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Alle Rezensionen zu Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir)
(Genre »Klassik«, Land »Island«)

 

Anna Thorvaldsdóttir: Rhízōma
(2011, innova/American Composers Forum innova810)

»Don't judge a book by its cover,« heißt es. Äußerst selten jedoch erscheint eine CD mit »Neuer Klassischer Musik« in einer derart attraktiven, visuell wie haptisch einladenden Verpackung, der es gelingt, neugierig auf die Musik und die Komponistin zu machen, assoziativ und elegant in ihr Werk einzuführen und nicht zuletzt den Hörgenuss adäquat zu bereichern. In diesem Fall mag man den Inhalt kaum unabhängig von seiner Hülle beurteilen - und empfehlen. Wenn das Niveau dieser ersten Werkschau der 35jährigen Isländerin Anna Thorvaldsdóttir nur der Ausgangspunkt für viele kommende Veröffentlichungen sein sollte, wird man von dieser Frau noch vieles und lange hören (wollen).

Ähnlich ambitioniert, aber insgesamt leiser als der etwas jüngere Daníel Bjarnason, der hier mit »Dreaming« das Isländische Sinfonieorchester dirigierte, kommen Thorvaldsdóttirs vier Kompositionen daher. Zu Beginn ziehen uns die acht Minuten von »Hrím« für Kammerorchester feingliedrig, frostig und mit fragiler Schönheit in den Bann. Separiert von den fünf Sätzen des enigmatischen Solostücks »Hidden« für Percussionist auf Flügel (!) nehmen den größten Teil der CD zwei je zwanzig Minuten lange Energieexkursionen ein, in denen des Hörers Zeitempfinden nahezu vollständig von reichhaltigen Klangkomplexitäten aufgesogen wird. Man verzeihe diese verschwurbelten Beschreibungen; selten entzieht sich gelungene Musik der Kategorisierung und schnellen Greifbarmachung so sehr wie hier.

Thorvaldsdóttirs Werk ist einerseits sehr isländisch, andererseits aber weit jenseits dessen, was sich seit einiger Zeit als »typisch« und international attraktiv vermarktbar für die Musik dieses Landes eingebürgert hat. Sie macht es sich - und dem Publikum - nicht so leicht und gemütlich. Sie will mehr: an einer wirklich »Neuen« Musik mitschreiben, jedoch nicht um den Preis, dass die Hörer verschreckt auf Distanz bleiben und das Neutönen als unzugänglich und verkopft abtun. Insofern sind Ármann Agnarssons organische Texturen und Formen der CD-Verpackung in der Tat eine kongeniale künstlerische Arbeit, die ebenso prämierungswert sind wie Thorvaldsdóttirs Werke, die bereits mit etliche Male, jüngst etwa bei den Isländischen Musikpreisen, ausgezeichnet wurden. Mit unter anderem Hillborg, Hämeenniemi und Ole-Henrik Moe ist sie ganz aktuell sogar schon für den Nordic Council Music Prize nominiert. In der Tat eine herausragende neue Stimme in der zeitgenössischen Musikszene, die sich sicherlich einbrennen wird. (ijb)



Siehe auch:
Daníel Bjarnason
Eero Hämeenniemi
Anders Hillborg
Ole Henrik Moe

Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): Anna Thorvaldsdóttir: Rhízōma

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.annathorvalds.com

 

Anna Thorvaldsdóttir: Aerial
(2015, Deutsche Grammophon/Universal 028948113545)

Also wirklich, ein Ärgernis! Da nimmt das Traditionslabel Deutsche Grammophon, wo auch wirklich zuverlässig weit mehr auf Sicherheit gebaut und das traditionsverhaftete Publikum bedient wird, als sich um nachwachsende Käuferscharen zeitgenössischer Musik zu bemühen, tatsächlich mal eine echte Entdeckung, eine große neue Komponistin von internationaler Relevanz ins Programm – und dann wird die CD so versteckt veröffentlicht und auch noch derart lieblos ausgestattet, dass es fast schmerzt. Vor drei Jahren war Anna Thorvaldsdóttirs phänomenales Porträt-Album »Rhízōma« extrem knapp an der CD-des-Monats-Ehrung vorbeigeschrammt, bevor der Isländerin kurz darauf der renommierte Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) für das auf der CD vertretene Orchesterstück »Dreaming« zugesprochen und ihr entsprechend ein wenig breitere Wahrnehmung zuteil wurde.

»AERIAL« wurde zu unserer großen Freude beim wohl bekanntesten Klassik-Label, dem womöglich einzigen, das auch Nicht-Spezialisten ein Begriff für die populären und herausragenden Stars ist, angekündigt: die seltene Chance, dass eine Vorwärtsdenkerin, eine Komponistin zudem, die hochintelligente Musik schreibt und zugleich das Potenzial hat, ein Klassikstar zu werden, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird – statt zum 763. Mal Beethoven, Brahms, Chopin, Mozart. Doch konnte man das Album auf der Label-Webseite nicht finden (bis heute ist Anna Thorvaldsdottir in der »Komponisten«-Suchmaske auf der DG-Webseite nicht zu finden); dann erschien es laut der Komponistin nur digital (auch nur über umständliche Suche zu finden); und erst fast ein halbes Jahr später gibt es »AERIAL« dann auf CD, allerdings ohne Booklet, ohne irgendwelche Texte oder Zusatzinfos.

Gut, man kann das nun als »Es soll um nichts als die reine Musik gehen«-Understatement entschuldigen, doch, mit Verlaub, eine so unzufriedenstellende Präsentation, auch im Vergleich zu dem, was sonst stets geboten wird, hat Anna Thorvaldsdottir nicht verdient. Ja nun, so bleibt auch hier kaum mehr Platz für die Rezension der Musik. Doch was soll's: »AERIAL« erfüllt alle Versprechen, die »Rhízōma« steckte. Thorvaldsdottir kann mit der Vielzahl der Instrumente, Ensemblegrößen, Ensembles und Aufnahmeorte dieser sechs Werke aus den letzten paar Jahren brillant umgehen, schreibt superbe, klare, mal schwebend kühl-fragile, mal eindringlich emotionale Werke, die ihre isländischen Interpreten hier unter ihrer Aufsicht famos interpretieren. Großartig, reicht die Kunde dieser Kunst weiter – spielt sie, führt sie auf, hört sie, empfehlt sie weiter! (ijb)



Siehe auch:
Duo Harpverk
Iceland Symphony Orchestra
Schola Cantorum Reykjavicensis

Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): Anna Thorvaldsdóttir: Aerial

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.annathorvalds.com

 

In the Light of Air: ICE performs Anna Thorvaldsdottir
(SACD, 2015, Sono Luminus/Naxos DSL-92192 CD+BluRay)

Auch wenn Anna Thorvaldsdóttir nicht mehr in Island lebt, scheint ihr gesamtes Werk doch durchdrungen von einer spezifisch »nordischen« bzw. isländischen Haltung und Ästhetik, die sich in vielgestaltiger Kammer- und Orchestermusik widerspiegelt. Zugleich strebt ihre Musik nicht selten zu einer radikalen Einfachheit, nicht im Sinne von (amerikanischem) Minimalismus, eher von poetischer Kargheit. Die Tetralogie »In the Light of Air« ist dafür ein sehr gutes Beispiel: Das Ensemblewerk, eine Auftragskomposition für das New Yorker, zu diversen Größen und Instrumentengruppen zusammenstellbare International Contemporary Ensemble (ICE), bleibt über weite Strecken sogar verhalten und atmosphärisch wie Ambient-Musik und erinnert in seinen nuancenreich-lyrischen Texturen tatsächlich eher an Licht und Luft isländischer Natur als etwa an die US-Amerikanischen Städte, in denen sich die Komponisten in den letzten Jahren bevorzugt aufhält.

Dabei gehört zum titelgebenden Werk dieser CD eigentlich die Raumerfahrung mit Lichtinstallation. So wurde es bei der Premiere in Reykjavík im Mai 2014 sowie im Anschluss u.a. in New York und Chicago aufgeführt, bevor ICE die Kompositionen gemeinsam mit Thorvaldsdóttir in den labeleigenen Solo Luminus Studios in Boyce, Virginia, für diesen Tonträger eingespielt haben. Entscheidend dabei ist, dass für all jene, die sich mit einer schnöden Stereomischung nicht zufriedengeben möchten, eine Pure Audio Blu-ray Disc mit den Tonformaten 5.1 DTS HD und dem unter Audiophilen derzeit angesagten Surround-Sound 9.1 Auro-3D Audio mit enthalten ist. Wer die nötigen Wiedergabegeräte dafür zur Verfügung hat, wird über diese Klangerfahrung ausgesprochen beglückt sein.

Allen anderen bleibt immerhin ein sehr guter CD-Mix, und eine weitere Etappe im exzellenten Werk einer der derzeit spannendsten jungen KomponistInnen, wenngleich sich »In the Light of Air« nicht als nachdrücklichster Einstieg in ihr Schaffen empfiehlt. Es handelt sich hierbei um eine entfernte Fortschreibung des impressionistischen Stils von etwa Erik Satie oder Morton Feldman, jedoch zeitgenössisch und innovativ gefiltert durch die Naturmystik isländischer Spleenigkeit. Hörbar verwandt sind diese rund 45 Minuten auch mit dem vom Ensemble Nordic Affect auf den CDs »Clockworking« und »Aerial« vertretenen Stück »Shades of Silence«, denn auch »In the Light of Air« greift zu ähnlichen Bildern mit Viola, Cello, Harfe und Klavier; hinzu kommen hier eigens entwickelte metallische Perkussion und elektronische Elementen der Komponistin.

Die vier, in einem »durchgehenden Fluss einer Textur von Klangmalerei und Harmonien« konstruierten Sätze tragen die Titel »Luminance«, »Serenity«, »Existence« und »Remembrance«, also in etwa »Helligkeit«, »Heiterkeit«, »Sein« und »Gedächtnis«. Als geschickte Zugabe schließt sich daran noch das knapp elfminütige, den Fokus auf den Cellisten, den Auftraggeber Michael Nicolas, lenkende »Transitions« an. »Mann und Maschine« umschreibt Anna Thorvaldsdóttir hierfür den thematischen Kreis: Der Interpret soll Teil seines Instrument werden (oder andersherum). (ijb)

Anna S. Thorvaldsdóttir (Þorvaldsdóttir): In the Light of Air: ICE performs Anna Thorvaldsdottir

Video-Link Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.annathorvalds.com



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