start für den 32-jährigen Pianisten von der Atlantikinsel also: Mit einem Philip-Glass-Album kann man sich durchaus sehen lassen, zumal wenn die Auswahl der Stücke auf bislang weniger exzessiv zu hörende fällt. Abgesehen vom »Opening« der »Glassworks« aus dem Jahr 1981 hat sich Ólafsson auf eine eigene Auswahl von Glass' »Études« beschränkt, die zwischen 1991 und 2012 komponiert wurden (veröffentlicht in zwei Büchern à 10 Etüden). Und der Interpret traf nicht nur eine Auswahl von zehn Stücken (zuvor hatte er alle 20 in London gespielt), die er auf seine eigene Weise anordnet, obendrein bietet er in der Mitte des Programms die Étude Nr.2 sowie abschließend auch das »Opening« jeweils in einem »Rework« von Christian Badzura, d.h. in Adaptionen mit Streichquartett, hier dem Siggi String Quartet. Badzura hat, nebenbei bemerkt, in Lübeck Klaviermusik studiert und arbeitet als »Artists und Repertoire Manager« beim der Deutschen Grammophon, d.h er sucht die Künstler für das Traditionslabel und hat wohl auch Ólafsson unter Vertrag genommen.

Wie Philip Glass zu den beiden zusätzlichen Varianten steht, ist nicht verbucht, und wahrscheinlich wären sie auch nicht nötig gewesen, denn der Interpret überzeugt als Solist sehr mit seinem recht leichten, schwebenden Tonfall, fast als ob er Vorurteilen isländischer Natur- und Traummystik die Hand reichen wollte. Doch tappt er nie in die Klischeefalle, sondern beweist in dieser Lesart stets einen eigenen Blick, die gerade bei Studienwerken wie diesen gefragt ist. So gelingt es Ólafsson, sowohl seinen poetisch-nordischen Blick als auch eine selten zu erlebende Seite des Komponisten klug und unaufdringlich zur Geltung zu bringen. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
»Opening« from »Glassworks« (1981)
Études No. 2, 3, 5, 6, 9, 10, 13, 14, 15, 18 (1991-2012)



Siehe auch:
Vikingur Ólafsson spielt Jóhann Jóhannsson

Vikingur Ólafsson: Philip Glass · Piano Works

Offizielle Website      http://www.vikingurolafsson.com



Neuheiten | CD-Rezensionen | Artikel | Service | Suche | Impressum | Datenschutz

CD des Monats | Nach Genre | Nach Land | Nach Musiker | DVDs | Erweiterte Suche

              

© 2000 - 2019, Design & Programmierung: Polarpixel