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Alle Rezensionen zu Orka
(Genre »Pop«, Land »Färöer«)

 

Leipzig
(2014, Tutl/Cargo HJF362 | 63993506401)

Eine seltsame –und seltsam undefinierbare– Platte ist der färöischen Band Orka mit ihrem vierten Album »LEIPZIG« gelungen. Die Covergrafik auf patiniertem Grund kündigt diese Orts- und Zeitlosigkeit an: Ist es stalinistische Architektur, konstruktivistische Kunst oder eher ein völlig beliebiges geometrisches Etwas, das sich womöglich nicht entscheiden kann, sich zu materialisieren? So in der Art kann man auch die 17 Tracks einzuordnen versuchen, die größtenteils im über 100 Jahre alten Lichtspielhaus »UT Connewitz« in Leipzig, teils aber auch in Paris, in Sibrandahús und auf den Färöern aufgenommen wurden.

Ganz anders als früher klingen Orka nun, von der anfänglichen Rockmusik und Brachialität nicht die geringste Spur mehr. Dafür wattige, schwebende Nachtstimmungen, triste Düsternis, Trips in Undergroundclubs... stets evozieren die Stücke visuelle Assoziationen. Manchmal wähnt man sich unerwartet in einem vergessenen Elektro-Popsong der Achtziger Jahre, das Klangbild vom Schleier der Jahrzehnte verhangen. Auch wenn die Rhythmusbausteine mit einiger Detailgenauigkeit gefrickelt wurden, bleibt alles im Downtempobereich, Texte sind nur sporadisch verständlich; als Upbeat-Nummer mit latentem Mitsingcharakter ließe sich am ehesten der zwei Minuten kurze Indie-Pop »Sing« ausmachen, der allerdings direkt von dubbiger Coolness abgelöst wird. So springt das ganze Werk unablässig zwischen unbequemen Stimmungen und unangepassten Anti-Popsongs hin und her, wie eine Zeitkapsel aus einem Paralleluniversum. (ijb)

 Orka: Leipzig

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.orcaonline.com

   

Óró
(2010, Tutl/VME HJF262LP / IDA076)

Das zweite Album der Färinger kommt ähnlich düster wie ihr Debüt daher, allerdings weitaus verwaschener. Kanten wurden eingenebelt, doch dreht man etwa bei »Hungur« oder »Fylgið« die Lautstärke ordentlich auf, dann fliegen einem die Eisenstangen und der Theaterdonner fast Neubauten-mäßig um die Ohren. Zumeist folgt »ÓRÓ« allerdings der Spur eines verhalteneren, latent industriellen Underground-Pop, versetzt mit No-Folk-Elektronik-Gebastel.

Große Wehmut durchzieht die zehn Songs, ein wenig gothic, aber mehr Atmosphäre mit Glockenhall und eisigem Wind als laute Pose. Kein Wunder, wurde die Scheibe in einem (k)alten Lagerhaus am Hafen Tórshavns eingespielt, im verschneiten Februar, ergänzt durch Klangexperimente mit alten Utensilien im nahen Krankenhaus. Orka stellen sich etwas verloren ins weite Feld zwischen Rock und Schwebe-Elektronik. Nur punktuell, so in »Tað vakrasta«, bemühen sie sich um einen beatlastigeren Ansatz, zwar elektrisch aufgeputscht, doch wenig prägnant. In seiner düsteren Tristesse eher eine Aus- als eine Einladung, die Färöer zu besuchen. (ijb)

Audio-Link Video-Link

   

Livandi Oyða
(2008, Tutl HJF162)

Ist man unvorsichtig, dann überwältigt einem die Brutalität dieser Musik mit der elementaren Kraft einer nordatlantischen Welle, die über die Kaimauer klatscht. Nach Luft schnappend denkt man: »Was, um alles in der Welt, war denn das«? Das Quintett von den Inseln hat fast alle Instrumente, die auf dem Debütalbum »LIVANDI OYDA« verwendet werden, aus Gerätschaften zusammengebaut, die sich im Umkreis einer Scheune finden lassen. Eine Orgel besteht aus Flaschen, der Bass ist ein umfunktionierter Zaunpfahl, die Harfe aus den Einzelteilen einer Fernsehantenne gefertigt. Aufgenommen wurde in eben jener Scheune. Im Ergebnis klingt das gewalttätig, roh, orkanzerzaust und unglaublich kraftvoll. Ungeheure, nie gehörte Töne.

Wäre Tom Waits ein Matrose mit rauen Händen, würde er sich nahtlos in das Ensemble einfügen. Die auf faröisch vorgetragenen Songs klingen gleichermaßen nach Trinkballaden, blutrünstigen Sagas und Gruselgeschichten. Nebel wabern über nassdunstige, schroffe Landschaften. Dabei erschaffen Orka eine archaische Postmoderne, indem sie in Worte und Taten auf den Spuren der Einstürzenden Neubauten wandeln. Weitere Brüder im Geiste sind Kaizers Orchestra mit ihrer anarchischen, völlig gegen den Strich gebürsteten Interpretation von Traditionalismus. Orka-Sänger Kári Sverisson kann einem Angst einjagen, so wie der fliegende, verfluchte Holländer. Sollte er aber nicht, dafür liegen hier viel zu viel Aufbruch, Intensität und lustvolle Zerstörung in der Luft. Allein durch die intelligenten Elektronikspielereien, die hier hintergründig eingewebt sind. Soll uns doch die nächste Atlantikwelle attackieren! Wo die Angst ist, da geht es bekanntermaßen lang! (emv)



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