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Alle Rezensionen zu Martin Rane Bauck (geb. 1988)
(Genre »Klassik«, Land »Norwegen«)

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Martin Rane Bauck: Through a network of illuminated streets
Ensemble neoN · Heather Roche · Ole Martin Huser-Olsen
(2019, LAWO Classics/New Arts International LWC1171, Einspielung: November 2017)

Das Werk eines bislang (weitgehend) unbekannten Komponisten zu entdecken und zu erkunden, ist nicht selten eine reizvolle Sache. So besteht auch für Produzenten und Plattenlabels die herausfordernde Aufgabe, eine sinnvolle und angemessene Präsentation zu finden, gerade auch, wenn dem Nachwuchstalent eine ganze CD gewidmet wird. Das Osloer Label LAWO Classics machte sich in den etwa 12 Jahren seines Bestehens sowohl um spannende Interpretationen bereits etablierter Komponisten aus den Händen zeitgenössischer norwegischer Künstler/innen und Ensembles verdient als auch um das Vorstellen neuer Stimmen. Für dieses Debütalbum des 1988 geborenen Osloer Komponisten Martin Rane Bauck wurden im November 2017 in der Sofienberg-Kirche fünf Werke unterschiedlichen Umfangs und vielfältiger Besetzungsgrößen eingespielt.

Die Eröffnung scheint mutig – mit einem fast konfrontativen Understatement: Bei dem 2014 komponierten »fretted with golden fire« [Kleinschreibung dient in der zeitgenössischen Musik seit ein paar Jahren als untrüglicher Hinweis auf großes Hipster-Bewusstsein, wie auch unzählige Ensemblenamen in Kleinbuchstaben belegen] handelt es sich nämlich um ein simples, ja schmuckloses Solo für Gitarre (Ole Martin Huser-Olsen) in drei Sätzen, das man ohne Vorkenntnisse von Baucks reduzierter Klangwelt leicht als ambitionslos hingeworfene Improvisation missverstehen könnte, was daher fast verhindert, dass man die CD überhaupt weiterhört. Allerdings wird man bald erkennen, dass Baucks andere Werke in ihrem spröden Minimalismus teilweise deutlich weiter gehen. Gleich das folgende Duo »sfumato« (italienisch für »verschwommen«) liebt die Stille nämlich sogar noch mehr, die Musikerinnen des Ensemble neoN sind mit derartiger Reduktion freilich bestens vertraut und wissen, wie die karge Konzeption aus Nichtgesagtem spannungsreich dargeboten werden kann, nein: muss. Violinistin Vilde Sandve Alnæs spielt Derartiges schließlich etwa meisterlich im Improv-Duo Vilde&Inga, so dass sie sich hier im stillen Duett mit der Cellistin Inga Grytås Byrkjeland quasi zu Hause fühlen dürfte. Die Beiden sind die einzigen, die in mehreren (drei) der fünf Werke dieses Programms mitwirken. Schön ist dann auch, wie »wie tau von dem frühgras« (der Titel ist ein Rilke-Zitat) sich unterbrechungslos anschließt, es steigen einfach Flöte, Klarinette, Perkussion, Klavier und Viola ein, die radikale Konzentration aufs Wesentliche bleibt, wenngleich mit vergrößerter Dynamik.

Einen sehr sprechenden Titel gab Bauck auch »kopenhagener stille«, einer 17-minütigen Komposition für Klarinette solo. Es spielt die kanadische Musikerin Heather Roche, die nach einem Studium im englischen Huddersfield lange Zeit in Köln lebte, mittlerweile in London eine Heimat fand, in den letzten Jahren großes Engagement in der Neuen Musik an den Tag gelegt und eine in diesem experimentellen Bereich ungewöhnlich große Internet-Bekanntheit erreicht hat. Der Titel verweist auf Baucks Studienjahre in Kopenhagen, während der er Roche kennenlernte, die zu jener Zeit für eine Residenz in der Stadt weilte, dem dänischen Pendant des deutschen DAAD-Aufenthalts in Berlin, und ein Solostück bei ihm anfragte. Man sollte sich seinen Essay im Beiheft zu Gemüte führen, um diesem ambitionierten und trotz Sperrigkeit und Monotonie sehr faszinierenden Werk nahe zu kommen. Neben Kopenhagen war einer der Bezugspunkte hier die monotone Autofahrt durchs futuristische Tokio in Tarkowskijs Film »Solaris«.

Die CD schließt mit dem 14-minütigen »Misantropi IV« für Sopran, Theorbe, Cello und Violine, der jüngsten Komposition der fünf. Auch sie scheint unmittelbar aus der vorhergehenden hervorzugehen, setzt aber dann teils überraschend raue und schneidende Klänge ein. Mit dieser Zusammenstellung präsentieren uns LAWO Classics und das Ensemble neoN mit Martin Rane Bauck eine durch und durch eigenwillige junge Stimme der norwegischen Neuen Musik. Seine Musik ist das extreme Gegenteil von anbiedernd, aber eben darum umso wertvoller. Denn die große Klarheit, die sehr leise Poesie und auch der Mut in Baucks Stücken verleihen diesem zeitgemäßen Werk eben jene Qualitäten, die Kunst heute und zukünftig benötigen. (ijb)

Mit folgenden Werken:
»fretted with golden fire« (2014) für Gitarre solo
»sfumato« (2014) für Violine und Cello
»wie tau von dem frühgras« (2013/16) für Ensemble
»kopenhagener stille« (2014) für Klarinette solo
»Misantropi IV« (2016–17) für Sopran, Theorbe, Violine und Cello



Siehe auch:
Ensemble neoN
Jan Martin Smørdal & Ensemble neoN

Susanna and Ensemble neoN

Vilde&Inga


Martin Rane Bauck: Martin Rane Bauck: Through a network of illuminated streets

Offizielle Website      http://www.martinbauck.no



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