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Lange Rezensionen 1 - 5 von 21 im Genre »Beats« und Land »Island« (insgesamt 27)

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Apparat Organ Quartet: Pólýfónía
(2011, Crunchy Frog /Soulfood 14020 )

Das Schöne an Geisterbahnen ist, dass sie nicht nur billigen Trash-Grusel erzeugen, sondern gleichzeitig auch noch quietschbunt und superartifiziell sind und einen geheimen Zugang in die Sphären anarchischer Kindsköpfigkeit gewähren. Fast zehn Jahre haben sie sich Zeit gelassen, aber mit ihrem Zweitling »PÓLÝFÓNÍA« starten die fünf Herren vom Apparat Organ Quartet (vier Keyboards, ein Schlagzeug!) einen Trip durch Kirmes-Geisterbahnwelten, wobei sie die Tanzbude nicht auslassen. Wir wollen hier schließlich kindischen Spaß auf hohem Niveau haben!

Die neun Songs schreien vor allem eines: Retro! Siebziger! Sie rufen laut nach der mystischen Vereinigung von Vangelis mit John Carpenter, von Kraftwerk mit Goblin, von Horror mit Disco, von Kunstkino mit Lovecraft-Novellen. Über allem kreist die große Glitzerkugel und grinst hinreißend hinterhältig. Schlager und Melodram werden hier von anarchischen Elektroniknerds auf die Bühne gezerrt: Songs wie »Síríus Alfa« verführen gar zu hemmungslosem Abtanzen, während bei »Söngur Geimunglingsins« wieder dräuende Nebel des Grauens aufziehen und wir uns liebend gerne in starke Arme flüchten. Dass die finnischen Gesinnungsgenossen von Desert Planet über Aavikko bis zuletzt Nightsatan mit ähnlichen Stilmitteln arbeiten, wollen wir mal nicht mäkelnd anführen. Lieber uns mit dem Kopf voran in bonbonbunt-bedrohliche Parallelwelten stürzen. (emv)



Mehr CDs von Apparat Organ Quartet



Siehe auch:
Desert Planet
Nightsatan

Aavikko


 Apparat Organ Quartet: Pólýfónía

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Ólafur Arnalds & Nils Frahm: Collaborative Works
( 2 CDs, 2015, Erased Tape Records /Indigo ERATP074CD )

Ólafur Arnalds und Nils Frahm, die beiden Neo-Elektro-Komponisten aus Island bzw. Deutschland, die gleichermaßen im Pop wie in der Avantgarde zu verorten sind, machen, was sie wollen. Und das ist das große Plus, das besondere Etwas, das Alleinstellungsmerkmal ihrer Zusammenarbeit. Während beide als charmante Individualisten in ihrem jeweiligen Bereich stets begeistern [manch einen begeistert das eine Album mehr, mich zum Beispiel Frahms mutiges Livealbum »Spaces«, manch andere lieben eher die eleganten New-Age-beeinflussten Pop- und Piano-Entwürfe], verbinden die jenseits aller Erwartungshaltungen in reiner Freundschaftsbegegnung entstandenen »COLLABORATIVE WORKS« das Beste beider Welten. Zwanglos beweisen Ólafur und Nils, was Musizieren tatsächlich bedeuten kann: Sie spielen mit einander ihre Instrumente. Nur einmal gastiert Anne Müller mit ihrem Cello.

Da ist selbstredend nicht alles genial — aber alles ist hörenswert. Zu Beginn erinnert man sich an den warmen Elektro-Sound von Actress' »Splaszh« [Ist das noch Techno oder schon Ambient?], doch der Track wechselt auf halber Strecke total die Richtung. Manches mäandert lustig oder entspannt in der Gegend herum, anderes (»Wide Open«) fasziniert als fluffige Skizze formschöner Beats und Knistersounds, wieder anderes taucht 13 Minuten lang in die Melancholie ab. Dies sei kein Album, schreiben die beiden in den Anmerkungen, doch da widersprechen wir: Es ist eins, und zwar ein wirklich feines, ein Doppelalbum, eine Art Tagebuch-Release fünf gemeinsamer Jahre. Denn CD1 versammelt noch einmal die zauberhaft unprätentiösen drei Duo-EPs (7"/10"/12"), damit jetzt keiner mehr viel Geld für die teuren Sammlerstücke ausgeben muss. Und CD2 lädt ein zu einer nächtlichen Reise mit Ólafur Arnalds und Nils Frahm, einer frei improvisierten Video-Session im Juli 2015, als in Berlin der heißeste Sommer seit Menschengedenken herrschte.

Leichte Musik, bei der ganz vieles passiert. Wir freuen uns schon jetzt auf alles, was noch kommt. Macht bitte nur einfach weiter, was ihr wollt. (ijb)



Siehe auch:
Ólafur Arnalds
Arnalds & Ott

Anne Müller


Ólafur Arnalds: Collaborative Works

Offizielle Website

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Bistro Boy: Svartir Sandar
(2016, Möller Records Helga052 )

Die klassische Pianolektionen waren Frosti Jónsson irgendwann zu fad. Immer nur schwarze Fitzelchen vom Blatt ablesen, wie langweilig! Der Musiker aus Reykjavík, der unter dem Künstlernamen Bistro Boy antritt, hat bei sanft blubbernden Beats seine neue Heimat gefunden. Sein zweites Album »SVARTIR SANDAR« (übersetzt: schwarzer Sand) ist ein gelassenes, fast schon meditatives Spiel mit den verträumten Elementen des loungigen Elektropop geworden. Was hat es mit dem schwarzen Sand auf sich? Ganz einfach: Dieser ist in Massen an den Stränden im Südosten Islands zu finden, wo Bistro Boy aufgewachsen ist. Der Landstrich gilt als eine der am dünnsten besiedelten Ecken der Atlantikinsel. Schwarzer Sand, der Himmel, das Meer und sonst nichts. Im feinen Track »Gola« pfeift der Wind durch klare, reduzierte Soundstrukturen.

Tiefenentspannt sind diese teils instrumental eingespielten Sound ausgefallen. Aber wer auf chillig-verspielte Sounds steht, wird am quirligeren »Sumarnótt« seine Freude haben. Sphärische Klänge beherrscht der Mann übrigens auch, wie er mit dem Downtempo-Track »Sandfok« beweist. Bisschen Vangelis oder dem Landsmann Jóhann Jóhansson gelauscht? Bistro Boy hat sein Album übrigens beim führenden isländischen Elektroniklabel Möller Records herausgebracht, zu deren Mitbegründern er gehört. Beats aus Reykjavík: Klingen ziemlich anders! (emv)

 Bistro Boy: Svartir Sandar

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Bjarki: трип 007: »Б«
( LP, 2016, Trip TRP007 )

Bjarki Runar Sigurdarson war 2015 der erste Künstler auf Nina Kraviz' Label трип, der zwischen den teils exzellenten Compilations eine eigene Platte bekam, »Arthur And Intergalactic Whales« mit dem Hit »I Wanna Go Bang«. Nicht überraschend also, dass Kraviz auch sein erstes Album herausbringt. Dennoch ist, angesichts seiner vielen tollen Tracks auf den bisherigen трип-Releases, bemerkenswert, dass Bjarkis Debüt nicht nur fast 70 Minuten lang wurde, sondern auch, dass zwischen Juni und Oktober gleich drei Alben erscheinen – mit insgesamt 41 Tracks. Nun werden nicht wenige Quantität statt Qualität befürchten, doch was die 13 Tracks auf »Б« betrifft, ist diese Sorge unbegründet. Bjarki hat schlicht Unmengen guten Materials auf seiner Festplatte angehäuft, das nun in die Welt hinaus darf – zur Freude vieler Techno- und IDM-Liebhaber.

Anders als bisherige трип-Platten erscheint »Б« mit gänzlich weißem Cover, nicht einmal der Name des Künstlers wird auf der Vorderseite genannt. Dies überdeckt die Tatsache, dass der in Nordisland geborene Musiker ein eklektisches Retro- Album vorgelegt hat. In Film, Musik und Mode werden derzeit die Neunziger aufgegriffen – so auch hier. Markanter geistiger Pate der Tracks ist Aphex Twin bzw. AFX, der auf трип 006 »When I was 14« unlängst gemeinsam auf einer Platte mit dem 19 Jahre jüngeren Bjarki zu hören war und dessen Einfluss sich durch die Vielseitigkeit des gesamten Albums zieht, sowohl was Tracknamen wie »Midi 14-Aug-2« oder »Opalocka Acid groove 12 bit mix« betrifft als auch ihre IDM-Soundwelt. Und sind Sigurdarsons Stücke auch deutlich weniger weird und sprunghaft, mit dem großen britischen Kollegen verbindet ihn, dass er die Ideen nicht endlos auswalzt; kein Track ist kürzer als vier Minuten, doch sind sie häufig songhaft kompakt, weniger club-funktional als vielmehr persönlich.

Er produziere die Musik recht flott, wie eine Art Foto, mit dem er einen Moment einfange, beschrieb Bjarki seine Arbeitsmethode vor einem Jahr bei seinem aus unveröffentlichten Stücken montierten Resident-Advisor-Podcast. Reichen die Vorlieben (wie die Titel verraten) auch bis in die frühen Neunzigerjahre zurück, weisen Bjarkis Tracks doch in sorgfältig produzierte zeitgemäße Richtungen. Hier und da wünschte man vielleicht etwas mehr Originalität, doch wenn 13 Nummern derart überzeugend klingen, im Club wie zu Hause, wird kein Liebhaber des Genres enttäuscht sein. Denn der Isländer liefert Qualität mit Abwechslung. (ijb)



Siehe auch:
трип 006 »When I was 14«
Bjarki alias Gurk


 Bjarki: трип 007: »Б«

Audio-Link Offizielle Website

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Bloodgroup: Dry Land
(2009, Record Records RECCD005 )

Wir lieben Synthies! Wir lieben melodramatische Gefühle! Wir lieben neonfarbene Künstlichkeit! Bloodgroup stecken auf ihrer zweiten Veröffentlichung »DRY LAND« knietief in den 70ern und lassen die Discokugel so rasant kreisen, dass selbst Altmeister wie Lips Inc schwindelig werden könnte. Aber so einfach ist die Sache nicht. Denn die vier Isländer rund um Sängerin Lilja, die fast alle aus dem Dörflein Egilsstaðir stammen, spielen souverän musikalische Verkleidespiele und greifen mit viel Verve in die Requisitenkiste: Soul, Afrobeat, stylisher Elekrokram und jede Menge Hedonismus. Zeitweise klingen sie wie die Talking Heads in ihren coolsten Zeiten, dann melancholisch-elegisch wie die Smashing Pumpkins und zwischendurch ist Über-Dancing-Queen Robyn Regentin. Und irgendwelche flüchtigen Kobolde treiben zwischen den Noten ihren Schabernack, so dass Bloodgroup sich immer wieder elegant allen vorschnellen Definitionen entziehen. Huch!

Klein-Klein ist nichts für die drei isländischen Geschwister und ihren Faröer Freund Janus. Aber wen kümmert das, wenn es ums lustvolle Abtanzen und übermütige Übertreiben geht? Wo doch über elf Tracks eine anarchische Leichtigkeit flirrt? In Island war »DRY LAND« eines der erfolgreichsten Alben des Jahres und räumte den renommierten Kraumur-Preis ab. Am besten gefällt hier aber die poppig-nachdenkliche Herzschmerz-Ballade »Moonstone« Hach! (emv)

 Bloodgroup: Dry Land

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