Nordische Musik » CD-Rezensionen » Nach Land » Klassik » Dänemark
Zur Hauptseite
Neuheiten Artikel Service Suche Impressum

Zur ersten Rezension

Zurück

Lange Rezensionen 11 - 20 von 60 im Genre »Klassik« und Land »Dänemark« (insgesamt 60)

Weiter

Zur letzten Rezension

Zeige   5 | 10 | 20 | alle   Rezensionen auf einer Seite

Nach oben

Dietrich Buxtehude:
Dietrich Buxtehude: Vocal Music Vol. 1
(2007, dacapo /Naxos 8.557251 )

Pünktlich zu Buxtehudes 200. Todestag landet Naxos einen richtigen Coup. Denn mit der Wiederveröffentlichung dieser CD (sie erschien einst beim dänischen Label dacapo) wird der leider noch immer viel zu wenig beachtete norddeutsche Meister nun hoffentlich auch einem breiteren Publikum bekannt werden. Er darf als einer der wichtigsten Komponisten des so genannten »Stylus phantasticus« gelten – und ohne die trockene Theorie zu bemühen, wird man die mit diesem Begriff verbundene unerschöpfliche Kreativität wohl auch besser hörend begreifen.

Als Lübecker Marienorganist hatte Dietrich Buxtehude (1637–1707) vor allem die musikalischen Bedürfnisse seines kirchlichen Brötchengebers zu bedienen – doch man muss nicht gleich die Hände falten, um an den hier eingespielten geistlichen Kantaten sein Vergnügen zu haben. Ohnehin lohnt die Produktion allein schon wegen des wundervollen glockenreinen Soprans von Emma Kirkby. Kurz und gut: für wenig Euros viel zu hören! (mku)

Dietrich Buxtehude: Dietrich Buxtehude: Vocal Music Vol. 1

Nach oben

Copenhagen Phil & André de Ridder:
Bryce Dessner: St. Carolyn by the Sea
Jonny Greenwood: Suite from "There will be Blood"
(2014, Deutsche Grammophon /Universal )

Bryce Dessner ist der aufsteigende Star der zeitgenössischen »Klassik«-Szene, dessen Werke derzeit bei einigen Orchestern angesagter Metropolen auf dem Programm stehen. Mit Jonny Greenwood hat der 1976 geborene Amerikaner nicht nur gemein, dass er als Gitarrist einer gleichermaßen von Kritikern wie Fans verehrten Rockband weltbekannt wurde, sondern auch, dass er sich als Komponist auf die Avantgarde der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezieht. Auf den Polen Lutosławski können sich beide einigen, doch wo sich der fünf Jahre ältere Brite Greenwood vornehmlich mit Filmmusik von seiner Stammband Radiohead emanzipierte und eher auf Dissonanzen und harsche Kontraste à la Penderecki setzt, lässt sich bei Dessner vielmehr die oft etwas irreführend als Minimal Music bezeichnete Stilistik von Steve Reich und Philip Glass heraushören.

Was sowohl für Greenwood als auch für Dessner spricht, ist der Verzicht auf naheliegende — und oftmals geschmacksgrenzwertige — Vermengung von Rockmusikelementen und klassischer Komposition. (In dieser Hinsicht erreicht derzeit niemand die Qualitäten des Esten Erkki-Sven Tüür.) Die in »St. Carolyn by the Sea« und »Raphael« auftauchenden elektrischen Gitarren sprengen niemals den orchestralen Rahmen. Leider lässt sich aber auch festhalten, dass Dessners drei jeweils rund viertelstündige Werke kaum einmal konservativer Orchestercouleur etwas Eigenes entgegensetzen, — am ehesten noch im dräuenden Impressionismus von »Raphael«, der ein wenig an die Kanadier von Godspeed You! Black Emperor erinnert — sondern allzu gefällig bekannte Versatzstücke zusammenfügen; unterhaltsam und sympathisch allerdings. Ganz im Gegensatz dazu Greenwood: Dessen Suite aus der überragenden Filmmusik zu »There will be Blood« wirkt freilich leider ein wenig pflichtschuldig hinten angehängt, und da hiervon bereits mustergültige Einspielungen auf dem Markt sind, bleibt die solide Einspielung der Copenhagen Phil zwar kurzweilig, aber fast vernachlässigbar. (ijb)



Siehe auch:
Erkki-Sven Tüür

 Copenhagen Phil: Bryce Dessner: St. Carolyn by the Sea <br>Jonny Greenwood: Suite from "There will be Blood"

Nach oben

Corona Guitar Kvartet:
Jonas Tamulionis - Selected Compositions For Guitars
(2005, Albany Records TROY811 )

Voller Zufälle und Anekdoten ist die Entstehungsgeschichte dieser CD – in aller Ausführlichkeit spannend nachzulesen im vorbildlichen Booklet. Nur soviel: Das dänische Corona Guitar Kvartet und das italienische Duo Lapoli spielen hier Werke des Litauers Jonas Tamulionis für eine bis vier Gitarren. Und dieses gesamteuropäische Porträt-Projekt kann sich hören lassen – vom Niveau der Kompositionen über die herausragenden Interpreten bis hin zum klaren und präsenten Klang der Aufnahme.

Extra für die CD komponierte Tamulionis den Opener »Perpetuum Mobile«, ein suggestives, schwebendes Stück, das in einer großen Wellenbewegung an- und wieder abschwillt. Das Duo Lapoli steuert eine Sonate für zwei Gitarren bei, die die Instrumente zu einem einzigen verschmelzen lässt. Hier nutzt Tamulionis viele effektreiche Spieltechniken: schnelle Repetitionen, heftige Ausbrüche, aber auch ganz zart-melancholische, abgedunkelte Klänge, die ein bisschen an Erik Satie erinnnern. Ester Poli, die eine Hälfte des Duos, reduziert den Klang im Anschluss auf nur eine Gitarre, was der Intensität der »Eleven Preludes« jedoch keinen Abbruch tut. Die Miniaturen, in die sie sich hoch emotional vertieft, sind punktgenaue Charakter- und Technikstudien, oft wüst oder leicht verschroben.

Das abschließende und eher abstrakte, aber ebenso wirkungsvolle »Per Suonare a Quattro« ist ein Auftragswerk für das Corona Guitar Kvartet. Den Anfang machte eine geräuschhaft rasende und schrammelnde Klangfläche, aus der sich die zentralen Harmonien des Werkes herausschälen. Mal komplex, mal minimalistisch transformiert Tamulionis hier seine Hauptmotive. Selbst in der durchweg hochwertigen Diskographie des Corona Guitar Kvartets nimmt diese spannende CD einen Spitzenplatz ein. (sep)

 Corona Guitar Kvartet: Jonas Tamulionis - Selected Compositions For Guitars

Offizielle Website

Nach oben

Corona Guitar Kvartet:
Just Before The Dawn
(2001, Tutl FKT 17 )

Um es vorweg zu sagen: Diese Musik ist keine, die einen überfällt. Vier Gitarren, die verträumt versponnene Linien übereinander malen, so wie die Tuschekringel des künstlerisch gestalteten Covers von Lone Høyer Hansen: In die dämmrigen Klänge von Dan Mortensteins »Foreplay« muss sich der Hörer bewusst hineinschrauben. Und entdeckt dort unverhoffte Tiefen.

Das Corona Guitar Kvartet hat das gut zwanzigminütige Werk beim färöischen Exquisit-Label Tutl verlegt, ergänzt durch eine kleine atmosphärische Studie für Klavier und gesampelte Naturgeräusche, die Komponist Dan Marmorstein für die Platte selbst beigesteuert hat. »Foreplay« ist eine Musik der kleinen Ereignisse, der verdeckten Erwartungen, mit langsam vibrierenden Einzeltönen und vier Gitarren, die zu einem einzelnen Klangkörper verschmelzen.

Ein bisschen rauschig ist die Aufnahme geraten, was schade ist, weil das von der Stille zwischen den Tönen ablenkt. Trotzdem ist diese kurze, aber aber dafür umso tiefere CD, die dem verstorbenen Ensemble-Mitglied Tom Roy Nielsen gewidmet ist, ein geschlossenes Stück Klangkunst, zu dem man immer wieder zurückkehrt. (sep)

 Corona Guitar Kvartet: Just Before The Dawn

Offizielle Website

Nach oben

Corona Guitar Kvartet:
Northpoints
(2003, Iris Records IRISCD 0301 )

Neue Musik in Dänemark zu fördern, und das für die nicht gerade häufige Besetzung eines Gitarrenquartetts – mit der CD »NORTHPOINTS« liefert das Corona Guitar Kvartet einen gewichtigen Beitrag dazu. Fünf Werke von fünf verschiedenen dänischen Komponisten – vier davon erstmals auf einem Tonträger erschienen, drei im Auftrag des Quartetts entstanden – geben zusammen einen spannenden Stilmix ab.

John Frandsens »Three Dances«, vertrackte kleine Miniaturen, dienen als Ohrenöffner zum Einstieg in die CD. Dann folgt mit Østen Mikal Ores »Neon Enlightened« gleich der erste Höhepunkt: eine flimmernde, atmosphärisch dichte Reise durch die Neonwelten und den tickenden Mechanismus einer nächtlichen Großstadt. Hier klingt komponiertes Licht, das am Ende, zu Tagesanbruch, zur Unhörbarkeit verdämmert. Wayne Siegels »East L.A. Phase« ist deutlich strenger, aber nicht weniger suggestiv: Im Stil der Minimal Music schichtet er hier einfache Muster zu komplexen Geweben übereinander, deren Pulsieren man sich schwer entziehen kann.

Hans-Henrik Nordstrøms »Fluctuations« ist ebenfalls abstrakt gebaut, entwickelt aber mit nervösen Kippfiguren, Zerfaserungen, Verflechtungen und Spaltungen ebenfalls Sogkraft. Svend Hedgaards »Via«, eine epische Reise durch Stimmungen, kommt mal rhythmisch, mal geräuschhaft, mal mit Pausen durchsetzt daher. Diese CD mit Neuer Musik, die ebenso kurzweilig wie hochwertig daherkommt, dazu mit einem vorbildlich informativen und anregenden Booklet: So ein Glücksfall ist selten. (sep)

 Corona Guitar Kvartet: Northpoints

Offizielle Website

Nach oben

Carsten Dahl:
Bach Goldberg Variations
(2014, Tiger Records 0200019021380 )

Bach geht immer. Seit Jahrhunderten wird er gespielt, geliebt und gekauft (auf Tonträgern und in Konzerten). Bach ist und bleibt en vogue, wird wohl nie out of date sein. Also werden auch immer wieder Pianisten (und andere Musiker) die Goldberg-Variationen neu entdecken und sich an ihnen versuchen, hin und wieder einen ganz eigenen Ansatz der Lesart wählen, aber meist im Schatten der ganz großen Interpreten stehen bleiben. Seit Glenn Gould ist zudem jedem klar, dass man nicht mit der falschen Ehrfurcht ans Werk zu gehen hat, sondern dass Mut und Frische mehr als willkommen sind.

Carsten Dahl kennen wir als ambitionierten und vielseitigen Jazzpianisten, wie allein sein 3-CD-Album »Solo Piano« hinlänglich beweist. Zehn Jahre hat er sich angeblich auf diese Einspielung vorbereitet, und die Veröffentlichung war ein überragender Erfolg, ging weg wie warme Semmeln (sowohl auf Vinyl als auch auf CD), wurde trotz des späten Erscheinungsdatums im November das meistverkaufte Klassikalbum in Dänemark 2014. Das ist wie eingangs gesagt einerseits nicht überraschend – andererseits aber doch, denn Carsten Dahl zählt zu jenen, die unangepasst und mutig sind, und sein Bach klingt, sagen wir's mal vorsichtig: speziell. Denn der Däne spielte das gesamte, als überaus schwierig berüchtigte Werk komplett auswendig – und auf einem präparierten Klavier.

Bevor jetzt die Cage-Fans in Vorfreude verfallen, sei zur Vorsicht gewarnt: Der verzerrte Klang, den Dahl und sein Produzent Kæv Gliemann durch Platzierung von »falschen« Metalldrähten von Snare Drums im Klavier erzeugte, ist so ungemütlich und anstrengend, dass man permanent den Eindruck hat, die Lautsprecher (oder die Plattennadel) wären kaputt. Das ist durchaus so beabsichtigt, denn im unterhaltsamen Text im Beiheft schreibt der Musiker: »Ich wollte einen Klang erzeugen, der die Nerven des Zuhörers zerreißt.« Beschreiben lässt sich dies in etwa als krächzende Kreuzung aus Cembalo, Banjo, Kastenklavier und persischer Tar (eine Art Laute). Wie man da als Zuhörer die kompletten 47 Minuten und 34 Sekunden genießen kann, steht wohl auf einem anderen Blatt – und soll man wohl auch gar nicht. Dafür gibt es ja »langweiligere« und vorhersehbarere Einspielungen. Originell ist das zweifelsohne, und Carsten Dahl bleibt den Beweis einer konfrontativen eigenen Interpretation fraglos nicht schuldig.

Für schlappe 4 Euro auch als Download über www.tiger-music.com/en/carstendahl zu erweben. (ijb)

Carsten Dahl: Bach Goldberg Variations

Offizielle Website

Nach oben

Danish String Quartet:
Prism I: Beethoven · Shostakovich · Bach
(2018, ECM /Universal ECM New Series 2561 )

Beethovens Streichquartette, speziell auch die »späten«, in den Jahren 1824 bis 1826 vor seinem Tod 1827 entstandenen, werden häufig zum Anspruchsvollsten gezählt, dem sich Ensembles widmen können. Entsprechend zählen Beethovens Quartette seit jeher zu den beliebtesten Werken der Streichquartettliteratur, und so gibt es zahllose Einspielungen von ihnen. Wenn sich nun das noch recht junge Danish String Quartet als eines der derzeit besten (europäischen) Quartette, nach vielen ungewöhnlichen Programmen mit zeitgenössischen Werken und Arrangements volksmusikalischer Stücken, nun an gleich eine fünfteilige CD-Reihe mit Aufnahmen dieser Großwerke macht, steht selbstredend die Frage im Raum: Was machen die vier Herren aus Dänemark anders?

Nun, der erste Aspekt, der diese Serie unter dem Gesamttitel »PRISM« zu besonderen und hörenswerten Produktionen macht, ist die Kombination, die hier als Rahmen gegeben ist: Jedes der fünf Streichquartette aus Beethovens späten Jahren wird jeweils mit einem großen Quartett eines anderen Komponisten sowie mit einer Fuge von Bach kombiniert. In diesem Fall, »PRISM I«, wurde im November 2016 im Reitstadel Neumarkt mit Tonmeister Markus Heiland und Produzent Manfred Eicher Beethovens Opus 127, das im Mai 1824, 14 Jahre nach dem Vorgängerwerk, dem elften Streichquartett begonnene, erste seiner »späten Quartette« gemeinsam mit Schostakowitschs Fünfzehntem eingespielt.

Zunächst darf man Schostakowitsch wohl gerade so noch zur zeitgenössischen Musik zählen, wenngleich der russische Komponist 1906 geboren wurde und nach vorherrschender Meinung seine großen Werke in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schrieb. Viele Liebhaber seines Œuvres (darunter der Autor dieser Rezension) schätzen indes Schostakowitschs Spätwerk ganz besonders (was keine Geringschätzung seiner weitaus populäreren »Klassiker« meint). In den stillen, sehr intensiven und letztlich ungeschützt persönlichen späten Kompositionen, die sich von den frühen Werken wie seinen Opern und den kräftigen »Großwerken« wie bspw. dem 8. Quartett oder den Sinfonien Nr. 4, 5 oder 7 doch sehr unterscheiden, gab der Komponist mehr Einblick in sein Innenleben, zumal es nicht mehr zum Besten um seine Gesundheit stand. Auch wenn diese späten Werke den großen Meister zeigen, gibt es von ihnen, inkl. dem 15. Quartett, nicht wirklich viele Einspielungen, die konkurrenzfähig sind.

Das 15. Streichquartett, sein längstes und letztes, das er 1974, ein Jahr vor seinem Tod in einem Moskauer Krankenhaus fertigstellte – nach diesem Opus 144 konnte er nur noch zwei Liedersuiten für Bass und Klavier und die grandiose Bratschensonate op. 147 fertigstellen – ist bekannt dafür, dass es über rund 35 Minuten aus sechs langsamen Adagio-Sätzen besteht, die »attacca« ineinander übergehen. Schostakowitsch hat sich besonders in späten Werken gerne von konventionellen Formen entfernt und kompositorisch sehr reduzierte Mittel wie Zwiegespräche und einfache Strukturen eingesetzt. Es ist dies eines seiner bewegendsten Werke und wohl das intimste seiner 15 Quartette. Die tiefe Melancholie der Musik hat die Stimmung und die Qualitäten eines Requiems.

Den Bogen zum späten Beethoven kann man hier nicht zuletzt über dessen ins Transzendentale weisende Frage »Muss es sein?« ziehen, mit der er seinen Quartettzyklus zum Ende führte. Auch Schostakowitschs Quartette bejahen diese Frage mit Nachdruck: Noch im Krankenbett bringt er diese Noten zu Papier, nüchterne, latent morbide (es-Moll) und geradezu vergängliche Einfachheit und Klarheit. Bei einer Probe soll er den Musikern damals gesagt haben, sie sollen das Stück so spielen, »dass die Fliegen tot in der Luft herunterfallen, und das Publikum aus reiner Langeweile beginnt, den Saal zu verlassen.« Letzteres wird den Hörern des Danish String Quartet nicht passieren. Beethovens Werk, das den meisten Hörern weitaus vertrauter sein wird, kreist nicht so offensiv um Leiden, Sterben und den Blick aufs des Lebensende, doch die Parallelen sind spürbar und greifbar von den Musikern herausgearbeitet worden.

Das perfekt ausgewählte Covermotiv von Maler Eberhard Ross setzt einer herausragenden Veröffentlichung die Krone auf. Sollte Ihr Interesse an Dmitri Schostakowitsch oder Streichquartettmusik auch unbeständig sein, führt kein Weg an dieser CD vorbei. Wenn Sie 2018 auch nur eine CD mit »klassischer« Kammermusik kaufen, dann ist diese eine der besten Optionen. (ijb)



Siehe auch:
Danish String Quartet: Adès / Nørgård / Abrahamsen
Danish String Quartet: »Last Leaf«

Paavo Järvi: Dmitri Schostakowitsch

Joachim Kwetzinsky spielt Schostakowitsch


 Danish String Quartet: Prism I: Beethoven · Shostakovich · Bach

Offizielle Website

Nach oben

Det Kongelige Danske Musikkonservatorium:
The Royal Danish Academy of Music 1867 – 2017
(2017, dacapo /Naxos 8.201202, 12 CDs )

Den 150. Jahrestag des Königlich Dänischen Konservatoriums (Det Kongelige Danske Musikkonservatorium) feierte Kopenhagen 2017. Die Fachhochschule für Musik und Tanz zählt seit jeher zu den führenden Musikinstitutionen des Landes, und international renommierte Musiker unterrichteten und/oder studierten dort. Die Akademie wurde 1867 als »Københavns Musikkonservatorium« (wie sie bis 1902 hieß) vom Komponisten Niels Wilhelm Gade und dessen Schwiegervater Johann Peter Emilius Hartmann gegründet.

Dacapo Records ist wohl seit seiner Gründung 1989 das führende dänische Label für klassische und neue Musik. Zur Förderung der Musik Dänemarks ins Leben gerufen, versteht sich dacapo als »Danmarks nationale pladeselskab« und veröffentlicht längst auch Jazz und experimentelle Musik. Dieses 12-CD-Box-Set legt jedoch den Fokus auf die sog. »klassische« Musik. Da Gade bis von 1867 zu seinem Tod im Jahr 1890 der erste Direktor des Konservatoriums war, ist es konsequent, dass die Zusammenstellung zum 150. Jubiläum auf der ersten CD »Die Gründerväter« mit zwei jeweils rund 22-minütigen Werken Gades eröffnet, seinem Klaviertrio von 1864 (eine Aufnahme aus dem Jahr 2014) und der zwischen 1840 und 1854 komponierten Klaviersonate, 2016 gespielt von Marianna Shirinyan. Darauf folgen die Fantasie für Orgel (1837, aufgenommen 2005) und die Overtüre für Håkon Jarl (1844, aufg. 1998) von Gades Nachfolger, dem zwölf Jahre vor ihm geborenen, aber zehn Jahre nach ihm gestorbenen Johann Peter Emilius Hartmann.

Die grandiose dacapo-Box versammelt über zwölfeinhalb Stunden etliche Protagonisten der dänischen Musikgeschichte, die allesamt in irgendeinem Zusammenhang mit der Musikakademie standen oder stehen. Auf CD2 »Die Anfänge« folgen Werke von Nielsen, Riisager, Høffding und Holmboe (Aufnahmen aus den Jahren 1941, 1952, 1970, 1979, 1986 und 2006), auf »Nachkriegs-Triumvirat« Holmboe, Koppel und Bentzon, mit historischen Aufnahmen, bei denen u.a. Niels Viggo Bentzon (1919-2000) im Jahr 1942 am Klavier seine »Toccata« einspielt, »Die Staats-Akademie« präsentiert jüngere Aufnahmen von Werken von Koppel, Kayser, Jersild, Westergaard und Nørholm, und CD5 »Crossing Borders« schließlich die fünf noch lebenden Zeitgenossen Per Nørgård, Hans Abrahamsen, Erik Højsgaard, Niels Rosing-Schow und Bent Sørensen mit einer ebenfalls schlaglichtartigen Auswahl von 12 bis 20 Minuten langen Werken.

Die CDs 6 bis 12 legen den Fokus auf die Interpreten, von denen die meisten in ihrer Funktion als Professoren des Konservatoriums verbucht werden. Hier werden die nach Instrumenten zusammengestellten Programme (Orchester; Streicher I/II; Klavier & Blasinstrumente; Stimme & Orgel; Klavier & Cello; Blasinstrumente, Gitarre, Akkordeon & Perkussion) weitaus beliebiger und bruchstückhafter. Einige der Interpreten sind heute auch international bekannt, wie Pianist Niklas Sivelöv, der hier mit Bachs Prelude und Fuge in Cis-Moll aus dem »Wohltempertierten Klavier« (aufg. 2013) zu hören ist, Tenor Tonny Landy oder wieder Niels Viggo Bentzon, hier als Interpret im Jahre 1949 von Schönbergs »sechs kleinen Klavierstücken« (1911) und seiner eigenen Klaviersonate Nr.3 (1946).

So ergibt sich ein gar flickenteppichhaftes Bild der 150jährigen Geschichte der Königlichen Musikakademie, mit einem Sextett von Mozart in einer Aufnahme aus dem Jahr 1947 zwischen Grøndahls Posaunenkonzert (1924) in einer Aufnahme des Danischen Nationalorchesters von 2001 und einem Satz aus Krommers Obenkonzert (1805), gespielt von Bjørn Carl Nielsens 1989, gefolgt von zwei Solostücken des Gegenwartskomponisten Poul Ruders (das erste für Klarinette, das zweite für Gitarre) und nach Nørgårds Trio »Arcana« für Akkordeon, Gitarre und Perkussion von 1970 (aufg. 1984) drei Akkordeon-Nummern von Astor Piazzolla, 2015 eingespielt von Mette Rasmussen. Anderswo treffen Tschaikowsky und Britten auf Boccherini oder Mahler und Haydn auf Nielsen, Donizetti und Nørgård. Eigentlich kann man das kaum in einem Zug durchhören. Da ist es fast erstaunlich, dass die unterschiedliche Klangqualität und vor allem -ästhetik der zahllosen Aufnahmen des dacapo-Katalogs nicht allzu sehr ins Gewicht fällt.

Eine durchaus reizvolle Box, aber man muss sich einzelne (und vollständige) Höhepunkte herauspicken, etwa Gudmundsen-Holmgreens »Triptykon für Perkussion und Orchester« (1985, aufg. 2016), Nielsens Vierte Sinfonie (1914-16, aufg. 2015), beide eingespielt vom RDAM-Sinfonieorchester unter Michael Schønwandt. Oder Schuberts Klaviertrio in b-moll (1828) in einer Aufnahme von 1955, oder Beethovens »Frühlingssonate« in einer Aufnahme mit Violinist Erling Bloch und Pianist Holger Lund Christiansen von 1942. Man kann Perlen finden, aber man wird wahnsinnig, wenn man allen Stücken gleichermaßen viel Aufmerksamkeit schenken will. Das ausführliche und durchaus lesenswerte Beiheft ist bestrebt, die vielen Komponisten (übrigens ausnahmslos Männer) und Interpreten zu kontextualisieren. (ijb)



Siehe auch:
Niels W. Gade
Per Nørgård

Carl Nielsen

Pelle Gudmundsen-Holmgreen


 Det Kongelige Danske Musikkonservatorium: The Royal Danish Academy of Music 1867 – 2017

Offizielle Website

Nach oben

John Ehde:
Sonatas & Scenes – Danish Works for Solo Cello
(2011, CDKlassik CDK 1061 )

Ein Virtuosenalbum für Cello solo, eine Einführung in einige der spannendsten dänischen Gegenwartskomponisten Dänemarks, ein (Selbst-)Porträt eines mutigen und engagierten Solisten, ein dunkler Trip in den Klangreichtum des Violoncellos... so vielfältig wie die Kompositionen, Stimmungen, Stilformen und die klangliche Vielfalt der Musik, so vielseitig präsentierbar ist dieses Album. Der gebürtig schwedische, seit vielen Jahren in Kopenhagen beheimatete Cellist John Ehde stellte für diese ambitionierte CD »Höhepunkte« seiner bereits über 35 Jahre anhaltenden Beschäftigung mit dänischer Neuer Musik zusammen.

Ein Schwerpunkt liegt auf den Sonaten von Per Nørgård (geb. 1932), Ernst von Siemens Musikpreisträger 2016. Ehde und den dänischen Komponisten verbindet, wie es scheint, eine langjährige Verbundenheit und ein gegenseitiger Respekt. Mit den 1953 und 1980 geschriebenen beiden Teilen von Nørgårds zweiter Cellosonate legt die CD gleich zu Beginn einen eindringlichen Höhepunkt vor, der zumindest kompositorisch von vielleicht keinem der folgenden Werke eingeholt werden kann. Eine Nähe zu Schostakowitschs nachdenklicher Innerlichkeit wohnt diesen beiden Stücken inne, doch wird diese im zweiten Teil, »Solo in Scéna«, immer wieder auch von einem raffinierten musikalischen Humor verdrängt. Hier könnte man Ehdes Interpretation als womöglich etwas zu ernst empfinden, zumal das komplette, einstündige Programm selten Raum für Witz und Leichtigkeit bietet.

Selbst das »Fantasy Piece« (1997) von Tage Nielsen (1929-2002) kommt reichlich nüchtern, geradezu desillusioniert und trist daher, als sei ihm jede fantastische Träumerei längst vergangen. Während sich Nielsen auf Schumann bezieht, ließ sich Kim Helweg (geb. 1956) für seine fünfsätzige, generisch »Movements« betitelte Suite (2009) von Bachs Celllosuiten beeinflussen. Das hört man zwar deutlich heraus, doch Helwegs vorwiegend kurze Sätze schwingen sich immer wieder zu Tänzen auf, besonders rasant etwa in »Allegro con fuocco alla Sissophos«, doch auch hier bleibt die Grundstimmung von großer Ernsthaftigkeit durchzogen. John Ehde präsentiert die stilistische Schrankenlosigkeit der postmodernen Komposition mit Verve und Wendigkeit.

Spannend ist die 1992 entstandene »Figure and Ground Study 1« des 1966 geborenen Karsten Fundal. Zwar ein erst einmal sehr formales und sprunghaftes Werk, gelingt es Ehde, es in jedem Moment emotional greifbar zu interpretieren, so dass die vielgestaltigen Stilelemente und kontrastreichen Spieltechniken über die Länge des einen Satzes eine faszinierend schillernde Einheit ergeben. (ijb)



Siehe auch:
Valen Trio
Acoustic Sense

Acoustic Sense & Glas

Jakob Davidsens Kammerat Orkester


John Ehde: Sonatas & Scenes – Danish Works for Solo Cello

Offizielle Website

Nach oben

Niels Wilhelm Gade:
Niels W. Gade: Complete Piano Trios
(2011, Musikprod. Dabringhaus & Grimm MDG 303 1665-2 )

MDG machen sich im Bereich der Kammermusik immer wieder mit klanglich und interpretatorisch sorgfältigen Einspielungen verdient. Dass andere Klassiker – Schumann, Mendelssohn oder Schubert – präsenter in der Geschichte und somit beim Publikum geblieben sind als die Musik von Niels Wilhelm Gade, hat ja leider nicht zwingend mit der kompositorischen Qualität und Zugänglichkeit der Werke zu tun. Anhand dieser CD (und der Erläuterungen im Beiheft) lässt sich jedenfalls ein sehr gutes Bild davon machen, wie lange und mit welch hohem Selbstanspruch Gade kammermusikalisch gearbeitet hat. An erster Stelle präsentiert das Trio Parnassus hier das 1862/63 entstandene Klaviertrio op.42, daneben die fünfsätzigen »Noveletten« op.29 aus dem Jahr 1853. Doch darüber hinaus, und das macht diese Zusammenstellung besonders, werden diese beiden Werke durch verschiedene verworfene Sätze des jungen Komponisten ergänzt: Einen 1839 entstandenen ersten Satz eines letztlich nicht weitergeführten Klaviertrios, mit zwölfeinhalb Minuten das längste Stück der CD, einen ursprünglichen »Allegro con fuoca«-Schlusssatz der »Noveletten«, sowie ein Scherzo, das Gade 1936 als 19-Jähriger für ein Klavierquartett gedacht hatte. Gade komponierte acht Sinfonien und war Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, mit Schumann und Mendelssohn befreundet, Lehrer von Grieg und Nielsen. Seine eigenen Werke legten zunehmend Wert auf klassische Ausgeglichenheit; womöglich spiegelt sich dieser Einfluss durch die deutschen Klassiker wiederum in Griegs Klavierkonzert wider.

Gades Triokompositionen sind dicht und geschlossen, die Melodien jedoch nicht unmittelbar einprägsam, die Kontraste eher fein als offensiv. Man merkt ihnen die lange Reifezeit an. Das »Hauptwerk«, das Trio op.42 ist näher an Schumann, während die früheren Werke sich mehr mit Mendelssohn verbunden zeigen. Die klangliche Sensibilität des Komponisten wird in den Interpretationen des Trio Parnassus überzeugend, gar punktgenau getroffen und tontechnisch warm, präzise und vor allem in positiver Weise unmittelbar auf der CD wiedergegeben. (ijb)

Niels Wilhelm Gade: Niels W. Gade: Complete Piano Trios

Zur ersten Rezension

Zurück

Lange Rezensionen 11 - 20 von 60 im Genre »Klassik« und Land »Dänemark« (insgesamt 60)

Weiter

Zur letzten Rezension



Neuheiten | CD-Rezensionen | Artikel | Service | Suche | Impressum | Datenschutz

CD des Monats | Nach Genre | Nach Land | Nach Musiker | DVDs | Erweiterte Suche

                     

© 2000 - 2020, Design & Programmierung: Polarpixel