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Lange Rezensionen 51 - 60 von 60 im Genre »Klassik« und Land »Dänemark« (insgesamt 60)

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Per Nørgård:
Per Nørgård: Symphonies 1 & 8
( SACD, 2016, dacapo /Naxos 6.220574 )

Es ist schon einmal nicht die übliche Wahl, bei einem Zyklus der Sinfonien eines Komponisten die erste und die letzte zu kombinieren, doch wie man an dieser CD sieht, dürfte es gerne weitaus häufiger gemacht werden. In diesem Fall stellt man fest: Die ältere, zwischen 1953 und 1955 verfasste »Sinfonia austera« (»Strenge Sinfonie«) klingt, zumindest auf den ersten »Blick«, trotz Bezug zu Sibelius deutlich neutönender als die achte, die einen viel klassischeren, altmeisterlichen Gestus trägt.

Wie es scheint, war diese Achte, 2010/11 entstanden, mit ein Auslöser dafür, dass Per Nørgård unlängst den renommierten, mit 250.000 Euro dotierten »Ernst von Siemens Musikpreis« erhielt. In den mehr als 40 Stiftungsjahren ist er damit der erste nordische Komponist, was bei den herausragenden Namen, die den Preis bislang erhielten, doch einiges aussagt – sowohl über die Rolle, die nordischen Komponisten in Mitteleuropa zugeschrieben wird als auch über den Status, den der 83-jährige Däne also derzeit einzunehmen scheint. So ist es besonders erfreulich, dass diese Einspielung nicht, wie die übrigen der Dacapo-Reihe, von einem skandinavischen Orchester, sondern von den Wiener Philharmonikern vorgenommen wurde – ein Mitschnitt ihrer Welturaufführung.

Die CD liefert tatsächlich eine hervorragende Einführung in Nørgårds Schaffen als einem der prägnantesten Sinfoniker der Gegenwart. Ob die Sinfonie als Ausdrucksform nicht ausgedient habe, wird gelegentlich gefragt. Warum sonst sollten Orchester in aller Welt vorrangig die alten Sachen früherer Jahrhunderte spielen, von Mozart über Mahler bis hin zu Schostakowitsch...? Welcher lebende Komponist könne diesen Klassikern etwas Nennenswertes hinzufügen? Nørgård kann, und auch wenn er den Einfluss von Sibelius selbst nicht verheimlicht, so fand er doch stetig einen ganz individuellen Ausdruck, der das Publikum ähnlich stark anzusprechen vermag wie der seiner großen Vorgänger.

Die erste Sinfonie war zwar bereits 1955 vollendet, wurde jedoch erst acht Jahre später im Konzert aufgeführt, nachdem sich Nørgårds Interesse bereits hin zu avantgardistischeren Gefilden Mitteleuropas verschoben hatte. Der Ersten hört man Einflüsse aus Sibelius’ Spätwerk an, an dem Nørgård sich zeitlebens immer wieder orientierte; man kann »Tapiola« oder die siebte Sinfonie durchschimmern hören, doch die Nachkriegszeit hatte bereits ihre Spuren hinterlassen: Die jugendliche »Strenge Sinfonie« ist geprägt von Spannungen und dunkler Atmosphäre, und insgesamt prägen die drei Sätze, ungeachtet der vielschichtig orchestrierten Klangfarben, so manche kraftvolle Reibungsfläche.

Fast sechs Jahrzehnte später erkennt man die reichen Orchesterarrangements in der Achten sofort wieder, doch die Stimmung ist eine viel gelöstere, wärmere. Eine ambivalente Grundstimmung ist indes geblieben, aufgeladen von Rhythmen, die übereinander geschichtet und miteinander verzahnt sind. Zum Ende lässt sich sogar eine Parallele zum Tohuwabohu, in dem Nørgård zwanzig Jahre zuvor seine triumphale fünfte Sinfonie enden ließ, ausmachen. Bei der achten Sinfonie handelt es sich um Nørgårds bislang letztes Großwerk, das Laudator Karl Aage Rasmussen in seinem Essay als »vielleicht die subtilste, farbigste und am häufigsten überraschende von allen [Sinfonien Nørgårds]« umschreibt. »Wie so oft und so vielfältig zuvor, scheinen einzelne Melodielinien sich auszubreiten und widerzuhallen in einer funkelnden, vibrierenden Klanglandschaft.«

Sakari Oramo hat mit den Wiener Philharmonikern eine zeitlose Interpretation vorgelegt, die so bald nicht übertroffen werden wird. Gleichwohl bleibt zu hoffen, dass viele Dirigenten und Orchester die Herausforderung annehmen. (ijb)



Siehe auch:
Sakari Oramo dirigiert Anders Hillborg
Oramo & Batiashvili: Magnus Lindberg

Oramo & Ylönen: Joonas Kokkonen

Sebastian Fagerlund


Per Nørgård: Per Nørgård: Symphonies 1 & 8

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Per Nørgård:
Per Nørgård: Symphonies 2 & 6
( SACD, 2016, dacapo /Naxos 6.220645 )

Es ist nicht einfach, ins Œuvre Per Nørgårds einzuführen, weil der Kopenhagener in den über 60 Jahren seines kreativen Schaffens zu einem der »ganz Großen« der Neuen Musik geworden ist. In seinem Heimatland ist ihm die Anerkennung längst zuteil, doch international, im Besonderen außerhalb der nordischen Länder, wurde sein Werk bis zuletzt eher stiefmütterlich wahrgenommen und gespielt. Dacapo bemüht sich seit Jahren mit großem Engagement, diesem Missverhältnis Abhilfe zu schaffen, veröffentlichte zahllose CDs mit Einspielungen vieler seiner Werke, bis hin zu dieser (bis dato) vollständigen Reihe seiner acht Sinfonien. Zu diesem Anlass wurde John Storgårds, seit gemeinsamer Arbeit beim finnischen Avanti! Summer Sounds 1999 mit dem Komponisten befreundet, mit der Einspielung der Sinfonien Nr. 2, 4, 5 und 6 beauftragt. Alle vier entstanden im Mai und Juni 2015 in der Oper Oslo mit dem Nationalorchester Oslo Philharmonic (Oslo-Filharmonien) und dem Produzenten Preben Iwan.

Auf dem Rückcover der CD wird Nørgårds zweite Sinfonie aus dem Jahr 1970 (mit Änderungen 1971) als »fast psychedelisch« beschrieben, was insofern ein wenig irreführend ist als dies keine schlechte Umschreibung für fast alle seine Sinfonien sein könnte. In der Zweiten vertiefte Nørgård »In einem Satz« seine Beschäftigung mit der »melodischen Unendlichkeitsreihe« (»infinity series«), die er 1968 mit »Voyage into the Golden Screen« für sich entdeckt und ausformuliert hatte. So gesehen ist die Zweite eine weitaus moderne Sinfonie als die Erste, da sie sich als einsätziges Orchesterstück völlig von den drei oder vier Sätzen der »klassischen« Sinfoniestruktur löst. In der Dritten und relativ kurzen Vierten wählte Nørgård jeweils eine zweisätzige Struktur, wobei er sich langsam aber sicher einer scheinbar satzlosen Form annäherte, da später, speziell ab der Fünften, alle Sätze eng miteinander verzahnt sind.

Die »Unendlichkeitsreihe« erklärt Karl Aage Rasmussen in seinem Essay für die Ernst von Siemens Musikstiftung folgendermaßen: »Das Prinzip ähnelt einer chinesischen Schachtel: Man findet immer wieder die gleichen Formen, groß und klein, in einander und in sich selbst eingebaut [...]. Die Strukturen entfalten sich auf verschiedenen Ebenen, beziehen sich aber stets aufeinander in einem endlosen Netzwerk – unendlich einfach, doch mit unendlich komplizierten Ergebnissen, genau wie in der Natur.« Nicht ganz einfach zu begreifen, zumal für den Nichtfachmann, doch entwarnend sei gesagt: Den großen, mitreißenden Fluss der Sinfonie Nr. 2 kann man gänzlich unintellektuell und ohne theoretisches Vorwissen wunderbar erfahren, in diesem Fall dank John Storgårds.

Ganz anders als die schwebende zeitgenössische Zweite präsentierte Nørgård Ende 1999 mit der Sechsten seine vielleicht »klassischste« Sinfonie in drei Sätzen. Der Titel »Am Ende des Tages« verweist weniger auf einen werkbezogenen oder biografischen Abschluss als vielmehr darauf, dass das Werk zum neuen Millennium verfasst wurde, als Auftragswerk von den drei nationalen Sinfonieorchestern in Dänemark, Schweden und Norwegen. Ein Neuanfang also; das Ende kommt nämlich gar nicht. In Rückbesinnung auf die Drei-Satz-Struktur (im Untertitel »Drei Passagen für großes Orchester«) bietet die Sechste eine rastlose Wundertüte an Orchesterfarben und Rhythmen, in der jeder Satz auch ein eigenes Werk sein könnte. Doch wie eingangs gesagt: Es ist alles andere als einfach, komplexes Nørgårds Schaffen in wenigen Worten zu umreißen. Treffend sagt der Komponist selbst (über seine Achte): »Es ist eine Musik, bei der man sich an nichts festhalten kann. Man findet es auf dem Weg.« (ijb)



Siehe auch:
John Storgårds mit Truls Mørk: Hallgrímsson
Storgårds & Kammerorchester Lapland: Nordgren u.a.

Storgårds & Avanti!: Hämeenniemi


Per Nørgård: Per Nørgård: Symphonies 2 & 6

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Per Nørgård:
Per Nørgård: Symphonies 4 & 5
( SACD, 2016, dacapo /Naxos 6.220646 )

Der Dirigent John Storgårds kommentiert seine Verehrung für Per Nørgård folgendermaßen: »Ich kann ohne jeden Zweifel sagen, dass Nørgård in meinen Augen der größte Sinfoniker unserer Zeit ist. All seine Sinfonien sind einzigartige, konzentrierte Meisterwerke. Jede einzelne besitzt eine vollkommen unverwechselbare, kristallklare Logik, die sich von den übrigen auf eine Weise unterscheidet, wie es vor Nørgårds nur Sibelius' Sinfonien erreichten.« Große Worte, doch Storgårds aktuelle Einspielungen mit dem Oslo Philharmonic bieten die Möglichkeit, dies ohne Probleme auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Mit der 1981 entstandenen Vierten und der knapp zehn Jahre später, nach einer zugunsten anderer Ausdrucksformen eingelegten Sinfonie-Pause, uraufgeführten Fünften legte Nørgård zwei seiner wohl dramatischsten Kompositionen vor. Während die Vierte vom Schaffen des schizophrenen Schweizer Künstlers Adolf Wölfli (1864-1930) inspiriert wurde, dessen »Indischer Roosen-Gaarten und Chineesischer Hexen-See« die Sinfonie und ihren beiden Sätze betitelte, nimmt die über mehrere Jahre entstandene, anlässlich des 125. Geburtstags von Sibelius und Nielsen komponierte Sinfonie Nr. 5 über 36 Minuten eine gigantische, gefühlt monolitisch ununterbrochene Ein-Satz-Form an.

Beide Werke sind insofern typisch für Nørgårds Orchesterschaffen als sie zu einer delirierenden Gesamtform streben, zwischen durch alle Orchestersektionen stiebender, rastloser Erzählung und latent chaotischer Subjektivität, wie es in dieser gleichermaßen zugänglichen, von neoklassischer Tradition (Sibelius, Nielsen) wie von vorwärtsdenkenden postmodernen Strömungen (Neue Musik nach 1950) gespeisten Elementen außer dem Dänen in der Tat wohl niemand versucht und ausgeführt hat. Die von Grund auf überzeugte, in jedem Moment konzentrierte Herkulesaufgabe, nicht nur die Vierte und Fünfte, sondern zeitgleich auch noch die zwar verwandten, aber doch deutlich anders ausgestalteten Sinfonien 2 und 6 zu durchdringen und in Form von Referenzeinspielungen festzuhalten, unterstreicht John Storgårds Position als großen Künstler.

So bedauerlich wie unverständlich ist nur, dass, wie auf der CD »Symphonies 2 & 6«, die Werke nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern »verkehrt herum« zu hören sind. In beiden Fällen folgt somit auf ein großes, ambitioniertes Opus ein eher kleines und vor allem kürzeres früheres Werk. Dies erzeugt auf beiden CDs einen antiklimaktischen Effekt, und speziell bei dieser CD wirkt dies absolut nicht zum Vorteil der Dramaturgie und vor allem der jüngeren Sinfonie. Wer einen programmierbaren CD-Spieler hat, ist daher gut beraten, die CD-Titel anders herum einzustellen. (ijb)

Per Nørgård: Per Nørgård: Symphonies 4 & 5

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Finn Olafsson:
Music From North Sealand
(2011, Olafssongs OCD057 )

Musikalische Lautmalerei auf der klassischen Gitarre? Den märchenhaft schönen Landschaften der Insel Nordseeland in klangliches Denkmal setzten, unter lautem Beifall der örtlichen Tourismus-Agentur, die den schönen Namen »Visit Nordsjælland« trägt? Wenn das mal nicht gehobenen Kitsch für Feriengäste verheißt! Aber wer sich von derlei kleinlichen Bedenken nicht schrecken lässt, wird auf Finn Olafssons Album »MUSIC FROM NORTH SEALAND« aufs angenehmste überrascht. Denn der Gitarrist und Produzent lässt auf zurückgenommene Art ein filigranes Stimmungsbild entstehen, das gleichermaßen von virtuoser Beherrschung des Instruments und raffinierter Einfachheit geprägt ist.

Man hätte es besser wissen sollen: Olafsson ist ein Veteran der dänischen Gitarren-Szene, von seinen Anfängen bei der Rockband Arche in den 60ern über seine akkustisch-folkige Verwandlung in den 70ern bis hin zur intensiven Beschäftigung mit Renaissance-Musik. Vor allem die klassisch-folkigen Einflüsse finden sich hier wieder: In ebenso intelligent wie warmherzig arrangierten Songs (leise Percussion, nostalgische Drehleier und Shakuhachu-Flöte und Tables geben hier die einfühlsamen Gastmusiker) will Olafsson ein simples Ziel erreichen. Seine Dankbarkeit über die Verwurzelung in der Landschaft Seelands ausdrücken, mit der ihn eine lange persönliche Geschichte verbindet. Entstanden sind im Ergebnis wunderleichte, verspielte und gelassene Kompositionen, die neugierig machen: Auf eine Landschaft voller rollender Hügel, königlicher Parks und verwunschener Strände. In der 20-seitigen Broschüre zum Album beschreibt der Musiker seine Sicht auf seine Lieblingsorte auf der Insel. Da ergibt die Kooperation mit der Tourismusbehörde dann doch wieder Sinn: Man möchte schleunigst hinfahren! (emv)

Finn Olafsson: Music From North Sealand

Offizielle Website

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Niels Rønsholdt:
Niels Rønsholdt: Me quitte
(2016, dacapo /Naxos 8.226592 )

Beim zentralen Label für die dänische komponierte Musikgeschichte macht man zuverlässig nicht nur (Wieder-)Entdeckungen aus früheren Jahr(hundert)en, sondern findet immer wieder auch spannende zeitgenössische Komponisten der jüngeren Generationen. Eine solche Entdeckung ist der 1978 geborene Niels Rønsholdt, Absolvent der Musikakademie in Århus, wo er von den großen Namen Karl Aage Rasmussen und Bent Sørensen lernte. Auch in Berlin war er zeitweise Student, bei Helmut Oehring. Nach diesem Werk zu urteilen, hat er jedoch längst eine eigene und ganz andere Stimme gefunden als seine Lehrmeister, eine höchst zeitgenössische fürwahr, zwischen experimenteller Oper, Konzertmusik, Installation und Performance-Kunst.

Dies wird eindringlich präsent in seinem 50-minütigen Liedzyklus »Me quitte«, der sich natürlich auf die Welt des Pariser Chansons bezieht, konkret auf Jacquel Brels »Ne me quitte pas«, dieses jedoch verzerrt und in sehr surrealer Weise bricht. Fünf der insgesamt zwölf Mitglieder des 2008 gegründeten Ensembles SCENATET, international und genreübergreifend auch in Theater, Konzeptkunst und Happenings aktiv, interpretieren Rønsholdts Kompositionen souverän und mit großer Laune am changierenden Spiel zwischen Tradition und Innovation. Geige, Cello, Gitarren, Klavier und Perkussion bilden eine faszinierend schillernde, gar nicht gefällige Folie für Gesangssoli und -duette, wobei die »la femme« von der färöischen Elektronik-Komponistin und früheren Valravn-Sängerin Anna Katrin Egilstrøð interpretiert wird und »l'homme« von Rønsholdt selbst.

Die erste Aufführung des Liedzyklus beim Spor Festival 2013 in Kopenhagen ist in voller Länge auf YouTube zu sehen, doch die klanglich höchst gelungene, weil transparente und vielschichtige CD-Einspielung aus dem Studio The Village ist jener bei weitem vorzuziehen. Wie »Liebeslieder aus der Hölle« werden die Songs beschrieben, doch lassen Sie sich davon keinesfalls abschrecken: »Me quitte« ist alles andere als schwierige Avantgardekunst, sondern emotional, fragil, bewegend, traumhaft und, ja, sogar charmant – mehr eigenwillige Popmusik als verstiegene Kunst. (ijb)



Siehe auch:
Bent Sørensen
Valravn


Niels Rønsholdt: Niels Rønsholdt: Me quitte

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

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Niels Rønsholdt:
Niels Rønsholdt: Songs of Doubt
(2017, dacapo /Naxos 8.226598 )

Drei Jahre nach dem faszinierenden Liederzyklus »Me Quitte« (2012) ließ Niels Rønsholdt ein vergleichbar schillerndes, ebenso zwischen Avant-Pop und »Neuer Klassik« changierendes Liederepos folgen; wiederum erscheint es auf CD bei Dacapo, Dänemarks Vorzeigelabel für zeitgenössische Musik schlechthin. Man hört, dass der 1978 geborene Komponist weniger auf die klassische Musiklinie aufzubauen als vielmehr eine wahrhaft »Neue«, im Sinne von gegenwärtige und zeitgenössische Liedkunst zu gestalten bestrebt ist, die sich auch Popmusik-Hörern nicht verschließt, wie das ja oftmals bei Komponisten der (Post-)Moderne der Fall ist, gerade etwa, wenn man an Vokalwerke denkt. Und so wird auch ein Publikum, das mit innovativer elektronischer Musik oder Liedkunst von Nils Bech über Björk und Arca bis hin zu James Blake vertraut ist, ohne Schwierigkeiten Zugang zu diesem einstündigen Werk finden. Man könnte hin und wieder, bei einzelnen geisterhaften Songs wie »The Lake«, sogar an David Lynch denken, ein Eindruck, zu dem sicher das ungewohnte, irreal schwebend klingende, elektronische Ondes Martenot beiträgt, das als einziges Instrument die Solisten und den Chor begleitet.

Während »Me Quitte« ein Zyklus für zwei Liebende und kammermusikalische Begleitung ist, geht es Rønsholdt in seinen »Liedern des Zweifels« um ein Nachsinnen über die wichtigen, lebensentscheidenden Momente in unseren individuellen Biografien. Das zehnteilige, knapp einstündige Werk wird als Zyklus voller »Spiegelungen, Sensibilität und und unerschrockenem Experimentieren« beschrieben, und mag diese Kurzdarstellung auch etwas beliebig erscheinen, so kann man das zutiefst bewegende Epos »SONGS OF DOUBT« kaum prägnanter auf den Punkt bringen. Womöglich handelt es sich hierbei gar um eines der herausragenden zeitgenössischen Werke im Genre des Liederzyklus in diesem Jahrzehnt. Auch vielfaches Hören nimmt dem zarten und irrealen Werk nichts von seiner emotionalen Eindringlichkeit und von den ihm innewohnenden mysteriösen Charme. Die Klanglandschaften, die Rønsholdt hier erdacht hat, sind schwer zu durchdringen – geloopte gregorianische Chöre, Rückwärts-Effekte, verstärkte Solostimme, fragmentierte Gospelhymnen und Blues-Assoziationen – und dabei durchweg grandios einzigartig. (ijb)



Siehe auch:
Nils Bech

Niels Rønsholdt: Niels Rønsholdt: Songs of Doubt

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Bent Sørensen:
Air – Bent Sørensen / Hans Abrahamsen
(2016, ECM /Universal ECM New Series 2496 )

In der gegenwärtigen Musikwelt, zumindest in Europa, gibt (wenn überhaupt) wenige Akkordeonisten vom Format Frode Haltlis. Der Norweger, der seit langem mit der Avantgarde-Komponistin und freigeistigen Noise-Musikerin Maja S. K. Ratkje nahe Oslo zusammen lebt und hin und wieder auch mit ihr gemeinsam spielt, ist seit vielen Jahren international für eine große stilistische Spannweite bekannt, von traditioneller skandinavischer Musik über zahlreiche Jazzalben (einige gemeinsame Projekte mit Saxofonist Trygve Seim erschienen bei ECM) in die Pop- und Chanson-Musik hinein. Doch besonders seit seinem ECM-Debüt »LOOKING ON DARKNESS« (2002), das ihn als Solist mit Werken von Sørensen, Schaathun, Lindberg, Lindborg und Ratkje präsentierte, ist er eine feste Größe in der europäischen Neuen Musik. Regelmäßig ist er mit neuen Werken zeitgenössischer Komponisten zu erleben, als Solist oder im Avantgarde-Trio Poing, das häufiger Uraufführungen und Ersteinspielungen präsentiert.

Sowohl das Arditti Quartett als auch die Trondheim Soloists sind ebenfalls seit langem renommierte Interpreten der klassischen und Neuen Musik. So ist diese gemeinsame CD eine sichere Bank in jeder Hinsicht. Selbst wenn Ihnen die beiden dänischen Komponisten nicht vertraut sind – Bent Sørensen wurde von Nordische Musik schon häufiger empfohlen, und Hans Abrahamsen ist durch Musikpreise und einige Projekte, z.B. bei Winter & Winter in den letzten Jahren auch hierzulande langsam, aber sicher ein Begriff – mit diesem intensiven Programm können Sie skandinavische zeitgenössische Musik so konzentriert und innovativ erleben wie selten.

Die Dramaturgie geht vom Großen zum Kleinen, beginnend mit Sørensens Konzert für Soloakkordeon und Streichorchester, »It Is Pain Flowing Down Slowly On A White Wall« (2010), über Abrahamsens elfminütiges solistisches Titelstück (2006) und seine »Drei Kleinen Nocturnes« (2005) für Streichquartett und Akkordeon endet die Reise mit »Sigrids Wiegenlied« (2010), wiederum von Sørensen, das, ursprünglich ein Klavierstück, als einziges Werk dieser CD nicht eigens für Haltli komponiert wurde. Dieser Aufbau ist schlüssig, aber auch ambitioniert, denn die kürzeren und unmittelbarer eingängigen Stücke sind die vier kurzen im letzten Viertel. Wer mit der nicht so häufig zu erlebenden Verbindung aus Streichern und Akkordeon wenig vertraut ist, erhält mit diesen Werken und den Meisterinterpreten eine nachdrückliche Einladung, die Sinne zu öffnen und assoziationsreiche Stücke im Grenzbereich von Tradition und Avantgarde, von charmanten bis spröden Melodien und ungewohnter Klangpoesie zu erfahren. Während die beiden Soli für das Zu-Sich-Kommen in Form klarer und bewusster Reflexion sorgen, wagen sich die Streicherwerke extrovertiert in die großen Geschichten, in volle Farbspektren hinein.

Paul Griffiths lieferte gewohnt fokussierte und bereichernde Liner Notes, die weitaus besser als eine knappe Rezension in die Musik und die Aufnahmen einzuleiten vermögen. (ijb)

Bent Sørensen: Air – Bent Sørensen / Hans Abrahamsen

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Bent Sørensen:
Bent Sørensen: Mignon · Rosenbad · Pantomime (Papillons)
( 2 CDs, 2018, dacapo /Naxos 8.226134 / 8.226135 )

Diese beiden 2016 bzw. 2018 veröffentlichten CDs sind im Wesentlichen um die Trilogie von Klavierwerken konzipiert, die Sørensen unter dem Gesamttitel »Papillons« 2013/14 geschrieben hat. Dazu bieten die Zusammenstellungen weitere Ersteinspielungen unterschiedlicher Besetzung und Länge. Liner-Notes-Autor Andrew Mellor schreibt, Sørensens Musik könne »sich wie das Ergebnis eines Traums anfühlen, vage und präzise zugleich, präsent und ungreifbar.« Häufig neige er, wie es im Traum vorkomme, dazu, winzige Details zu vergrößern und gleichzeitig die Grenzen zwischen dem Wirklichen und dem Vorstellbaren zu verwischen.«

Diese schöne Beschreibung lässt sich besonders gut als Reaktion auf die Werke der »Papillon«-Trilogie oder die »Fantasie Appassionata« (2017) erfassen. Mellor sieht »Papillons« als einen Ausdruck von »Ebbe und Flut von Angst, Hoffnung und Nostalgie«. Das Besondere in der Konzeption dieser Suiten ist, dass jedes der drei Werke, »Mignon«, »Rosenbad« und »Pantomime« in seinen sieben Sätzen den gleichen verankernden Klavierpart verwendet, jeweils aber die Reihenfolge dieser Sätze variiert und sie in einen anderen instrumentalen Kontext stellt: In »Mignon« wird das Klavier mit einem Streicherensemble verbunden, in »Rosenbad« mit Streichquartett und in »Pantomime« für Ensemble mit Streichern, Bläsern und Schlaginstrumenten.

Es handelt sich bei den jeweils rund 25 Minuten langen Werken indes weniger um eine Art Klavierkonzert als vielmehr um eine großangelegte Kammermusik, die Klavier und das jeweilige Ensemble immer wieder auf neue Art und Weise miteinander verflicht. Wie häufig bei Sørensen sind seine Erzählbögen bei aller Emotionalität, bis hin zur Melancholie immer wieder auch von einer gewissen Distanz und Intellektualität geprägt – was nicht heißen soll, dass sie sich nur mit Anstrengung hören und genießen lassen; im Gegenteil. Die sich durch alle drei Versionen ziehende Surrealität entsteht natürlich aus dem eigenen Blick Sørensens und muss von jedem Hörer ebenso individuell erschlossen werden. Darin liegt jedoch, wie stets bei diesem Komponisten eine außerordentlich poetische Qualität. (ijb)

Bent Sørensen: Bent Sørensen: Mignon · Rosenbad · Pantomime (Papillons)

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Bent Sørensen:
Bent Sørsensen: Snowbells – Works for choir
( SACD, 2016, dacapo /Naxos 6.220629 )

Der Anfang dieser eindrucksvollen CD führt ein wenig in die Irre, doch er tut dies auf eine produktive, auf eine befreiende, reinigende Klarheit schaffende Weise: Das gut einstündige Chorprogramm »SNOWBELLS« beginnt mit »Sneeklokken (The snowbell)«, das der Tenor Adam Riis alleine darbietet. Erst nach dem dem vierminütigen Solo erklingt »Sneklokker (Snowbells)«, das der CD den Titel gibt, ein knapp halbstündiges Werk für 5 Stimmen und: Kirchenglocken. Auch das hört man nicht oft, jedoch könnte man einwenden, dass die Glocken ein wenig over the top sind; die acht kurzen Sätze der »Sneklokker« sind in dieser Interpretation des Danish National Vocal Ensemble unter der sicheren Leitung Paul Hilliers intensiv und poetisch genug, auch ohne die eingespielten Glocken-Zäsuren. Der Zyklus entstand für eine Kunstinstallation, was den Einsatz der Kirchenglocken besser zuordnet. Für Sørensen spielt deren Jahrhunderte überdauernde, latent enigmatische Klang eine wichtige Rolle. Acht verschiedene dänische Dorfkirchen dienten hier als Inspiration für die Lieder und läuten als »Samples«, wie ein Kehrreim, den Themenkreis von Leben und Tod, von Liebe und Übernatürlichem ein – Motive, die auch in den übrigen hier vertretenen Werken wiederkehren.

Während der 1958 geborene Bent Sørensen in Skandinavien ein bekannter Name in der zeitgenössischen Musikwelt ist, vergleichbar etwa mit Wolfgang Rihms Status in Mitteleuropa, ist er trotz der Auszeichnung mit dem renommierten Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) vor mittlerweile zwanzig Jahren (1996 für sein Violinkonzert »Sterbende Gärten«) außerhalb nordischer Regionen nur Kennern ein Begriff. Dabei ist sein Œuvre, verglichen mit manchen anderem Komponisten der letzten Jahrzehnte nicht schwer zu erleben und durchdringen, wie diese eindringlich dargebotene Zusammenstellung belegt. Warum Sørensens Chormusik nicht zumindest ansatzweise so gerne gehört wird wie etwa das Werk Arvo Pärts, darüber kann nur gemutmaßt werden. Paul Hillier bezeichnet den Dänen als »Romantiker mit modernistischen Tendenzen oder Modernist mit romantischen Neigungen« und beschreibt seine Musik als von zeitloser Schönheit durchdrungene »Erinnerung an Vergangenes«. So kann man festhalten: Es entstanden so etwas wie zarte Motette der Vergänglichkeit.

Trotz der Klarheit und gefühlten Einfachheit von Sørensens Vokalkompositionen sind die Stücke alles andere als einfach zu singen, warten mit verschiedenen herausfordenden Raffinessen für die Interpreten auf. Zwei Werke entstanden 1985, der Rest zwischen 2005 und 2010, wobei sich Sørensen (dänische und lateinische) Texte aus recht unterschiedlichen Quellen und Altersstufen als Ausgangspunkt nahm. Oftmals gewinnen die Lieder durch eine emotionale Direktheit, die sich, wie bei vielen großen Komponisten, umstandslos vermittelt, auch wenn man nicht Herr der gesungenen Sprache ist. (ijb)



Siehe auch:
Paul Hillier, Theatre of Voices: Dietrich Buxtehude
Ísafold Kammersveit: Bent Sørensen

Arvo Pärt

Niels Rønsholdt


Bent Sørensen: Bent Sørsensen: Snowbells – Works for choir

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Hans Thomissøn:
Thomissøn's Easter
(2017, dacapo /Naxos 8.226188 )

Während beim dänischen Label dacapo der Fokus vorwiegend auf der zeitgenössischen Musik des Landes, bis hin zur letzten Jahrundertwende liegt, finden dort doch immer wieder Ausgrabungen von völlig unbekannten Werken und Komponisten aus früheren Zeiten statt. »Thomissøn's EASTER« ist so ein Fall: Der Theologe, Hofmeister, Lieddichter und -sammler Hans Thomissøn lebte von 1532 bis 1573, um 1560 war er Musikdirektor an der Domschule in Ribe im Südwesten Dänemarks. Die dortige Kathedrale von Ribe zählt weltweit zu den wenigen Orten, an denen die früheste lutherische Kirchenmusikpraxis rekonstruiert werden kann, was offenbar Thomissøn zugeschrieben wird, der dort eine klar geformte Liturgie mit der entsprechenden Musik ausgestattet hat.

Diese Aufnahme des Ensembles Musica Ficta zeigt in beispielhafter Weise die Elemente, wie ein früher lutherischer Festtagsgottesdienst in Dänemark aussah. Dazu interpretieren Musica Ficta unter Bo Holten eine Zusammenstellung von Werken von Clemens non Papa (ca. 1510-1556), Conrad Rein (1475-1522), Thomas Stoltzer (1480-1526), Lucas Lossius (1508-1582) und Johannes Alectorius (1490-1520). Besonders hervorzuheben ist der Messzyklus des franko-flämischen Renaissance-Komponisten und Sängers Jacobus Clemens non Papa (ursprünglich Jacques Clement), der ein überaus umfangreiches Gesamtwerk hinterlassen hat, darunter fünfzehn Messen und 233 Motetten. (lha)



Siehe auch:
Bo Holten / Gustav Sjökvists Kammarkör
Bo Holten / Erik Westbergs Vokalensemble


Hans Thomissøn: Thomissøn

Audio-Link Offizielle Website

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