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Alle Rezensionen zu Tromsø Kammerorkester
(Genre »Klassik«, Land »Norwegen«)

 

Perspectives (69°42’ North — 19°00’ East)
(2012, Simax/Grappa PSC 1302)

Die Geokoordinaten von Tromsø sind 69°42’ N, 19°00’ E, und sie verweisen entsprechend auch auf das dortige Kammerorchester, Norwegens einziges professionelles Vollzeit-Kammerorchester, 2006 bis 2012 unter der künstlerischen Leitung des Violinisten Kolbjørn Holthe. Vor seiner Ablösung durch Henning Kraggerud spielte Holthe mit dem Ensemble dieses wunderbare paneuropäische Programm scheinbar unvereinbarer Komponisten ein. Mit »PERSPECTIVES« sind natürlich einerseits die Perspektiven gemeint, mit denen das Orchester das eigene, vielseitige Können präsentieren möchte, anhand von Werken, deren Entstehungszeitraum 99 Jahre und europäische Geschichte umfasst: den fragilen Impressionismus von Webern, das hochemotionale Forte in Pärts »Cantus in memoriam Benjamin Britten«, die abgründige Feierlichkeit in Lutosławskis »Musique funèbre«, die heitere, wenn nicht gar alberne Verspieltheit des 1971 geborenen Schweden Fredrik Högberg und Kurtágs zwei Minuten kurzes Streichquartett »Aus der Ferne III«.

Wichtiger vielleicht sind die Perspektiven auf Tromsø und im Weiteren auch auf die weithin kaum beachtete Region Nordnorwegen, sowie die arktischen Kontraste im Speziellen, wie Tor Espen Aspaas in seinem anregenden Text im Beiheft ausführt. Die ersten drei Werke haben seiner Ansicht nach einen klaren Bezug zur Extremsituation der arktischen Nacht: für Webern, den zeitlebens Erfolglosen, der zwei Weltkriege und den Tod des Sohnes durchlebte, sei dies eine Lebenserfahrung gewesen. Auch Pärt, der in seinem »Tinntinnabuli«-Stil das Extreme suchte und in Form dieser frühen, auf den Tod Brittens hin in diesem Stil verfassten Komposition, fand einen klagevollen Ausdruck.

Während Kurtág mit stillem Zweifel die arktische Nacht beendet, springt Högbergs Konzert für Kontrabass die Sinne förmlich an, wie das Auftauchen der Sonne nach dem langen, bedrückenden polaren Winter, ein geradezu physisch kontrastreiches Werk in postmodernem Stil, ein surrealer Mix aus Einflüssen von Pop und Neoklassizimus (und Videospielen), mit fast 20 Minuten das längste dieser CD, das es aber im direkten Vergleich mit den großen Meistern auch etwas schwer hat, aus deren großen Schatten zu treten. Vielleicht ist dieses Ungleichgewicht aber auch genau so gemeint. Lutosławski zum Abschluss zieht das Programm ein wenig ins Schwere, doch der Kontext, in den das Kammerorchester dieses intensive Werk stellt und mit welcher Hingabe die Musiker es darbieten, macht »PERSPECTIVES« zu einer runden Sache. (ijb)



Siehe auch:
Arvo Pärt
Arctic Philharmonic Orchestra & Lindberg: Tschaikowsky
Tor Espen Aspaas
Dan Styffe

 Tromsø Kammerorkester: Perspectives (69°42’ North — 19°00’ East)



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