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Alle Rezensionen zu Aulis Sallinen
(Genre »Klassik«, Land »Finnland«)

 

Ghosts. Werke von Sallinen, Aho, Rautavaara und Kantelinen
(2004, Alba ABCD 170)

Nein, hier gibt es keine lärmenden Märsche, sondern zeitgenössische sinfonische Blasmusik vom Feinsten in einer spezifisch finnischen Variante – mit zumindest zwei inzwischen weltweit etablierten Komponisten, die keinerlei Berührungsängste zu diesem leider oftmals verrufenen Genre haben. So komponierte Aho etwa seine bemerkenswert poetische »Tristia« (1999) für ein Amateurensemble, Sallinen hingegen formte aus dem musikalischen Material seiner Oper »The Palace« eine gediegene sinfonische Rhapsodie mit dem für seine musikalische Sprache so typischem wie diskussionswürdigem Postmodern-Idiom.

Kantelinen kommt von der Filmmusik her, und so haben seine »Ghosts« auch durchaus bildhafte, jedoch keineswegs plakative Qualitäten. Selbst die 1968 als Auftragswerk für die finnische Armee entstandene »Soldaten-Messe« von Rautavaara lässt sich nicht in ein Schema pressen – ganz im Gegenteil: nicht nur der letzte Satz »In hora mortis« zeigt seinen kritischen Blick auf das Ganze (entsprechend kontrovers wurde einst das Werk diskutiert). Kaartin Soittokunta, also: das Blasorchester der finnischen Armee, erweist sich als ein höchst professionelles und kultiviert aufspielendes Ensemble, das sich eben nicht nur dem geläufigen Repertoire widmet. (mku)



Siehe auch:
John Storgårds dirigiert Kalevi Aho u.a.
Tuomas Kantelinen
Aulis Sallinen

Aulis Sallinen: Ghosts. Werke von Sallinen, Aho, Rautavaara und Kantelinen

 

Deutsches Kammerorchester Berlin: Britten · Sallinen · Grieg
(2009, Eigenverlag dko-berlin.de)

Das flexible kammermusikalische Ensemble DKO Berlin hat sich aufgemacht, zu seinem 20. Jubiläum die etwas weniger bekannten, die kammermusikalischen Seiten dieser drei großen Sinfoniker auszumachen und in Beziehung zueinander zu setzen. England, Norwegen und Finnland, einst noch mehr abseits der wesentlichen musikalischen Zentren Europas, gaben ihnen Inspiration für diese so unerwartete wie raffinierte Gegenüberstellung von Benjamin Britten, Aulus Sallinen und Edvard Grieg.

Der erste Programmpunkt ist Brittens »Variationen über ein Thema von Frank Bridge« des erst 24 Jahre alten Engländers, geschrieben auch als Hommage an seinen Lehrer, der ihm im Wesentlichen beibrachte, sich selbst zu finden und treu zu bleiben. Aus diesem Frühwerk spricht dies zwar nicht allzu offensichtlich, zitiert er doch verschiedene damals präsente Musikstile. Dennoch verschaffte ihm die fast halbstündige Suite ab 1937 erste Anerkennung, und gerade im Rückblick lässt sich hieraus eine Art Urknall von Brittens neoklassizistischer bis früh-postmoderner Genre-übergreifender Stilistik identifizieren.

Der Finne Aulis Sallinen kreuzte Mitte der 1980er Jahre die beiden spanischen, aus zwei verschiedenen Welten geborenen (literarischen) Figuren Don Juan und Don Quixote, zu einem imaginären »Don Juanquixote«. Im Kern handelt es sich bei dieser einsätzigen Kammermusik um ein verkapptes Cellokonzert, aus dem Sallinen gleichwohl eine bald surreale, bald bizarre Suite eigenartiger Tanzstücke modellierte. Der argentinische Tango, der in Finnland im 20. Jahrhundert maßgeblich die Musikgeschichte mitbeeinflusste und bis heute unser Bild von Finnland prägt, bildet selbstredend einen mehr als passenden Kulminationspunkt dieser abenteuerlichen Verbindung iberischer und finnischer Gemütsanwandlungen und Ideen.

In erster Linie ist es die unbeschwerte Interpretation des Sallinen-Nebenwerks, welche den Erwerb dieser Zusammenstellung lohnt, auch weil das Werk selbst eine gar faszinierende Entdeckung ist. Da vermögen die »Zwei elegischen Melodien« des norwegischen Klassikers Edvard Grieg nurmehr eine nette, freundliche Zugabe zum Abschluss bieten. Leider lässt die Aufnahme gerade hier, in dieser kleinen Form, mit der sich Grieg nach der Rückkehr aus Leipzig, wo er bekanntlich studierte, wieder zu den volksmusikalischen Traditionen seines Heimatlandes zu bekennen strebte, an Präsenz und Volumen vermissen. (ijb)



Siehe auch:
Finnischer Tango

Aulis Sallinen: Deutsches Kammerorchester Berlin: Britten · Sallinen · Grieg

 

Aulis Sallinen: Complete Symphonies • Concertos
(5 CDs, 2011, cpo 777 640-2)

Vergleichbar mit Projekten wie »Shakespeares sämtliche Werke (in 90 Minuten)« ließe sich bei Aulis Sallinens Erster Sinfonie aus dem Jahr 1971 von »Gustav Mahler in 14 Minuten« sprechen. Wie der große Österreicher hat der kaum weniger große Finne viel Vergnügen an großen Gesten und extremer Dynamik, in der Ersten zwischen extrem leisem Pianissimo und erschlagend lautem Forte. Ungeachtet dessen streben die Sinfonien des hierzulande bislang nicht weitreichend bekannten, 1935 geborenen Komponisten nicht nach epischen Ausmaßen, sondern sind oft einsätzig – und selbst in mehrere Sätze unterteilte gehen meist attacca in einander über.

Mahlers Einfluss zeigt sich auch sehr deutlich im ein Jahr zuvor entstanden Orchesterstück »Chorali« und – dann bereits etwas weniger massiv – in der 1972 entstanden Zweiten, einem »sinfonischen Dialog« zwischen einem Schlagzeuger und dem Orchester, das von starken Blechbläsern geprägt ist. In den 1970ern entstanden noch die Dritte (1974/75) mit viel Blas- und Schlaginstrumenten und zur 750-Jahr-Feier der Stadt Turku 1979 die Vierte, in der Sallinens Weg schon eher zu einer Art Hommage an den 1975 verstorbenen Kollegen Schostakowitsch weiter führte. Vermutlich lag es daher nahe, dass dessen Vertrauter, Mstislaw Rostropowitsch Anfang der 1980er zuerst das Orchesterstück »Shadows« und 1984/85 dann die Fünfte Sinfonie »Washington Mosaics« bei Sallinen in Auftrag gab. Die (selbst gestellte?) Aufgabe, musikalisch gewissermaßen zwischen den Großmächten des zur jenem Zeitpunkt sehr akuten Kalten Krieges zu vermitteln, muss dem Komponisten damals ernstes Kopfzerbrechen bereitet haben, weshalb er das anfangs zögerlich-sensible, später zunehmend kraftvolle Werk mit seinen sechzehn Abschnitten (in Form von fünf Sätzen) als »Mosaik« bezeichnete.

Auch die weiteren Sinfonien entstanden im Abstand von jeweils etwa fünf Jahren, die poetisch erzählende Sechste »Aus einem Neuseeland-Tagebuch« für Okko Kamu in Napier im südpazifischen Inselstaat, die Siebte (mit einem ungewöhnlich in der Luft hängend bleibenden Schluss), passenderweise von »Herr der Ringe« inspiriert, »The Dreams of Gandalf« für das Sinfonieorchester Göteborg und die Achte (2001), die hier als Ersteinspielung aus dem Jahr 2004 vorliegt, fürs Konzerthausorchester Amsterdam, wobei der Komponist mit dem Titel »Herbstliche Fragmente« ebenso auf sein Alter des wie auf die Ereignisse des 11. September 2001 verweist.

Aulis Sallinens Werk ist wohl merklich weniger neutönend als das seiner etwas jüngeren Landsleute, die mit ihm die Speerspitze finnischer Orchestermusik im 20. Jahrhundert bilden – Magnus Lindberg, Kaija Saariaho und Esa-Pekka Salonen, doch nicht weniger expressiv, eindringlich, komplex und kraftvoll. Sein Schaffen ist zwar nicht so rückwärtsgewandt, wie der Mahler-Vergleich nahelegt, doch ist ihm die Tradition der vorangegangenen 100 bis 150 Jahre stets wichtig geblieben. Die Aufnahmen der acht Sinfonien unter Ari Rasilainen entstanden in direkter Zusammenarbeit mit dem Komponisten und wurden zwischen 2003 und 2007 auf fünf Einzel-CDs bei cpo veröffentlicht. Die preisgünstige Box »Sämtliche Sinfonien« beinhaltet darüber hinaus, neben mehreren Orchesterstücken, die Cello-, Horn- und Violinkonzerte. Obwohl die Einspielungen mit zwei verschiedenen Orchestern stattfanden, der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und dem Sinfonieorchester Norrköping, bleibt das Gesamtbild mit den schönen, leicht surrealen Coverbildern von Kimmo Kaivantu ein hervorragend rundes und damit ein exzellenter, rückhaltlos zu empfehlender Einstieg in das überaus lohnende, hochspannende Schaffen dieses sinfonischen Großmeisters im Europa der zweiten Hälfte des 20. (und des beginnenden 21.) Jahrhunderts. (ijb)



Siehe auch:
Kaija Saariaho
Esa-Pekka Salonen
Magnus Lindberg
Jaakko & Ilkka Kuusisto

Aulis Sallinen: Aulis Sallinen: Complete Symphonies • Concertos



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